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Kein Geständnis, kein Motiv

Zwei junge Männer in Sachsen-Anhalt von rechten Schlägern getötet

  • Von Hendrik Lasch, Magdeburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Im August sind in Sachsen-Anhalt zwei junge Männer von Rechtsextremen umgebracht worden. Weil die Fälle kaum Aufsehen erregten, werden Vorwürfe gegen die Behörden laut. Die verweisen auf unklare Tatmotive.

Rick L. starb im Gebüsch hinter einer Bushaltestelle in Magdeburg. Der 20-jährige Kunststudent wurde von einem Mann umgebracht, der nicht nur bei der Polizei berüchtigt ist. Es handelt sich um den 26 Jahre alten Bastian O., einen rechten Schläger, der zuletzt 26 Monate im Gefängnis verbrachte, weil er einen Kampfhund auf einen Mann aus Togo gehetzt hatte. Den Studenten soll er brutal zusammengetreten haben, worauf dieser an seinem eigenen Blut erstickte.

Marcel W. wurde mit zahllosen Messerstichen getötet. Auch den gerade 18 Jahre alten gewordenen jungen Mann aus Bernburg hat ein Rechtsextremer auf dem Gewissen: David B., ein gewaltbereiter Neonazi, gegen den bei Gericht wegen einer Körperverletzung verhandelt wurde. Einer der Zeugen war Marcel W. Nachdem dieser aber schon zweimal nicht zu einer Verhandlung erschienen war, drohte ihm die Vorführung durch die Polizei. Tage vor dem Termin starb er in einer Bernburger Wohnung.

Die beiden schlimmen Verbrechen ereigneten sich im Abstand von nur einer Woche bereits im August, schlagen aber erst jetzt in Sachsen-Anhalt hohe Wellen. Auslöser ist ein Bericht des »Spiegel« in dieser Woche, wonach die Ermittler im Fall von Rick L. Hinweise auf einen politischen Tathintergrund hätten, diese aber nicht veröffentlichten. Demnach soll das spätere Opfer O. in einer Disko als »Nazi« bezeichnet haben, worauf dieser auf dem Heimweg losprügelte. Nachdem Sachsen-Anhalt in früheren Jahren öfter Versäumnisse im Umgang mit rechten Vorfällen vorgeworfen wurden, werden Verantwortliche nun erneut der Verharmlosung geziehen. Uwe-Karsten Heye, Ex-Regierungssprecher und Vorsitzender des Vereins »Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland«, sprach in »Bild« von einer »Allianz der Gleichgültigen« in Magdeburg.

Ganz so eindeutig, wie Heye das aus Berlin zu erkennen meint, ist die Lage freilich nicht. Dass die Politik zu den Vorfällen bislang keine Stellung bezog, liegt daran, dass die Motive in beiden Fällen nach wie vor völlig unklar sind. »Wenn es kein Geständnis gibt, kann man auch keine Tatmotivation herausarbeiten«, sagte die Staatsanwältin Silvia Niemann dem ND und widersprach damit der Darstellung des »Spiegel«. Sie erklärt zudem, dass es in beiden Fällen keine Zeugen gibt. Aufgrund dieser Faktenlage sei von einer rechten Gewalttat bislang nicht zu sprechen und die Zurückhaltung etwa des Innenministeriums nicht zu beanstanden, meint David Begrich vom Magdeburger Verein »Miteinander«: »Ich kann dem Ministerium keinen Vorwurf machen.«

Anstoß nimmt Begrich allenfalls an der »seltsamen« Informationspolitik der Staatsanwaltschaft, weil diese auf die jüngsten Veröffentlichungen nicht reagiert habe, aber zuvor umgehend mitgeteilt hatte, dass es sich beim Magdeburger Täter um einen Rechtsextremen handelte. Es sei nun an der Ermittlungsbehörde, »die Karten klar auf den Tisch zu legen«, sagt Begrich. Diese Forderung erhebt auch das Bündnis gegen Rechts in Magdeburg, das zu einer Kundgebung am Samstag einlädt. An diesem Tag wird Rick L. beerdigt.

Unabhängig davon, ob die Taten in Magdeburg und Bernburg politische Motive haben, werfen sie aber erneut ein bezeichnendes Licht auf die hohe Gewaltbereitschaft von Rechtsextremen. Diese illustrieren weitere Vorkommnisse: Anfang August wollte die Polizei in Magdeburg ein Treffen von 120 Neonazis auflösen – und wurde mit Steinen, Eisenstangen und Feuerlöschern empfangen. Bis sie der Lage Herr wurde, vergingen Stunden. Am vergangenen Wochenende warfen Rechtsextreme Pflastersteine auf die Polizei, die gerufen wurde, nachdem diese in ein Hotel eindringen und eine dortige Feier hatten stürmen wollen. Es hagelte Strafbefehle wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und weiterer Delikte. Ein Richter setzte die Beteiligten indes auf freien Fuß.

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