Operation Leinkauf

  • Von Jürgen Elsässer
  • Lesedauer: 3 Min.
Der 1957 geborene Publizist ist seit Anfang April Autor dieser Zeitung.
Der 1957 geborene Publizist ist seit Anfang April Autor dieser Zeitung.

»Es spielen sich in diesen Tagen bei der Berliner Zeitung Szenen ab, die sich eigentlich schon vor 19 Jahren hätten abspielen müssen«, befindet die »Süddeutsche Zeitung«. Was das bayerische Zentralorgan in Wallung über die preußischen Zustände versetzt, ist eine Geschichte aus den Jugendtagen des Journalisten Thomas Leinkauf. »Grund für die Aufregung sind die 120 Blatt Papier, die die Stasi mit Hilfe Leinkaufs, des Magazinchefs der ›Berliner Zei-tung‹, zusammengetragen hat.« Und zwar von 1975 bis 1977, vor über 30 Jahren.

Warum der alte Käse von der Spree selbst die fernen Bajuwaren so in Wallung bringt, erschließt sich mir als Badener nur schwer. Mitte der siebziger Jahre trug die Hälfte meiner Kommilitonen den roten Stern an der Jacke und rauchte Joints unter chinesischen Postern, auf denen Iljitsch telefonierte oder die Katze auf seinem Schoß streichelte. Hätte ich von Lenin oder wenigstens von Mischa Wolf einen Anruf bekommen mit dem Angebot, als »Kundschafter für den Frieden« zu arbeiten – ich hätte nicht Nein gesagt. Einen Grund für Leinkaufs Ja konnte man aus der »Welt« erfahren: Er erklärte »die Bundesrepublik zu einem Hort von Neonazis, in der eine kriminelle Atommafia ihr Unwesen treibe. Für die eigenen Bürger baue sie Feindbilder auf, um ihren aggressiven Kurs rechtfertigen zu können«. Man muss schon ein völlig vertrottelter Springer-Journalist sein oder gleich auf der Gehaltsliste des BND stehen, um das für Stasi-Propaganda zu halten. Die Knüppelorgien der Atombüttel in Brokdorf, die Hatz auf vermeintliche Terrorsympathisanten wie Heinrich Böll, schließlich der rechtsradikale Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest – das war Realität.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man im imperialistischen Ausland US-Stützpunkte ausspionierte – oder im eigenen Land die eigenen Leute bespitzelte, bis ins Intimleben hinein. Leinkaufs Schnüffeleien waren unappetitlich, der schreckliche Übereifer eines halbstarken Kommunisten, für den sich der Erwachsene schämt. Aber, das schreibt selbst die »Süddeutsche«, keiner wurde dadurch geschädigt. Eines seiner Observationsobjekte hat ihn jetzt sogar eigens in einem Leserbrief in Schutz genommen.

Wie auch immer: Die Delikte des Studenten Leinkauf sind längst verjährt und obendrein weitaus harmloser als die des Straßenkämpfers Joschka Fischer. Der ist später sogar Minister geworden – weil er bereit war, einen Angriffskrieg zu führen. Die »Berliner Zeitung«, und das gehört zu ihren Ruhmesblättern, hat diese Aggression gegen Jugoslawien 1999 nicht immer, aber wenigstens manchmal kritisiert. Erinnert sei an die glänzenden Recherchen des damaligen Redakteurs Bo Adam über das unter anderem von Fischer erfundene Massaker von Racak – die wichtigste der Lügen, mit denen das humanitäre Massenbombardement gegen die Serben gerechtfertigt wurde.

Eine solche Zeitung muss auf Kurs gebracht werden. Es genügt nicht, dass Anfang der neunziger Jahre 70 Leute entlassen wurden. Es genügt nicht, dass man sie einer britischen Heuschrecke zum Fraß vorgeworfen hat. Noch immer sind zu viele fähige Schreiber beim Blatt. Josef Depenbrock, in Personalunion Chefredakteur und Geschäftsführer und damit Politkommissar der Heuschrecke, will die Affäre Leinkauf nutzen, um »die Arbeit eines jeden einzelnen Journalisten dieser Redaktion« zu überprüfen. Offensichtlich sollen weitere Köpfe rollen – also die Säuberung nachgeholt werden, die sich die ewigen Kalten Krieger schon vor 19 Jahren wünschten.

Man wünscht sich Erich Böhme zurück, der die Zeitung von 1990 bis 1994 führte. »Ich schnüffle keinem hinterher«, war sein Credo. »Ich habe erklärt, es wird hier freiheitlicher Journalismus gemacht, wer da nicht mitziehen kann, der kann gehen.« Zum Beispiel zur »Welt« oder zur »SZ«.

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