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Absahnen und Tee trinken

Lebenskünstler erklären Hartz IV für sich zum Trotzkult in »Berlin für Arme«

  • Von Almut Schröter
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein vom Hartz-IV-Schicksal geplagtes Kind will Dampfer fahren, und dafür reicht die Haushaltskasse nicht? Kein Problem. Öffentliche Verkehrsmittel bringen die Familie per Sozialticket zur nächstgelegenen BVG-Fähre. Auch mit der kann man »in See stechen«.

Das ist ein guter, wenn auch der einzige Tipp für Kinder in dem Buch »Berlin für Arme« aus dem Eichborn Verlag. Ansonsten haben die Autoren Bernd und Luise Wagner in ihrem »Stadtführer für Lebenskünstler« mit sich zu tun.

»Wie werde ich arm?« ist ihre Ausgangsfrage. Arbeitslosigkeit kann ein zuverlässiger Weg dorthin sein. Weil das viele betrifft, wollen sie mit dem Leser »gemeinsame Wege finden, das, was wir brauchen, mit Würde und Intelligenz zu erwerben und zu nutzen«. Wer nicht aufgibt, den kann die magere finanzielle Situation durchaus kreativ machen. Bei Wegen zu Ämtern helfen Erfahrungen. Wagners lotsen den Bedürftigen durchs Arbeitsamt, damit er zügig seinen »Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SG BII)« bewilligt bekommt.

Nun sind der Freiheit keine Grenzen mehr gesetzt. Man kann aus der Not eine Tugend machen. Vorausgesetzt, man lässt sich bei auftauchenden Unbilden wie 1,50-Euro-Job oder angedrohtem Umzug aus der zu großen Wohnung wegen schrecklicher chronischer Leiden krankschreiben.

Kaffee kann man sich nicht immer leisten, räumen Wagners ein. Dann eben Tee – und los geht's. Man muss sich nur bewegen. Nun ist Zeit für kostenlose Lektüre neu erschienener Bücher im Kulturkaufhaus. Zeitungen geben eine Menge Informationen über Geschäfte her, die der Pleite geweiht sind. So kommt man zu guter Kleidung, mit der man sich mit schicken Visitenkarten aus einem KaDeWe-Automaten bei verschiedensten Empfängen und Ausstellungseröffnungen durchfuttern kann. Anorak und Turnschuhe sind da nicht dienlich. Botschaften und Landesvertretungen seien gute Adressen, meinen die Autoren. Ist man einmal auf der Liste, wird man wieder eingeladen. Da kommt dann auch schon mal ein irgendwo gedruckter Journalistenausweis ins Spiel. Es geht mitunter hart an die Grenze des Legalen.

Nun kann man sich empören über diese Lebensart. Unsere Gesellschaft jedoch honoriert zuverlässig »Mehr Schein als Sein«. Das kann man Wagners nicht zum Vorwurf machen. Der Arbeitsmarkt braucht sie nicht. Lebensfreude und Würde wollen sie behalten. Sie richten sich ein und sahnen ab, wo es möglich ist. Hartz IV erklären sie sich zum Trotzkult. Niemand kommt zu Schaden.

Zugleich bleiben die Autoren am Boden, geben Tipps zu günstigem Einkauf von Lebensmitteln, Kleidung und anderes für wenig Geld. Sehr nah sind dabei dem Kleidersammler Humana und eine Buchhandlung, die wiederholt erwähnt wird. Sie empfehlen viele Adressen, nennen eintrittsfreie Kulturtempelzeiten, schildern Tagesausflüge durch die Stadt und bieten eine Karte an, die zeigt, wo man wann welche Kräuter, Gemüse oder Nüsse findet. Um die Tipps zu lesen, kann man sich das Buch kaufen. Schlauer noch, man liest es umsonst und gewinnt beim Quiz darin sogar etwas.

B. u. L. Wagner: Berlin für Arme, Eichborn, 144 S. 8,95 Euro, www.berlinfuerarme.de

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