»Griesgrämiges Einwanderungsland«

Integration ist ein langer Prozess, sagt der Migrationsforscher Klaus J. Bade

Klaus J. Bade ist Migrationsforscher an der Universität Osnabrück
Klaus J. Bade

ND: Ist zur Einbürgerung wirklich ein Test notwendig?

Klaus J. Bade: Ich finde die Aufregung unnötig und sehe das ziemlich entspannt: Ich akzeptiere einen Test, wenn er für die Einbürgerung hilfreich ist und nicht abschreckt. Prinzipiell geht es auch ohne Test, wie z.B im Einwanderungsland Schweden.

Migranten fühlen sich schikaniert – zu Recht?

Jahrzehntelang ist den De-facto-Einwanderern verkündet worden: »Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland!« Das hat sie mental verletzt und verstehen lassen, dass sie nur als Arbeitskräfte willkommen sind. Wenn ihnen dann Jahrzehnte später plötzlich ein Test abverlangt wird, in dem sie ihre Eignung zum Staatsbürger nachweisen sollen, dann muss man für Empörung Verständnis haben. Ein lange griesgrämiges Einwanderungsland wider Willen sollte sich über gelegentlich widerwillige Einwanderer nicht wundern – auch wenn es sich heute als Integrationsland versteht.

Die Fragen des Tests sind in der Kritik. Was sollte man denn nun für eine Einbürgerung wissen?

Nur staatsbürgerkundliches Grundwissen in allgemein verständlicher Form, das für das Leben mit den Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers wichtig ist; aber nicht Fragen, die in ein Günter-Jauch-Quiz gehören oder in einen verkappten Intelligenztest. Staatsangehörigkeit ist keine abhängige Variable von Intelligenz oder Bildungsgrad.

Wenn der Test mit Glanz und Gloria bestanden ist, dann gibt's den deutschen Pass, und die Integration ist beendet?

Die Einbürgerung ist nicht das Integrationsabitur. Sie ist ein entscheidender, motivierender und richtungweisender Markstein auf dem Weg der Integration. Die Integration selber ist ein langer, oft sogar intergenerativer Kultur- und Sozialprozess. Wenn Millionen Deutsche in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts erst eingebürgert worden wären, nachdem ihre Integration »abgeschlossen« war, dann würde es unter Umständen nur Deutsche in Amerika, aber keine Deutsch-Amerikaner und erst recht keine Amerikaner deutscher Herkunft gegeben haben; denn dieser Integrationsweg hat auch bei ihnen mitunter drei Generationen gedauert.

Es ist aber anzuerkennen, dass seit inzwischen acht Jahren laut Gesetz für eine Einbürgerung nicht mehr allein nur die Abstammung zählt?

Ein klares Jein: Der Schlussstrich unter die ethno-nationalen Traditionen durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts war ein gewaltiger Schritt voran. Aber das Optionsmodell war eine Fehlgeburt. Jetzt werden wir demnächst geborene Deutsche mit doppelter Staatsangehörigkeit wieder aus der Mitgliedschaft als Staatsbürger dieses Landes hinauswerfen müssen, weil sie nicht dafür oder überhaupt nicht optiert haben. Das war und ist nicht nur völlig absurd, sondern auch gefährlich.

Wieso ist das gefährlich?

Aus der Staatsangehörigkeit Verstoßene, die zwischen Enttäuschung und Wut schwanken, sind ein Protestpotenzial, das für aggressive Racheformeln anfällig werden oder sich sogar aktiv gegen Staat und Gesellschaft wenden könnte.

Wäre die doppelte Staatsangehörigkeit eine Lösung? Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting will ja weg vom Zwang zur Entscheidung für eine Staatsbürgerschaft mit 18 Jahren.

Die bedingte Hinnahme der doppelten Staatsangehörigkeit wäre von Beginn an die beste Lösung gewesen – als goldener Handschlag für De-facto-Einwanderer und damit als Schlussstrich unter ein makabres deutsches Kapitel der defensiven Erkenntnisverweigerung. Das hätte Millionen Betroffenen und der Einwanderungsgesellschaft in Deutschland insgesamt viele Probleme erspart.

Fragen: Stefan Otto

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