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Familienbande

Die Geschwister Savage von Tamara Jenkins

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sie heißen nicht nur Savage, sie sind auch ziemlich wild zueinander: Bruder und Schwester Savage haben sich schon lange aus den Augen verloren, und je weniger sie mit ihrem unduldsamen alten Vater zu tun haben, desto besser. Erst als Vater Savage in seinem sonnigen Altersdomizil durch Zeichen einer Demenzerkrankung auffällt, führt der Weg für alle drei zurück in den Käfig Familie. Jetzt müssen Bruder Savage und Schwester Savage sich um Vater Savage kümmern, ob sie nun wollen oder nicht.

Die Suche nach dem richtigen Pflegeheim bringt den bindungsunwilligen, an einem Buch über Brecht laborierenden Theaterwissenschaftler und die emotional auf Dauerdiät lebende, verkrachte Stückeschreiberin erstmals nach längerer Zeit wieder zusammen. Sie sucht per Katalog nach dem perfekten Pflegeheim und hat plötzlich doch ein schlechtes Gewissen, weil keins der beiden Geschwister sich selbst um den kranken alten Mann kümmern mag. Er konstatiert nüchtern, sie kümmerten sich bereits mehr um ihn, als es ihr Vater im umgekehrten Fall für sie je getan habe.

Patientenverfügung, Testament, Beerdigungswünsche: Wie befragt man einen Menschen, den man weder mag noch eigentlich gut kennt, zu diesen heiklen Themen? Wie glättet man die Wogen, wenn er das Pflegepersonal gegen sich aufbringt, wie er einst seine Kinder gegen sich aufbrachte, während man doch weiß, dass er auf die Pfleger nicht wird verzichten können, wie er einst auf seine Kinder verzichtete? Wie geht man mit der Krankheit um, wie mit dem Menschen, der allmählich gar nicht mehr der ist, den man ein ganzes Leben lang gehasst und gefürchtet hat? Gibt es einen Punkt – und wenn ja, wann ist er erreicht –, an dem das Mitgefühl für die leidende Kreatur die alten Ressentiments zunichte werden lässt? Und wie steht es mit dem eigenen Leben, wenn man sich plötzlich als (über)nächster in der Generationenkette mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert sieht und mit den wenigen Jahr(zehnt)en, die einem selbst vielleicht noch bleiben, bis andere Heimkataloge zu wälzen beginnen, weil man nicht mehr alleine zurechtkommt?

Für den Vater führt die Reise von West nach Ost vom artifiziellen Rentnerparadies im warmen Arizona, vom selbstbestimmten Leben mit der (jüngst verstorbenen) Lebensgefährtin ins graue Winterwetter der amerikanischen Ostküste und in den absehbaren Abgrund des geistigen und körperlichen Niedergangs. Für Jon und Wendy Savage führt sie von einem unbefriedigenden Leben in der Sackgasse zurück zu einem Leben in der Sackgasse, mit der zusätzlichen Bürde des ungeliebten, geistig und körperlich im Abbau begriffenen Vaters in unmittelbarer geografischer Nähe. Und trotzdem: Durch die Reise und die neue familiäre Nähe wird manches in Bewegung geraten, das vorher festgefahren schien.

Tamara Jenkins inszenierte nach ihrem eigenen Drehbuch, Laura Linney spielt die rothaarige Wendy als alternde, aber weiterhin krampfhaft optimistische Lebenslügnerin mit mehr verschüttetem Potenzial als gelebtem Leben, Philip Seymour Hoffman den aufgedunsenen Schreibtischtäter Jon mit Nackenstarre und einigem Mut zu pathosfeindlichem Zynismus. Jenkins kennt sich aus mit Familien, die so ganz anders sind als das amerikanische Idealbild von der heilen Thanksgiving-Feierrunde. Schon ihr Regie-Debüt, die semi-autobiografische Sozialkomödie »Hauptsache Beverly Hills«, handelte von den Kräften der Anziehung und Abstoßung in einer amerikanischen Randstandsfamilie – und von der allumfassenden Bedeutung der richtigen Postadresse, auch wenn sich hinter dem schönen Schein nur die Sozialwohnungssiedlung am falschen Ende des Nobelviertels verbirgt.

Neun Jahre und einen Film später ist ihr Blick auf die Realitäten familiärer Abhängigkeiten nicht weniger schonungslos realistisch. Der Humor ist schwärzer, die Lebensphase fortgeschrittener, das absehbare Ende dunkler. Aber eine Chance, doch noch etwas aus den schlechten Karten zu machen, die die Familie einem mitgab, die lässt sie ihren Figuren auch diesmal.

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