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Weibsbilder – Frauenbilder – Menschenbilder

Im Kino: Der Dokumentarfilm »Sag’ mir, wo die Schönen sind« von Gunther Scholz

Sie wollten »Miss Leipzig« werden, nicht »Miss World«. Tausende junger Frauen meldeten sich, als eine Leipziger Tageszeitung im Frühjahr 1989 zur ersten Miss-Wahl der DDR aufrief. Die adretten, munteren Frauen wollten Gleichförmigkeit und Erstarrung ihres Lebens durch einen außergewöhnlichen Ausscheid aufbrechen, eine so noch nie in der DDR veranstaltete Schönheitskonkurrenz in der ansonsten mit Wettbewerben überreich gesegneten DDR. Nur ein paar Monate vor den berühmten Leipziger Montags-Demos und vorm Ende der DDR, von dem seinerzeit keiner auch nur etwas ahnte, wollten sie einen wenigstens individuellen Eigenanspruch formulieren und damit – und sei es auch nur kurzzeitig – dem lähmenden Einerlei entgehen. Eine naive Utopie des kleinen Schrittes.

Der Fotograf Gerhard Gäbler, seinerzeit noch Student an der renommierten Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst, fotografierte die Bewerberinnen jeweils in Posen eigener Wahl und interviewte viele von ihnen mit einem kleinen Aufnahmegerät. Dieses kostbare, auch soziologisch aufschlussreiche Material bildete die Basis für den Film (Regie: Gunther Scholz, Kamera: Peter Badel, beide haben noch bei der DEFA ihre Filmkarrieren begonnen).

Knapp zwei Jahrzehnte später zeigt der Film, was aus neun von ihnen geworden ist: von Leipzig in die Welt – nach Koblenz, Dubai, Zürich oder noch immer in Leipzig, in Altenpflege, Mövenpick, Arbeitslosigkeit und Spirituelles. Die Filmemacher befragten sie und drehten sie in ihren heutigen Befindlichkeiten. Damit setzt sich ein ungewöhnlich interessantes und höchst lebendiges Gruppenporträt moderner Frauen zusammen, deren ostdeutsche Herkunft und Sozialisation nicht zu überhören ist und – was wichtiger scheint – die sie auch nicht leugnen.

Nichts als ihre Erinnerung an jenen Wettbewerb und an ihre Teilnahme eint heute die neun. Und gemeinsam ist ihnen die Erinnerung an ihr Leben »davor« in Leipzig, DDR. Darüber sprechen sie sehr konkret, sehr offen und außergewöhnlich anschaulich. Sie vermischen durchaus nicht die beiden Lebens-»Teile« und projizieren auch nicht heutige Sichten auf damals. Im Gegenteil: Gefiltert durch ihre durchaus komplikationsreichen beruflichen und privaten Entwicklungen seither blicken sie gelassen, erstaunlich differenziert und souverän zurück, verschweigen nichts, keine noch so große »Unannehmlichkeit«, und finden – ohne Verabredung untereinander – zu einer stimmigen, lockeren Heiterkeit, die an Marx’ Gedanken erinnert, dass die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide. (Hier liegt ein ganz erheblicher und sehr wohltuender Unterschied zu den vielen DDR-Ostalgie-Komödien.) Diese Frauen sind im »neuen« Leben angekommen, wenn auch nicht ohne Widersprüche und Irritationen. Ihr Ich in ihrer Vergangenheit und in ihrer heutigen Umwelt setzt den Maßstab für Lebenserwartung, Wohlbefinden und Tatkraft. Dieses Gesamtbild setzt sich wohltuend von den heutzutage so weit verbreiteten oberflächlichen Glamours und Smalltalks ab.

Die Struktur dieses Films bestimmt auch seine Qualität. Der Zeitsprung von damals zu heute ist ein bewährtes Dokumentarfilm-Prinzip: Der Kontrast wirkt besonders erfrischend, wenn er so locker und souverän mit gelebtem Leben aufgefüllt wird wie hier. Ebenso überzeugt der Verzicht auf jeden Autorenkommentar, denn das kunstvolle Ineinandersetzen der Aussagen der einzelnen Frauen in der Parallel-Montage braucht keinen Rat von außen. (Der Titel des Films spielt mit dem Titel eines berühmten Marlene-Dietrich-Songs und irritiert.)

Das Gruppenporträt bietet nur einen Ausschnitt aus den Lebenswelten moderner Frauen. Aber es wäre gewiss sehr verlockend, diesen Ausschnitt »hochzurechnen«. Da würde dann wohl auch eine neue Illusion aufscheinen. Aber es macht ganz einfach Spaß, diesen Frauen zuzusehen und zuzuhören.

Nächste Vorführung in Berlin: Montag, 31.3., 19.30 Uhr, Kino Toni, Berlin-Weißensee.

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