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Drei Kugeln auf Rudi Dutschke

Vor 40 Jahren wurde der Anführer der Außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik niedergeschossen

  • Von Jürgen Elsässer
  • Lesedauer: 7 Min.

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Am 11. April 1968 zerstörten drei Schüsse das Leben von Rudi Dutschke. Der Attentäter handelte als selbst ernannter Vollstrecker einer aufgeputschten Volksmeinung.

Am Morgen des 11.April 1968 kommt der Hilfsarbeiter Josef Bachmann mit dem Interzonenzug aus München im Westberliner Bahnhof Zoo an. Im Schulterhalfter trägt er eine Pistole, eine zweite hat er im Gepäck versteckt. Nach konfuser Sucherei findet der blasse, fast bartlose junge Mann das Objekt seines Hasses: Rudi Dutschke, den charismatischen Vordenker des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS).

In der Nähe des SDS-Büros auf dem Kurfürstendamm erkennt Bachmann den Verhassten, beschimpft ihn als »dreckiges Kommunistenschwein« und streckt ihn mit drei Schüssen nieder. Später gibt er zu Protokoll: »Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt. Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke zersägt.«

Subversive Aktion

Dutschke, Jahrgang 1940, war in Luckenwalde in der DDR aufgewachsen und 1956 in die FDJ eingetreten. Die Niederschlagung der ungarischen Revolte im selben Jahr ließ ihn zu einem Kritiker des realen Sozialismus werden. Er rief zur Verweigerung des Dienstes in der NVA auf, siedelte 1961, kurz vor dem Bau der Mauer, nach Westberlin über und begann ein Studium an der Freien Universität. 1962 gründete er mit Bernd Rabehl eine örtliche Gruppe der aus München stammenden »Subversiven Aktion«. Diese Chaos-Truppe machte in den folgenden zwei Jahren durch Happenings gegen die Autoritäten der Adenauer-Ära, gegen öde Spießigkeit, sexuelle Unterdrückung und »Konsum-Terror« von sich reden. 1964/65 schlossen sich die beiden dem SDS an. Dieser war ursprünglich die Studentenorganisation der SPD gewesen, 1961 jedoch wegen Linkstendenzen von der Partei exkommuniziert worden.

Das Credo der »Subversiven« stand in provokativem Gegensatz zum vorherrschenden Politikverständnis im SDS. In strikter Abgrenzung zum »sozialdemokratischen Kommunismus« skizzierte Dutschke eine »subjektive, aktivistische und voluntaristische Revolutionstheorie« und näherte sich anarchistischen Ideen. Aufklärung müsse wirkungslos bleiben, wenn sie nicht durch »direkte, bewußtseinskonstituierende Aktion« gestützt werde.

Che Guevaras Agitationsschrift »Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam« wurde 1967 von Dutschke mitherausgegeben und eingeleitet. In diesem Zusammenhang geriet Dutschke in die Nähe des bewaffneten Kampfes. Im Dezember jenes Jahres schrieb er: »Wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den Prozess der internationalen Auseinandersetzung – es ist sicher, dass wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder anderswo kämpfen – dass wir dann im eigenen Lande auch kämpfen werden.« In den siebziger Jahren distanzierte er sich erschreckt vom Terror der RAF, sprach von »Dummheit« und »Scheisse«, die nur dem politischen Gegner nützt.

Dutschke war »das« Gesicht der 68er-Bewegung in der BRD – spätere Biographen verkitschten ihn zum »deutschen Che Guevara« oder einer Politausgabe von James Dean. Daran ist immerhin so viel wahr, dass er wie die Genannten vor allem als Ikone Massenwirksamkeit entfaltete: Wenn er auf Podiumsdiskussionen mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf oder Günter Gaus über den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze und Nazi-Kontinuitäten stritt, waren seine mit Fremdworten überladenenen Bandwurmsätze selbst für viele Akademiker nur schwer verständlich. Aber das Stakkato seiner Rhetorik, die Lederjacke und die brennenden schwarzen Augen in dem asketischen, unrasierten Gesicht zeigten auch so: Hier sprach ein Unbeugsamer. In den Worten des Soziologen Dahrendorf: »Er war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurückblickt, ist die Person: ein anständiger, ehrlicher und ein vertrauenswürdiger Mann.« In einer Zeit der Lüge ist die Integrität des Charakters – das vergaß Dahrendorf zu erwähnen – allerdings schon für sich genommen ein Politikum.

Spontaneismus

Fast zur gleichen Zeit, als das Ehepaar Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrer Untersuchung »Die Unfähigkeit zu trauern« (1967) die tiefen Spuren des Nazismus in der Psyche der Nachkriegsdeutschen nachwies, bestritt Dutschke jede massenpsychologische Grundlage des Neofaschismus. Dieser wurzele vielmehr nur »in den autoritären Institutionen und im Staatsapparat«. Dutschke weiter: »Das System des Spätkapitalismus ist mehr denn je eine Minderheitsherrschaft (...) Der widersprüchliche Gesamtapparat kann es sich heute nicht einmal mehr leisten, die Massen für sich zu mobilisieren, könnte doch dadurch in letzter Konsequenz auch Hand an die Herrschaft des Kapitals gelegt werden.«

