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Schwedens nicht verheilte Wunde

Vor fünf Jahren starb Anna Lindh

  • Von Bernd Parusel, Stockholm
  • Lesedauer: 3 Min.
Heute vor fünf Jahren starb die damalige schwedische Außenministerin Anna Lindh an den Folgen eines Messerattentats. In der Sozialdemokratischen Partei des Landes klafft noch immer eine Lücke. Im In- und Ausland tragen heute Straßen, Plätze und Stiftungen den Namen der beliebten Schwedin.

»Der Verlust Anna Lindhs war viel mehr als nur der Verlust einer begabten Politikerin«, sagte der ehemalige Premierminister Göran Persson am Dienstagabend in einer Sondersendung des Fernsehsenders TV4. »Es war auch der Verlust einer sehr beliebten Kameradin.« Im Fernsehen, im Radio, mit Zeitungsartikeln und Diskussionsveranstaltungen gedenkt Schweden diese Woche der vor fünf Jahren ermordeten ehemaligen Außenministerin.

Anna Lindh war am 10. September 2003 im Stockholmer Kaufhaus »Nordiska Kompaniet« von einem geistig umnachteten jungen Mann niedergestochen und so schwer verletzt worden, dass sie in der Nacht zum 11. September im Universitätskrankenhaus »Karolinska« verstarb. Das ganze Land war zutiefst schockiert.

Rund zwei Wochen später wurde der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Schwede Mijailo Mijailovic als mutmaßlicher Täter festgenommen und später zu lebenslanger Haft verurteilt. Mijailovic gab die Tat zu, aber sein Motiv liegt nach wie vor im Dunkeln.

In der schwedischen Politik klafft auch fünf Jahre nach Lindhs Tod eine Lücke. Die bei Stockholm geborene, zum Zeitpunkt des Attentats 46 Jahre alte Sozialdemokratin war eine der populärsten Politikerinnen des Landes. Viele Schweden fanden sie engagiert, aufgeschlossen und herzlich. Auch im Ausland hatte sie einen Namen. Als begeisterte Anhängerin der schwedischen EU-Mitgliedschaft wollte sie die gemeinsame europäische Außenpolitik voranbringen und die EU als »zivile Friedensmacht« stärken. Menschenrechte und Gleichberechtigung gehörten zu ihren wichtigsten Themen. Lindhs politisches Vorbild war der frühere Premier Olof Palme, der 1986 ebenfalls einem Attentat zum Opfer gefallen war.

Lindhs tragischer Tod führte zu hitzigen Debatten über Defizite der schwedischen Psychiatrie und Versäumnisse der Sicherheitspolizei SÄPO, die ihr keine Leibwächter zur Seite gestellt hatte. Außerdem wurden die Zukunftspläne der damals regierenden Sozialdemokratischen Partei (SAP) über den Haufen geworfen. Lindh galt als selbstverständliche Nachfolgerin des als amtsmüde bezeichneten Premierministers und Parteichefs Göran Persson. Nachdem sie gestorben war, behielt Persson weiter beide Posten und trat 2006 erneut als Spitzenkandidat der SAP zu den Wahlen an. Die Wähler erteilten ihm und seiner Partei jedoch eine Abfuhr.

Seither regiert in Stockholm eine Mitte-Rechts-Koalition. Deren Außenpolitik empfinden viele Schweden als konturlos, obwohl das Ressort mit einem weiteren ehemaligen Premier, dem Konservativen Carl Bildt, durchaus hochkarätig besetzt ist. Die SAP rechnet sich gute Chancen aus, bei der nächsten Wahl 2010 die Regierungsgewalt zurückerobern zu können. Parteichefin Mona Sahlin hat jedoch nicht die Popularität Lindhs, und wer das Außenministerium übernehmen könnte, ist unklar.

In Schweden und im Ausland erinnern heute Straßen, Plätze, Schulen und Bibliotheken an die charismatische Sozialdemokratin. In Stockholm gibt es eine »Anna-Lindh-Bibliothek«, im Berliner Stadtteil Wedding eine »Anna-Lindh-Grundschule« und auf Gran Canaria eine »Avenida Ministra Anna Lindh«. Im Gebäude des EU-Rats in Brüssel wurde ein Sitzungssaal nach ihr benannt. Die schwedischen Sozialdemokraten gründeten fünf Tage nach dem Todesfall einen »Anna-Lind-Gedenkfonds«, der vom UN-Diplomaten Jan Eliasson geleitet wird. Aus dem Fonds werden jährlich Preise und Stipendien für Frauen und Jugendliche finanziert, die sich gegen Vorurteile, Unterdrückung und Ungerechtigkeit einsetzen.

Den Namen der Schwedin trägt auch die 2005 im Rahmen der EU-Mittelmeer-Zusammenarbeit (Euro-Med) ins Leben gerufene »Anna-Lindh-Stiftung für Dialog zwischen den Kulturen«. Finanziert von den Regierungen der EU-Staaten und der nordafrikanischen Mittelmeerländer, soll die Stiftung als Netzwerk für zivilgesellschaftliche Organisationen fungieren und die kulturelle Verständigung zwischen Nordafrika und Südeuropa fördern. Aus schwedischer Sicht verbindet sich mit dem Projekt auch die Hoffnung, dass die Erinnerung an Anna Lindh wach gehalten wird.

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