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Zwischen Kinder- und Flüchtlingsheim

Eine nigerianische Asylbewerberin kämpft um ihre drei Adoptivtöchter, gegen Jugendamt und Ausländerbehörde

  • Von Anke Engelmann, Halle
  • Lesedauer: 6 Min.

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Keine Chance auf ein normales Leben, weder in Nigeria noch in Deutschland: Claudia O. (re) und ihre drei Adoptivtöchter Sophia, Sandra, Sonja
Keine Chance auf ein normales Leben, weder in Nigeria noch in Deutschland: Claudia O. (re) und ihre drei Adoptivtöchter Sophia, Sandra, Sonja

»Ich schicke Ihnen mein Baby«, hatte sie am Telefon gesagt. Gekommen sind zwei Mädchen. Die ältere, Sophia, 14 Jahre alt, eine schlanke, sanfte Schönheit in Jeans und rot-weißen Turnschuhen. Ein kleines Mädchen fest an der Hand. Sophia weicht den Blicken aus, auf Fragen nickt sie nur höflich. Das Angebot, mit dem Auto zu fahren, lehnt sie schroff ab. Ohnehin sind es nur wenige Schritte bis zu dem verwahrlosten Neubaublock in der Nähe des Hauptbahnhofs in Halle, wo Claudia O. mit ihren vier Kindern bei einer Freundin untergekommen ist. Ein fünftes wird in diesen Tagen zur Welt kommen. Wie und wo das geschehen wird und wer ihr dabei helfen wird, weiß sie noch nicht.

Die 34-jährige Nigerianerin hat eine Menge Ärger mit der Ausländerbehörde und mit dem Jugendamt. Für die Behörden im Vogtlandkreis, wo die Christin Asyl beantragt hat, ist sie eine Kidnapperin, die drei Kinder entführt hat: Sophia, Sonja und Sandra, 14, 13 und 8 Jahre alt, ihre Nichten. Dazu hat Claudia O. noch eine leibliche Tochter, die sechsjährige Dammiana.

Wie eine Kidnapperin sieht die Hochschwangere nicht aus. »Ich verstecke mich nicht«, sagt Claudia O. Eine Mütze bedeckt ihr offenes Haar, sie ist in ein leuchtend rotes Kleid gehüllt, lässt sich ächzend auf der Kante eines Sessels nieder. Die ersten Sätze spricht sie leise, doch schnell kommt ihr Temperament zum Vorschein. »Ich weiß nicht, was für ein Spiel die Ausländerbehörde spielt«, sagt sie. »Ich würde alles für meine Babys tun.«

Mit viel Gewalt

2004 war Claudia O. mit Dammiana und Sonja, der jüngsten Tochter ihres 2002 verstorbenen Bruders, in die Bundesrepublik gekommen. Sophia und Sandra folgten 2006 nach dem Tod von Claudias Mutter, die sich bis dahin um sie gekümmert hatte. Claudia O. hatte die Mädchen adoptiert, nachdem ihr Bruder und seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, sagt sie. Papiere dazu hat sie nicht. Für die drei Waisen ist ihre Tante, die sie von klein auf kennen, die einzige Bezugsperson in einem fremden Land.

Der Ärger begann, als die Afrikanerin sich über die Asylbewerberheime in Reichenbach und Posseck beschwerte, wo die Familie leben musste. Da sind sich die Flüchtlingsorganisationen The Voice Refugee Forum und die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen sicher. Je mehr Claudia O. um ein besseres Umfeld für ihre Familie kämpfte, umso schlechter wurde alles, berichtet sie. Reichenbach ist inzwischen dicht. In Posseck, einem abgelegenen Ort an der Grenze, hat sich die fünfköpfige Familie ein 30-Quadratmeter-Zimmer. Andere Kinder gibt es dort nicht, abgesehen von einem Baby.

Im Landratsamt kann man die Beschwerden über Posseck nicht verstehen. Die Gegebenheiten seien in Ordnung, es gebe ein Spiel- und ein Sportzimmer, sogar von der Ausländerbeauftragten habe es Lob gegeben. Die Unterkunft sei gut für Asylbewerber, die meist einiges hinter sich haben und sich nach Ruhe sehnten, sagt Sprecherin Kerstin Büttner.

Doch anscheinend sehnen sich die Mädchen weniger nach Ruhe als nach Kontakt zu anderen Kindern. Und den haben sie sich gesucht. Im Mai flüchteten sie aus Posseck, zogen in ein Kinderheim der Arbeiterwohlfahrt. Die Umgebung war ihnen vertraut – schon einmal hatten sie hier gewohnt, als Claudia O. im Krankenhaus war. Bleiben konnten die Drei nicht. Nach wenigen Tagen kam eine Frau vom Jugendamt, um sie zu holen. Und als die Schwestern sich weigerten, kam die Polizei.

