Beobachter

Richard Heß am Gendarmenmarkt Berlin:

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Der Berliner Prof. Richard Heß konnte im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag feiern und ist weiterhin ungemindert produktiv. Er zeigt neuere Werke, kombiniert mit einigen älteren, damit sichtbar wird, wie dauerhaft und prinzipienfest, aber auch wie frisch und modifizierbar sein Kunstbegriff ist.

Die große Zahl seiner im öffentlichen Raum wirkenden Werke und seiner Ausstellungen belegt, wie sehr es ihm gelungen ist, seine Plastik für viele Zeitgenossen zu etwas Wichtigem zu machen – und das auch in Italien, einem Land mit einer so großartigen Tradition von Bildhauerkunst und einer so skeptischen Einstellung zu deutscher Art und Kunst. Man wird nicht so leicht ein Korrespondierendes Mitglied der Accademia Nazionale di San Luca!

Heß geht konsequent vom Anschauen der Realität aus, selbst wenn er einmal einen Ausflug in die Mythologie macht. Viele Kunstkritiker nennen ihn zu Recht einen Beobachter. Er bleibt dabei freilich nie gleichgültig, nimmt vielmehr Anteil, und zwar völlig unsentimental, und wertet, gegebenenfalls zu Recht voll Zorn, aber niemals plakativ agitierend.

Er hat sich in die großartigen Traditionen europäischer plastischer Menschendarstellungen gestellt und die Reduktion auf ein ungegenständliches bloßes Formenspiel ebenso vehement abgelehnt wie den Rückgriff auf Variationen von Primitivität. Für ihn ist die menschliche Figur ein kultureller Wert, und zwar vorzugsweise als ein unversehrtes Ganzes. Ebenso traditionsverbunden bevorzugt er die sinnlich anziehende weibliche Figur, weil er ein Mann ist, und weil die gerundeten, vom Kern her die Oberflächen spannenden Formen einen Inbegriff von Plastik ergeben.

Eine der Ursachen für die Anziehungs- und Wirkungskraft der Werke von Richard Heß dürfte sein, dass jedes mehrfach und auch gegensätzlich zu verstehen ist und damit unser eigenes Mitdenken herausfordert. Die Bilder von menschlichem Dasein, zu denen es Heß drängt, preisen einerseits Lebenskraft und Sinneslust, zeigen andererseits deren Gefährdung, Verletzung, Zerstörung an – mit Abstufungen zwischen diesen Polen. Heß hat immer wieder Gestalten geschaffen, die ganz heftig Gewalttätigkeit in Krieg und Völkermord anprangern.

Diesmal konzentriert er sich auf stillere Bilder, die von einem persönlichen Leid oder der Verlassenheit eines einsamen Trinkers erzählen. Mit sparsamen Formen werden psychische Vorgänge erfasst. Das gilt ebenso für Figuren, aus denen Lebensbejahung spricht, wie der »Bella Cesenate«, der Schönen, die er in Cesena beobachtete. Immer ist auch ein Moment der verunsicherten Frage im Spiel, das verhindert, dass es zu einer wirklichkeitsfremden platten Idealisierung kommt.

Für den Realismus von Heß ist es zwingend, dass er an seinen Figuren innere Widersprüche aufdeckt. Badende sind ein Lieblingsthema in der Plastik seit dem 19. Jahrhundert. Die »Badende, VI« von 2003 fasst dieses Thema anscheinend ganz genrehaft auf. Die Haltung der Frau und das Badetuch lassen irgendwie an Sauna denken. Aber die verängstigt Wirkende sitzt so an einer Kante, als könnte sie gleich in einen Abgrund gestoßen werden, und ihr Gesicht, ganz anders modelliert als der Leib, ist zu einer dümmlich glotzenden Maske stilisiert. Ist das eine scherzhafte Karikatur oder eine beklemmende Lebensallegorie? Wohl eher das Letztere.

Heß hält daran fest, dass ein plastisches Bildwerk unbewegt und unveränderlich ist, kein Mobile. Aber seine Figuren zeigen fast durchgängig Bewegung, eine momentane Drehung, eine rasche Wendung, oder sie suggerieren auf andere Weise Veränderung und zeitlichen Verlauf. So auch durch die Gestaltung von Torsi, die an Verlorengegangenes erinnern oder künftige Vollendung andeuten können. Nur das sich Ändernde wird der Wirklichkeit gerecht, die in ständigem Fluss ist.

Künstler gelten nicht länger als Seher, die Wahrheit und Zukunft verkünden. Aber die besten unter ihnen können uns Mögliches und Wahrscheinliches, das heißt das, was als Wahrheit erscheint, vor Augen führen: warnend, hoffend und vielleicht ermutigend. Die Kunst von Richard Heß leistet das.

Galerie am Gendarmenmarkt, Taubenstr. 20, Berlin-Mitte; bis 20. 4., Di-So 14-20 Uhr.

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