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Küssen auf russisch

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.
Sie hat sich nach Küssen umgesehen – in Gedichten und Romanen. Sie kramte in ihren filmischen Erinnerungen und suchte in Galerien nach entsprechenden Gemälden. Was für einen Spaß das Tatjana Kuschtewskaja machte, merkt man beim Lesen. Und welche Freude erst, als Tochter Janina, die als freie Künstlerin in Moskau wohnt, ihr zum Text 29 Tuschzeichnungen nach Essen schickte! Ja, seit 1991 lebt Tatjana Kuschtewskaja in Deutschland – um der Liebe willen, wie schon mal von ihr zu hören war.

Schon wie sie das Wort »Liebe« ausspricht, klingt auch in Deutsch anders als bei unsereinem. Da zweifelt von vornherein keiner mehr, dass »Küssen auf russisch« von besonderer Leidenschaftlichkeit ist. Selbst unter Staatsmännern reicht es nicht, sich bloß die Hand zu schütteln. Der sozialistische Bruderkuss – Honecker und Breshnew wurden so von dem russischen Maler Dmitri Wrubel an der Berliner Mauer verewigt – gehörte zum guten Ton. Der Kuss Gorbatschows für Honecker (die Autorin war dabei) soll sogar noch inniger gewesen sein ...

Es kommt auch der Ikonenkuss im Buch vor, und das Rezept für den Cocktail »Engelskuss« wird verraten, ein Kuss in Bronze, den Tatjana Kuschtewskaja tatsächlich für einen Piloten anfertigen ließ, der Nasenkuss als jakutischer Brauch und was es sonst noch alles Kurioses gibt. In Irkutsk ist ein junger Mann am Piercingring seiner Freundin festgefroren, und in Moskau wurde 2002 ein Weltrekord im Küssen aufgestellt, der ins Guinness-Buch einging. 2000 Leute küssten sich gleichzeitig auf der Kiewskij-Brücke. Man erfährt von einer soziologischen Untersuchung, wonach Menschen in Industrieländern in einem 70-jährigen Leben 12 000 Stunden mit Erkältungen zubringen, aber nur 296 Stunden beim Küssen, was ungesund ist, wie man sieht.

Aber der größte Teil des Buches gilt der Liebe in Lyrik und Prosa. Mit Arkadij Awertschenko (1881-1925) und Anna Achmatowa (1889-1966) beginnt das »Kuss-Alphabet« und mit Marina Zwetjewa (1892-1941) endet es. Dazwischen viele Berühmtheiten wie Bunin, Dostojewski, Majakowski, Nabokow, Puschkin, Tschechow, Tolstoi ... Aber auch Namen finden sich, von denen wir einst als Slawistikstudenten nicht so viel hörten: etwa Balmont (1867- 1942), Viktor Hofmann (1884-1911) oder Igor Sewerjanin (1887-1941).

Eine ganz eigentümliche Geschichte der russischen Literatur ist da entstanden, die mit ihren vielen kleinen Beschreibungen von Kussszenen immer wieder Lust zu weiterer Erkundung macht. Sollte man nicht Isaak Babels »Dunkle Alleen« mal wieder lesen? Und was ist denn in der Erzählung »Zarin der Küsse« von Fjodor Sologub wirklich passiert? Es freut einen, wie Balzac 17 Jahre darauf wartete, bis eine ukrainische Adlige verwitwet war, was für wunderbare Briefe Anton Tschechow an seine Olga schrieb und wie Michail Prischwin spät erfuhr, was Liebe ist. »Sie ging, und in meiner Brust blieb eine Taube zurück«, schrieb er am 27. Februar 1940 in sein Tagebuch. »In der Nacht wachte ich auf – die Taube rüttelte mit den Flügeln. Am Morgen erhob ich mich – die Taube flatterte weiter in mir! ...«

Was vielleicht nicht mal allen Sprachkundigen klar ist: dass zelowat (küssen) eine gemeinsame Wurzel mit zely (ganz, unversehrt) und iszeljat (heilen) hat. Jedoch kommt der Name der Pozelujew-Brücke in St.Petersburg nicht von Pozeluj (Kuss), sondern von einem Kaufmann namens Pozelujew, der dort in der Nähe eine Getränkehandlung hatte. Als Tatjana Kuschtewskaja allerdings auf eben dieser Brücke, die über die Moika führt, an einem Ostersonntag einem Mann begegnete, der sie mit »Christus ist auferstanden« grüßte, musste sie dem orthodoxen Brauch Genüge tun, was sie in dem Kapitel »X-Beliebige« festgehalten hat.

Tatjana Kuschtewskaja: Küssen auf russisch. Grupello Verlag. 161 S., geb., 22,90 EUR.

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