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Friedliche Leute

Johano Strasser sieht im Banal-Alltäglichen das Bewahrenswerte

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Vresen: irgendwo zwischen Bremen, Hamburg und Hannover, Kleinstadt mit Einfamilienhäusern, gepflegten Vorgärten, Gardinen und Blumentöpfen vor den Fenstern. Es gibt zwei Gaststätten, das italienische Restaurant »Alla Roba Rossa« von Giulio und die Kneipe von Karl, die diesem »Provinzroman« den Namen gibt. Im »Bossa Nova« treffen sich die Männer, plaudern über dies und jenes. Mit dem Ich-Erzähler sind wir dabei. Der ist Beamter beim Amtsgericht, seit über 30 Jahren offenbar recht glücklich mit seiner Frau Elke zusammen; die Kinder sind aus dem Haus.

Üblicherweise schildern Autoren solch eine Situation, um sie durch eine unerhörte Begebenheit aufzubrechen oder, das ist auch sehr beliebt, um ihre Gestalten zu denunzieren, weil sie in einem muffigen Milieu feststecken. Da würde sich der Ich-Erzähler mit allerlei Frust herumplagen, seine Umwelt als verlogen empfinden, sich aber zum Mitspielen gezwungen sehen. Und der Autor könnte sich als geheimer Aufrührer fühlen, weil er mit dem Kleinbürgertum abrechnet, dem er wahrscheinlich selbst entstammt.

Aber in diesem Buch wird »nur« normaler Alltag beschrieben: Alfred, dem der Kiosk am Gericht gehört, hat seinen Hund abgeschafft, weil er in seinem Leben noch mal auf eine große Reise gehen will, woraus am Ende aber dann doch nichts wird. Der Sturm hat einen Baum umgekippt; man findet sich zusammen, um ihn zu zersägen und erlebt das Hochgefühl der Gemeinschaftlichkeit. Oder mehrere Leute aus dem Ort haben in ein Projekt investiert und wurden um ihr Geld geprellt. Da bekommt Hella im Zorn sogar kurzzeitig politische Ambitionen, und ihr langjähriger Freund geht mit ihr aufs Standensamt. Wenig später meldet er sich allerdings zum Brunnenbau nach Südafrika. Da sieht es so aus, als ob Hella von Meergans getröstet wird. Rita macht sich Sorgen um ihre Tochter Silvie und um Bernd, der ihr viel bedeutet. Krebs. Bernds Frau Barbara will sich ihre Angst nicht anmerken lassen. Mit Rita und Elke gründet sie ein Geschäft ... Und so weiter und so fort. Mit solcherlei Alltagsbegebenheiten könnte Johano Strasser Bände um Bände füllen bis zu des Ich-Erzählers Tod.

Dass aus dem Banalen Literatur wird, verdankt sich nicht zuletzt einer Verabredung, die der Autor von Anfang an mit dem Leser trifft: im Immergleichen etwas Bedeutsames zu sehen. Was in Vresen passiert, geschieht täglich in Tausenden von Provinznestern auf der Welt. »Unser Leben hat nichts Romanhaftes, nichts Dramatisches. Wir hier müssen sehen, wie wir ohne Regieanweisungen durchs Leben kommen, jeder auf seine Weise. Das ist eigentlich schon alles: durchs Leben kommen.«

Damit ist eine tiefe Erfahrung des Lesers angesprochen. Man wird also hier nicht in fremde, spannendere Welten entführt, sondern soll auf eine ganz leise Weise den Wert seiner eigenen erfahren. Wer hat sich nicht schon viel Größeres erhofft und sich dann mit banalen Abläufen zufrieden geben müssen. Das Gefühl, dass da noch etwas anderes sein könnte, zu dem man bloß aufzubrechen brauchte, wer kennt es nicht. Wer fürchtet sich nicht vor der Leere, die letztlich der Tod ist, aber in die man auch schon viel früher hineinstürzen kann.

Halte durch. Tu Gutes, wenn du kannst. Diese unausgesprochene Aufforderung klingt immer wieder aus dem Buch. Denn das Geringe ist in Wirklichkeit groß. »Vielleicht haben wir hier, ohne es zu wissen, eine Aufgabe zu erfüllen, eine Aufgabe, die von Belang ist, nicht nur für uns, sondern für eine höhere Instanz«, sinniert der Ich-Erzähler. Vielleicht sei da an einer »inneren Grenze« etwas zu verteidigen gegen »eine Leere, die, wenn wir nicht achtgeben, sich ausbreitet, bis sie alles erfaßt, eines Tages vielleicht sogar die leuchtenden Metropolen.« Das klingt wie eine hochernste Warnung des Autors, der bekanntlich Politikwissenschaftler ist und dessen belletristische Bücher auch immer etwas Essayistisches haben.

Das Banal-Alltägliche als Lebensbehauptung im existenziellen Sinne, klar. Aber ist es schon soweit, darin die letzte Bastion sehen zu müssen in einer sich immer mehr ausbreitenden und vertiefenden gesellschaftlichen Krise? Es gibt Leute, die sich an Krisen erfreuen, weil sie nach dem Zusammenbruch auf etwas Grandioses hoffen. Vielleicht hat ja auch Johano Strasser, als er jung war, zu jenen gehört, die das Kleinbürgertum als reaktionär verachteten. In der Kneipe »Bossa Nova« ist es immer noch ein Höhepunkt, wenn Karl die Gitarre von der Wand nimmt und »Commandante Che Guevara« singt. Er hat es als ganz persönliche Niederlage empfunden, als Ernesto Cardenal vor dem Papst niederkniete und vergeblich versuchte, seinen Ring zu küssen. Und überhaupt ist etwas zerbrochen. Auch ist man schon nicht mehr so jung.

Ein Buch, das es in sich hat, so unprätentiös es scheint. Es hat etwas Pädagogisches, denn es sind positive Geschichten. Darüber, wie man einander beisteht, auch wenn man vielleicht doch nicht so viel voneinander weiß, wie man dem anderen Freiraum gibt, Konflikten die Spitze abbricht, indem man Störendes beredet oder es eben auf sich beruhen lässt. Den anderen akzeptieren, nicht mehr verlangen als möglich ist. Zu bescheiden? Aber Frieden zu halten, ist auch eine zivilisatorische Errungenschaft.

Johano Strasser: Bossa Nova. Ein Provinzroman. Pendo Verlag. 171 S., geb., 16,90 EUR.

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