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Mit Botschaft

Berliner »Ratten 07« spielen Brecht

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Mit Botschaft

Mit der Absicht, Randgruppen und Außenseitern unserer immer menschenverachtenderen Gesellschaft Gesicht und Stimme zu geben wurde die Theatergruppe »Ratten 07« von Obdachlosen im Jahre 1993 gegründet – unmittelbar nachdem Obdachlose in Jeremy Wellers Inszenierung der »Pest« von Albert Camus in der Berliner Volksbühne mitgewirkt hatten. Anfangs unter der Schirmherrschaft der Volksbühne, später in Eigenverantwortung sind bisher 42 Produktionen herausgekommen, Gastspiele führten die Truppe weithin.

Die neueste Inszenierung, Brechts »Der gute Mensch von Sezuan«, brachte Regisseur Gunter Seidler in diesen Tagen im Theaterforum Kreuzberg heraus – jener Parabel von der Hure Shen Te, die so gerne »gut« sein möchte, es aber nur kann, wenn sie gelegentlich als ihr brutaler Vetter Shui Ta eingreift.

Obdachlose gibt es bekanntlich auch in Brechts Stück – nicht als aktiv Handelnde, sondern als »Verhandlungsmasse«, als Besitzlose, die der schmierige Barbier Shu Fu in seinen Lagerhallen am Viehhof unterbringen will, um die gute Shen Te ins Bett zerren zu können. Nicht nur diese Opferfiguren werden von wirklichen Obdachlosen gespielt, sondern auch die Täter wie besagter Shu Fu oder die ewig geile Hausbesitzerin Mi Tzü.

Die Vornamen der Akteure stehen auf dem Programmzettel: Peter beispielsweise als Darsteller des Barbiers oder Rosi als Darstellerin der Mi Tzü. Die Spieler treten hinter ihre Rollen zurück, nicht um eitle Selbstbespiegelung geht es, sondern um die Botschaft. Und wenn am Ende in kollektiver Ausdrucksentschlossenheit Brechts Text vom guten Schluss, der »da sein muss, muss, muss« herausgeschrien wird, da ist nicht Ratlosigkeit und Trauer im Spiel, sondern trotzige Selbstbehauptung.

Erstaunlicherweise sind in fast drei Stunden Spieldauer fast alle Figuren und Handlungslinien von Brechts Stück erhalten geblieben – sieht man einmal ab von jener Szene, in der Shen Te angesichts des im Müll wühlenden Kindes den Entschluss fasst, mit allen Mitteln für die menschenwürdige Zukunft des Kindes zu kämpfen, das sich da in ihrem Leibe regt.

Die von Floya (Shen Te) und Dragan (Yan Sun) gespielte Liebesszene erreicht eine poetische Leichtigkeit, wie ich sie auch in erstklassigen Inszenierungen der sogenannten Hochkultur selten sah. Hauptdarstellerin Floya trägt das Gutsein des Mädchens nicht als »Firmenschild« vor sich her. Ihre Shen Te ist im Wechsel kokett und kratzbürstig, liebeshungrig und verzweifelt, immer aber ein Mensch aus Fleisch und Blut. Nach der Wandlung zum Geschäftsmann Shui Ta erstarrt ihre Quirligkeit zu kalter Automatenhaftigkeit.

Freilich fehlen der Darstellerin in zunehmendem Maße die Zwischentöne, die Gefahr der Langeweile droht. Hier hätten sicherlich durchdachte Striche gut getan. Die Spieldauer erweist sich für nichtprofessionelle Darsteller als zu lang. Was im Gedächtnis bleiben wird, ist die von Berufsschauspielern kaum erreichbare Authentizität des Empfindens, die ins Gesicht geschriebene soziale Erfahrung der Akteure.

Nächste Vorstellung: 25. 8.

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