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Schöne neue Welt

Hitchcock, Orwell und Kafka in Christian Froschs »Weiße Lilien«

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Dies ist ein filmischer Albtraum, ein chaotisches Zugleich von Bildern verschiedener Realitätsebenen. Entweder man begibt sich da hinein (dann spürt man das Unheimliche und Gefährliche dieses Bildersogs), oder man bleibt draußen und sieht befremdet einer Handlung zu, die sich allen Regeln des Nacherzählbaren sperrt. Das deutet auf den Charakter von »Weiße Lilien« hin: extreme Künstlichkeit. Wollte man die Analogie bemühen, müsste man sagen, dieser Film von Christian Frosch wirkt wie ein Melange aus Polanskis »Der Mieter« und Truffauts »Fahrenheit 451«. Man fühlt sich an David Lynchs surreale Grenzwanderungen erinnert, auch an Hitchcock, Orwell und Kafka. Man wird überhaupt ständig an andere Filme oder Bücher erinnert, denen das, was man hier sieht, ähnelt.

Eine Insel der Ordnung und Sicherheit im Chaos der Welt, so liegt »Neustadt« vor unseren Füßen. Zumindest in der Eigenwerbung des Staats im Staate. Die Realität ist eine andere: Die rein funktionale »Wohnmaschine« aus Beton und Glas, wie sie Le Corbusier erdachte, mutiert zum Überwachungsstaat im Kleinen. Die Durchsichtigkeit der modernen Wohnblocks befreit ihre Bewohner nicht, sondern nimmt sie mittels totaler Kontrolle gefangen. Keine Nische zum Verstecken findet sich hier, alles ist bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet und durchgerechnet. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, nur das ewige Heute – hier altert nichts, sondern bleibt neu, bis es verrottet.

»Weiße Lilien« zeigt, dass allgegenwärtige Kontrolle nicht zu mehr Sicherheit führt, sondern zur totalen Macht einer kleinen Kaste. Und wenn hier die Rede von der »autarken Stadt des 21. Jahrhunderts« ist, dann liegen alle Analogien zu gegenwärtigen Überwachungsstaat-Debatten offen. Aber darin erschöpfen sich die Ambitionen von Regisseur Christian Frosch nicht. Zuerst zeigt er uns am Beispiel der »Wohnmaschine« wie in Utopien das militante Moment wächst, der Traum in den Albtraum kippt. Dann aber will er außerdem auch noch einen mörderischen Thriller machen, eine Liebesgeschichte erzählen und über die Zukunft unserer Städte nachdenken ... Etwas zu viel für einen Film?

Hannah (die auf mysteriöse Weise wunderbare Brigitte Hobmeier) ist Bewohnerin von »Neustadt«. Ein Elementarteilchen im Verwaltungsapparat dieser künstlichen Welt, in der man ständig an jene unsichtbaren Mauern stößt, die Klaustrophobien erzeugen. Alle Fantasien münden hier im Intrigensumpf. Überleben ist nur in den Grenzen allgegenwärtiger Verschwörung und Gegenverschwörung möglich. Nach Außen hin wirkt »Neustadt« wie eine wehrhafte Burg, machtvoll und himmelhoch. Ein ideologisches Konstrukt, um die ständig wiederholte Beschwörungsformel herum gebaut: »Wir müssen zusammen halten.« Aber innen ist es hier eng und niedrig. »Neustadts« geistige Verfassung: reine Hysterie auf der Schwelle zur Paranoia.

Die heile Welt bleibt weniger als eine Behauptung. Hannahs Mann Branco misshandelt sie und zerreißt außerdem ihre Bücher – lesen ist in »Neustadt« eine Beschäftigung für Außenseiter. Menschen verschwinden auf unerklärliche Weise, ohne dass dies die anderen Neustädter sonderlich beeindruckt, und man weiß nie, was Hannah nun in der Realität oder bloß im Traum passiert. An der Intensität des Erlebten ändert es nichts, die Angst sitzt tief im Körper.

Hannah flüchtet vor Branco, der als Wachmann arbeitet und zieht in den 11. Stock – eine Etage für sozial Privilegierte. Die neue Wohnung ist die einer Selbstmörderin, die sich aus dem Fenster stürzte – in ein Lilienbeet. An den weißen Blüten klebt noch dunkles Blut. Die einen verschwinden, andere tauchen plötzlich neu in Hannahs Leben auf. Der Regisseur über seine Hauptfigur: »Hannah ist keine Person, Hannah ist Symptom. Neustadt ist überall. Neustadt ist die Gegenwart der Zukunft von Gestern.«

Manche Bilder erlangen die Intensität von Ikonen. Martin Wuttke als undurchsichtiger Abgesandter der intriganten Macht in »Neustadt« (auch er ein Verschwörertypus) imponiert schauspielerisch ebenso wie Johanna Wokalek, die als Einzelne den Aufstand gegen die Scheinordnung probt und Walfriede Schmitt als Hannahs Kollegin in einem Büro, das die Entfremdung pur ist. Jedoch erweist sich die artifiziell konstruierte Hermetik des Films als äußerst störanfällig. Dem philosophisch so ambitionierten Filmtraktat über die Erosion der westlichen Moderne gelingt zwar stellenweise eine fast leichenhafte Poesie der Isolation, aber wirkt im Ganzen doch überanstrengt.

Zu besichtigen bleibt ein provokantes Bild vom Müll fehlgeleiteter Modernisierungen – und den Träumen der letzten Menschen darin. Ein Max-Ernst-Sujet, ein Zitat unter vielen in dieser filmischen Apokalypse-Vision, vielleicht aber auch nur ein simpler LSD-Trip.

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