Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Nicht nur Sonne

Almut Dorowa - Doyenne des Spanischen Tanzes, starb 86-jährig in Babelsberg

In ihrem Großvater mischten sich sorbisches, wendisches und ungarisches Blut. »Irgendwie sind wir Zigeuner«, sinnierte Almut Dorowa, »kein Wunder, dass ich dem Spanischen Tanz verfallen bin.« Am 30. Juni 2001 hatte die Grande Dame jenes filigranen Ausdrucksstils ihren 85. Geburtstag gefeiert: ein Leben wie ein Geschichtsbuch. Begonnen hatte es in Weimar, sie war die Tochter des kurz nach ihrer Geburt im Krieg abgestürzten Zeppelinkommandanten Robert Koch. Als die Restfamilie 1928 zu Verwandten nach Spanien übersiedelte, stellte der Zufall für die kleine Almut die Weichen. Ihr Onkel Kühn aus dem Neuruppiner »Bilderbogen«-Clan, Besitzer einer Hühnerfarm nahe Barcelona, schickte die aufgeweckte Nichte zum Spanisch-Unterricht bei einer Solistin des Gran Liceo in Barcelona. Acht Jahre ging das, unterbrochen von Studienaufenthalten in Berlin, wo sie mit sechzehn16 in Eugenie Eduardowas berühmter Schule Spanischen Tanz lehrte und dafür kostenlos Klassischen Tanz lernen durfte. 1935 zog die Familie ganz nach Berlin. Unter der Protektion der spanischen Botschaft gab Almut Dorowa, dies ihr Künstlername, in der Komödie am Kurfürstendamm ihr erstes Soloprogramm. Die »tolle Presse« ermunterte Dorowa: »Von hinten durch die Brust« habe sie sich so an ihre späteren Spanisch-Soloabende herangeschlichen. Im Jahr darauf bat die spanische Botschaft sie, das Land bei der Tanzolympiade anlässlich der Olympischen Spiele zu vertreten. Im großen Defilee in der Volksbühne am heutigen Luxemburgplatz zeigte Dorowa drei Tänze und erhielt gemeinsam mit zwölf weiteren Solisten, darunter Wigman, Palucca, Shankar, Kreutzberg, ein Diplom als »Meisterin des Tanzes«. Auftritten im Wintergarten folgte 1940, zusammen mit Dore Hoyer, das Engagement an die kurzlebige Deutsche Tanzbühne. An die Nazi-Jahre dachte sie mit gemischten Gefühlen: »Irgendwie spürte ich, dass man von mir, groß, blond, blauäugig, eher Kinder für den Führer erwartete als Spanischen Tanz.« Staatliche Unterstützung erhielt sie keine, gastierte auf eigene Faust winters in Städten, sommers in Bädern. Und unterrichtete Filmgrößen: Leni Riefenstahl, Marika Rökk, Lilian Harvey. Als inzwischen gelernte Schauspielerin wird Dorowa während des Krieges nach Zille verpflichtet, heiratet den Kollegen Carl Ballhaus, wird mit dem Team nach Belgien evakuiert. »Tochter Maria im Bauch, Sohn Christian auf dem Arm, Tiefflieger im Nacken«. 1946 zieht sie mit der Familie nach München, tingelt gegen Bezugsscheine bei den Alliierten, bis sie genügend Stoffe für die Kostüme ihres Soloabends beisammen hat: »Spaniens Tanz« in den Kammerspielen erringt 42 Vorhänge und euphorisches Lob. 1950 wird Ballhaus auf Fürsprache von Martin Hellberg Oberspielleiter in Dresden, seine Frau Charakter-Solistin an der dortigen Oper. 1953 endet ihre Karriere als Tänzerin, beginnt ihr Weg als Regisseurin, Choreografin, Pädagogin, den sie bis in die Neunziger hinein mit starker Resonanz ging. Sie lehrte 13 Jahre überaus verdienstvoll an der Leipziger Ballettschule, gründete noch fortgeschrittenen Alters in Berlin das viel versprechende Dorowa Ensemble. Wer in der DDR Spanisch tanzte, Profi, Amateur und Dorowas gesamte Familie, hatte das zumeist bei ihr gelernt. Ein glückliches Leben habe sie gehabt, meinte sie. Seit 40 Jahren in Babelsberg ansässig, schrieb sie gerade an ihren Memoiren, wünschte sich, »noch lange was von den Urenkeln zu haben«. Es müsse nicht alles im Leben glatt gehen und immer die Sonne scheinen, resümierte sie, »wichtig ist, wie man mit allem umgeht«. Vor wenigen Tagen starb sie, knapp 86-jährig. Sollte es einen Flamenco-Himmel geben, wird sie dort oben sein wie immer: hochgewachsen, vornehm und stolz.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln