Werbung

Nirgends hat das Nichts mehr Substanz

Die 175. Ausgabe von »Wetten, dass …?« steht erneut unter erhöhter Aufmerksamkeit

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Baut das ZDF-Zugpferd weiter ab? Langweilt Gottschalk (Foto: dpa) sich und andere? Wird tüchtig schleich-geworben? Das sind nur einige der Fragen, die zur erfolgreichsten Fernsehshow Europas und ihrem Star gestellt werden. Versuchen wir, einen Lagebericht zu geben.

Eines kann man Thomas Gottschalk gewiss nicht vorwerfen: einen Mangel an Selbstironie. »Tiefschürfende Interviews wird's auch da nicht mit mir geben«, sagte Deutschlands größter Fernsehentertainer unlängst bei der Präsentation eines neuen Formats und lachte, »aber das erwartet ja auch keiner von mir«. In der Tat. Denn ob »Musical Showstar 2008«, sein Singspiel-Casting ab kommenden Montag, oder »Wetten, dass …?« zwei Tage zuvor – verglichen mit Gottschalks Befragungen ist heiße Luft geradezu abendfüllend. Seltsam nur, dass ihm das so viele nachsehen, besonders bei seinem Dauerbrenner.

Zum 175. Mal läuft die Wettshow nun im Zweiten und das heißt nicht 175 Mal irgendeine Unterhaltungssendung, sondern ein Konzentrat ihres Wesens, das sechs, sieben Mal im Jahr die Massen vorm Fernseher bannt, als sei es ein medialer Fahneneid. Und wenn sein Zeremonienmeister in Operettenuniform zum Appell ruft, kann er die immer gleichen Witze zwischen immer gleichen Wettpaten reißen – das Quotenvolk folgt ihm am Samstagabend, auch beim achten Auftritt von Iris Berben und dem zwölften Peter Maffays.

Nirgends hat das Nichts mehr Substanz und gerinnt gleichsam zur »Essenz des (deutschen) Fernsehens«, wie der Medienanalytiker Georg Seeßlen schreibt: Intimität und Glamour, Spannung und Alltäglichkeit, Knabbergebäck und »Bild«-Schlagzeile, Größenwahn und Muckertum.

Doch 27 Jahre, nachdem Frank Elstner die Show aus der Taufe gehoben hat, sinkt deren Stern rapide. »Es ging immer rauf«, schilderte Gottschalk der Wochenzeitung »Die Zeit« kürzlich seine Karriere, »aber irgendwann bist du oben. Und dann gibt's halt nur noch eine Richtung …«. Abwärts etwa? Runter vom Olymp des Quotenmessens, der 1985 mit 24 Millionen Zuschauern seinen Gipfel erreichte und selbst 20 Jahre danach fast jeden zweiten Zuschauer erreicht?

In der Tat – der Zuspruch sinkt. Nicht erdrutschartig, aber kontinuierlich. Das hat vor allem einen Grund: Die Konkurrenz muckt auf. Der Show-Dino lebe davon, keine Feinde zu haben, sagte mit Stefan Raab einer ihrer Vertreter zum 25. Geburtstag von »Wetten, dass …?«. Das sei wie mit den Kängurus in Australien: »Die werden auch immer mehr, weil keiner da ist, der sie frisst.« Nun haben die ersten zugebissen. Als RTL vorigen Sommer seine Variante ästhetischer Stagnation nach dem Führerprinzip (»Wer wird Millionär?«) gegen das ZDF postierte und Pro7 parallel zum Tanzwettbewerb »Let's dance« rief, fiel das ZDF in den einstelligen Millionenbereich. Eine Premiere. Nicht mal Wolfgang Lippert, der Gottschalks Ausflug ins Late-Night-Fach 1992 mit dem Glamour einer Nacktschnecke überbrückte, hatte so schwache Zahlen. Dass auch Günter Jauch einen Tiefstwert verbuchte, machte es nicht besser. »Manchmal spüre ich einen Druck, den ich früher nicht kannte«, offenbart Gottschalk heute. Warum er, der Werbemillionär mit Sitz in Kalifornien und einem Schloss im Rheinland, den noch erduldet, fragt sich nicht nur der heute 57-Jährige, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Wer lässt denn noch ein gutes Haar an der Show, die Frank Elstner im Schlaf erfunden hat, die aber erst dank Gottschalk zur Marke wurde? Die in China, Russland, Amerika läuft, quotenmäßig nur noch von Live-Sport übertroffen wird und lange Zeit unantastbar schien?

Seit die Landesmedienanstalten vor sechs Jahren die permanente Schleichwerbung bei »Wetten, dass …?« anprangerten, seit das ständige Gummibärenfischen, Post-Bank-Preisen und Filmstart-Bewerben auf dem Wettsofa kritisiert werden und Thommy, der nachblondierte Berufsjugendliche, als Lustgreis gilt, der schönen Wettpatinnen an die Abendwäsche geht, seither geht es bergab mit der Sendung. Und die Macher dahinter – vom ZDF über Gottschalk selbst bis hin zu Dolce Media, der Vermarktungsfirma seines Bruders Christoph – stecken in einer Falle, die den ganzen Sender gefangen hält: Wechselt man das Konzept, springen die Älteren ab, ohne dass Jüngere nachkämen. In der ersten Sendung des Jahres waren keine vier Millionen aus der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen dabei. Und da nebenan »Deutschland sucht den Superstar« lief, dürften auch die Kinder bei RTL gelandet sein. »Wir haben auch schon früher junge Zuschauer über privatfernseherfahrene Gäste gebunden«, sagt der zuständige ZDF-Redakteur Peter Gruhne. Dennoch würden Änderungen am Grundkonzept nur schaden. »Das ist wie bei Dinner for One.« Welch ein Vergleich! So spiegeln sich im Paradeprodukt des ZDF zugleich Beharrlichkeit und Erosion öffentlich-rechtlicher Fernsehmechanik wider.

Der Gebührenfunk hechelt den Kommerziellen hinterher, als sei er in der Midlifcrisis. Auch wenn Gottschalk nun »Musical Showstars« für das Rollschuhsingspiel »Starlight Express« sucht, wird er also wieder Fernsehen fürs Publi-kum von gestern mit Mitteln von heute servieren. Mit Gottschalk als »Kellner, der die Bestellungen rausträgt«, wie er es formuliert. Thommy im zweiten Glied? Unvorstellbar.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!