Drei Kinder. Vier Polizeiautos. Eins verfolgte die Mädchen, als sie versuchten wegzulaufen. Die Beamten waren nicht zimperlich: Handschellen, Fußfesseln für die 13-jährige Sandra. Sie wurde über den Boden geschleift. Beschimpfungen, auch rassistische. Aneinander gefesselt wurden die Schwestern nach Posseck zurückgebracht, aus dem Auto gezerrt, in ihr Zimmer geschoben. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des gewaltsamen Einsatzes.

Das Jugendamt des Vogtlandkreises übernahm die Vormundschaft. Und steckte im Juni die Vollwaisen in ein Kinderheim in Markneukirchen. Im Oktober sind sie von dort ausgebüxt. Im Heim und in der Schule seien sie diskriminiert worden. Man habe gesagt, ihre Tante sei eine »falsche Mutter«, erzählt Claudia O. aufgebracht. Einmal im Monat durfte sie die Kinder besuchen, ein Telefongespräch pro Woche war erlaubt.

Die Vormundschaft zu übertragen sei in Fällen wie diesem nicht ungewöhnlich, erläutert Rechtsanwältin Nadine Maiwald. Doch das Gericht hätte zunächst nach den Kindern nahestehenden Personen suchen müssen, so will es das Gesetz. »Die Auswahl des Sorgeberechtigten ist nicht nachvollziehbar«, sagt die Anwältin. Das Jugendamt schätze Claudia O. nicht, fährt sie fort.

Anhörung vor Gericht

Das kann man wohl sagen. Im Oktober ließ die Lokalpresse in einem langen Artikel den Chef des Jugendamtes, Berthold Geier, zu Wort kommen. Vage Andeutungen und massive Vorwürfe: Prostitution, Verwahrlosung der Kinder. Claudia O. wurde nicht gefragt. Trotzdem ist man im Landratsamt des Vogtlandkreises Plauen, zu dem Ausländerbehörde und Jugendamt gehören, den Medien gegenüber misstrauisch. »All unsere Stellungnahmen zu Frau O. sind bisher konterkariert worden«, sagt die Sprecherin. An der Darstellung der Afrikanerin sei Einiges zweifelhaft. So etwa, ob die Mädchen überhaupt ihre Nichten seien, deutet sie an. Claudia O. sei mehrfach tagelang verschwunden und habe die Kinder allein zurückgelassen. Zudem seien sie nicht in die Schule gegangen.

Vor allem der letzte Vorwurf bringt die Unterstützer von Claudia O. in Rage. Ein Schulbesuch sei erst möglich geworden, weil die AWO eine Fahrgelegenheit besorgt habe, heißt es in einer Erklärung von The Voice. Und die Vernachlässigung? Claudia O. hat die Kinder tatsächlich schon in Posseck zurückgelassen, zum Beispiel als sie sich auf den Weg nach Reichenbach zur Ausländerbehörde machen musste. Allerdings blieben sie unter der Obhut der älteren Mädchen. Das erschien ihr besser, als schwanger und mit vier Kindern unterwegs zu sein. Besser, als ihnen eine Fahrt von drei Stunden zuzumuten, bei der sie zwei Mal umsteigen musste.

Niemand habe nach den Wünschen der Mädchen gefragt, sagt Claudia O. Eine Anhörung, bei der auch die Drei zu Wort kamen, fand zum ersten Mal in der vergangenen Woche statt. Sieben Stunden lang beschäftigte sich das Familiengericht Plauen mit der Frage, ob die einstweilige Anordnung aufrecht erhalten bleibt, nach der die Mädchen dem Jugendamt übergeben werden müssen. Die Richterin entschied für die Behörde. Das heißt für die drei Waisen: zurück ins Kinderheim nach Markneukirchen, aus dem sie geflohen waren.

Auf Kosten der Kinder

Was dieser Entscheidung folgte, war dramatisch, berichtet Ralf Santana Lourenco von der Karawane, der mit einigen Unterstützern vor Ort war. Die Mädchen weigerten sich, weinten, kündigten an, auf der Straße zu schlafen. Schließlich lenkte das Jugendamt ein und erlaubte der Familie, vorerst zusammenzubleiben. Allerdings im Flüchtlingsheim in Posseck.

Das Hauptsacheverfahren steht noch aus. Bis dahin hat das Jugendamt die Entscheidungsgewalt über die Mädchen. Doch vielleicht gibt es eine Lösung: Die leibliche Tochter von Claudia O. und das kommende Baby genießen Asylrecht. Damit habe auch der Antrag von Claudia O. gute Aussichten, positiv entschieden zu werden – Voraussetzung für eine eigene Wohnung, erläutert Kerstin Büttner. Das Amt habe zugestimmt, am 1. November könnte die Afrikanerin mit ihren Kindern umziehen. Ob das auch ihre drei Nichten einschließt, liegt im Ermessen des Jugendamtes. Sandra, Sophia und Sonja haben einen Duldungsstatus.

Ich frage Sophia, welche Träume sie hat. Ob sie vielleicht studieren will. Sie dreht den Kopf weg, wischt sich über die Augen. »Ich weiß nichts«, sagt sie kaum hörbar.

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