Drei Tage nach diesen Ausführungen auf dem Internationalen Vietnam-Kongress am 17./18. Februar 1968 geschah das in Dutschkes Theorieansatz eigentlich Unmögliche: Die »Massen« wurden von Springer-Presse und Berliner Senat gegen den SDS mobilisiert, Hunderttausend kamen zusammen. Auf Transparenten war zu lesen: »Volksfeind Nr.1 – Rudi Dutschke, raus mit dieser Bande!«, »Politische Feinde ins KZ«, »Bei Adolf wäre das nicht passiert!«. Ein Passant, der Dutschke entfernt ähnlich sah, wurde vom Mob verfolgt, nur knapp verhinderte die Polizei einen Lynchmord. Auf diese Pogromstimmung angesprochen, verharmloste Dutschke: »Die Menschen, die tagtäglich einer wahnsinnig langweiligen und langen Arbeit nachgehen müssen, ... dass die mal sauer sind und dass sie sich austoben, das ist klar...«

Solche Einschätzung erwies sich mit dem Attentat vom 11. April als nahezu tödliches Missverständnis. Stand der schießwütige Bachmann allein, war der Mordanschlag Ausdruck der von Dutschke angenommenen »Minderheitsherrschaft«? »Spiegel«-Kriminologe Gerhard Mauz kam zu einem anderen Urteil: »Josef Bachmann spürte den Wunsch der Mehrheit und wollte durch eine Tat, die viele ersehnten, aber keiner wagte, in die Gemeinschaft heimkehren, die ihn nie aufgenommen hatte.«

Größe und Tragik

Wolf Biermann identifizierte in seinem zeitgenössischen Protestsong »Drei Kugeln auf Rudi Dutschke« die Hintermänner der Mordhetze: »Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald«, die zweite aus dem »Schöneberger Haus« (also dem Amtssitz des Westberliner Bürgermeisters Klaus Schütz), und der »Edel-Nazi Kanzler schoss Kugel Nummer drei« – gemeint war der damalige Bonner Regierungschef Kurt-Georg Kiesinger (CDU).

Dutschke sah in dem Attentäter ein Opfer des kapitalistischen System. Dafür gab es tatsächlich Anhaltspunkte: Bachmann wuchs ohne Vater auf, die Mutter hatte aufgrund ihrer Arbeit im Dreischichtbetrieb kaum Zeit für ihr Kind. Im Alter von vier verschwand der Junge für zwei Jahre in einer Klinik, monatelang bis zur Hüfte eingegipst. Später wurde er in die Hilfsschule eingewiesen – auch dort schaffte er es nur bis zur 6. Klasse. Er klaute, prügelte, bewaffnete sich, wurde mehrfach verhaftet. Seine letzte Perspektive war die französische Fremdenlegion, doch auch dort warf man ihn bald hinaus: Er sei zu unreif.

In seinem Elend war Bachmann in die Fänge der Rechtsradikalen geraten. In seinem Zimmer fand die Polizei ein selbstgemaltes Bild von Adolf Hitler. Er sympathisierte mit der NPD, besuchte ihre Veranstaltungen, las die rechtsradikale »Nationalzeitung«. In seiner persönlichen Habe wurde ein Ausschnitt aus der NZ-Ausgabe vom 22. März 1968 mit der Schlagzeile »Stoppt Dutschke jetzt!« sichergestellt.

Kann ein solcher Desperado für die Linke gewonnen werden? Es spricht für die Größe und die Tragik von Dutschke, dass er den Versuch unternahm. Er schrieb Bachmann ins Gefängnis: »Du wolltest mich fertigmachen. Aber auch, wenn Du es geschafft hättest, hätten die herrschenden Cliquen... Dich fertig gemacht. (...) Warum ... wirst Du und mit Dir die abhängigen Massen unseres Volkes ausgebeutet, wird Deine Phantasie, wird die Möglichkeit Deiner Entwicklung zerstört. (...) Also schiess nicht auf uns, kämpfe für Dich und Deine Klasse.«

In seinem Antwortschreiben entschuldigt sich Bachmann mit unnatürlicher Gestelztheit (»möchte Ihnen mein Bedauern aussprechen«), pflegt aber ansonsten den Hass auf die Linke unreflektiert weiter: »Wenn man diese jungen Leute sprechen hört, dann ist es kein Wunder, dass sich mein Hass gegen alles richtet, was bolschewistisch und kommunistisch ist.«

Rudi Dutschke gab nicht auf. Der kaum Genesene schrieb ein zweites Mal und legte viel Warmherzigkeit in diesen Versuch: »Ich bin Ihnen wirklich nicht böse. (...) Ich glaube nicht, dass Sie Faschist bleiben oder überhaupt sind.« Der Briefwechsel brach ab. Bachmann beging am 4. Februar 1970 in seiner Zelle Selbstmord.

Dutschke blieb ein Gezeichneter, sein Sprachzentrum war durch die Schüsse geschädigt worden. Erst 1973 trat er wieder öffentlich auf. Er diskutierte mit Freunden die Möglichkeit, eine linkssozialistische Partei zu gründen, beteiligte sich dann ab 1978 am Entstehungsprozess der grünen Partei. Am 24. Dezember 1979 starb Dutschke in seiner Wohnung im dänischen Arhus an den Spätfolgen des Attentats. Die Kochstraße, die in Berlin auf die Axel-Springer-Straße trifft, soll nach einem Volksentscheid im Mai 2007 künftig seinen Namen tragen. Der dort residierende Springer-Verlag prozessiert dagegen noch; er hat seinen Kampf gegen Rudi Dutschke nicht beendet.

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