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Sprachwahrer

Plädoyer für »All die schönen Wörter«

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 3 Min.

Ewiges ist nicht auf Erden als der Wandel«, sagt Hermann Hesse so schön poetisch und elegisch. Man sollte sich beizeiten dieser Wahrheit, deren Erkenntnis hier so wohlformuliert ist, stellen. Dennoch darf man dem Vergangenen oder gerade Vergehenden auch nachtrauern. Manchen Bereich im menschlichen Leben gibt es, in dem man dadurch gar zurückgewinnen, neu erblühen lassen kann, was als verloren galt. Die Sprache zum Beispiel, die Welt der Wörter und Begriffe, die Alltagskommunikation, die sich ständig wandelt. In diesem gebrauchs-intensiven Bereich, im Grundwortschatz – der von Mensch zu Mensch verschieden reich beziehungsweise arm ist –, geht mancherlei im Wortsinne zugrunde, in den Grund des Vergessens. Entweder weil die Gegenstände, die sie bezeichnen, nicht mehr benutzt werden, oder weil diese Worte durch andere, vielleicht kürzere aus einer anderen Sprache, ersetzt werden. Oder aber weil man sie – wie eine dazugehörige Sitte oder Denkweise – als altmodisch empfindet. Zwar gehen weniger Worte verloren, als neu hinzukommen, gerade in unserer Zeit der Explosion von Wissenschaft und Technik, dennoch gibt es schon ganze Listen, die vom Untergang bedrohte Begriffe aufführen. Aber die Argumente der Wächter der deutschen Sprache, die vor der Überschwemmung mit vor allem Anglizismen warnen, oder der Ästheten unter den Sprachnostalgikern wie etwa Dörthe Binkert, sollte überdenken, sein Ja-Wort geben, wer den Zusammenhang von Wort und Tat nicht leugnet, wer den Zauber der Sprache erfühlt.

Die Schweizer Schriftstellerin legte schöne, nette, freundliche, lustige, gewichtige Worte und viele mehr auf ihre Sprach-Goldwaage. Gewogen und der Aufnahme in ihre Arche Noah für wert befunden wurden etwa Abc-Schütze, anmutig und Augenweide. Ob Verb, Substantiv, Adjektiv, von Blümchenkaffee, fabulieren, Geschmeide, Habseligkeiten, irden, juchzen, Knüller, liebreizend, muksch, Nesthäkchen, Ohrwurm, piesacken, Quentchen, Rasierwasser, sinnen, tändeln, unverzagt, vermaledeit, wundersam bis zu zischeln. Sie spürte ihrem Klang, ihrer Bedeutung, ihrer Herkunft nach. Ohne dabei den Anspruch ethymologischer Wörterbücher zu erheben. Ein Plädoyer für die Liebe zur deutschen Sprache mit ihrem Nuancen- und Farbreichtum und für ein bisschen Sorgsamkeit im Umgang mit der alten Dame, damit die Üppigkeit des Faltenwurfs ihrer Kleider erhalten bleibt. Im Verein mit grafisch einfallsreichen Illustrationen von Egbert Herfurth (siehe Abbildung) – gezeichnete amüsante Varianten des Noah im Sisyphos-Kampf mit mannshohen Buchstaben – ist mit diesem Büchlein eine unterhaltsame Beantwortung der Frage gelungen: Sollen sie etwa wirklich aussterben, in den Lumpensack wandern, uns niemals mehr von den Lippen kommen, »all die schönen Wörter«? Das letzte Wort in dieser Angelegenheit haben natürlich Sie, der Leser. Ehrenwort!

Dörthe Binkert: All die schönen Wörter, die wir vor dem Untergang retten sollten. Thiele Verlag, 160 S., geb. 12 EUR.

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