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»Anand hat fast fehlerlos gespielt«

ND-Gespräch mit Rainer Knaak zum Ausgang der Schachweltmeisterschaft in Bonn

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Deutlicher als erwartet hat Titelverteidiger Viswanathan Anand (Indien) das WM-Duell in Bonn mit 6,5:4,5 Punkten nach elf Partien gegen Herausforderer Wladimir Kramnik (Russland) vorzeitig gewonnen. Großmeister RAINER KNAAK (55) aus Leipzig, in der DDR einer der stärksten Spieler und jetzt Chefredakteur des ChessBase-Magazins, analysiert das Ergebnis im Gespräch mit RENÉ GRALLA.
Rainer Knaak
Rainer Knaak

ND: Vor der WM haben viele Experten eher auf Herausforderer Kramnik getippt. Sie hielten Titelverteidiger Anand zwar für den besseren Turnierspieler, glaubten aber, dass Kramnik mehr Biss in Zweikämpfen habe. Tatsächlich aber hat Anand das Duell dominiert und vorzeitig entschieden. Was ist geschehen?

RAINER KNAAK: Tatsächlich kam diese klare Überlegenheit Anands überraschend. Je nach Sympathie werden die Leute sich nun über Kramniks schwaches Spiel wundern oder Anands starke Leistung loben. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte.

Was ist der Schlüssel für Anands Erfolg gewesen?

Anand hat in der Eröffnung eine Überraschung nach der anderen ausgepackt. Das führte nicht zwangsläufig immer zu vorteilhaften Stellungen, aber Kramnik stand frühzeitig unter Druck und musste jeweils viel Bedenkzeit investieren. Demgegenüber ist Kramniks Vorbereitung auf die WM in die Leere gegangen.

Ist Kramnik, der nach Garri Kasparow immerhin 14. »klassischer« Weltmeisters« war, entzaubert worden?

Kramniks Stärken sind bei diesem Match viel zu spät zum Tragen gekommen. Bei seinem Sieg in der zehnten Partie kam ein Stellungstyp aufs Brett, der Kramnik lag. Abgesehen davon ist das betreffende Abspiel bekannt, bis Kramnik dann an einer bestimmten Stelle von der Theorie abgewichen ist.

Schon in der achten und neunten Runde hatte Kramnik den Druck auf Anand erhöht. Ist der Herausforderer zu spät aufgewacht?

Wahrscheinlich war die auf zwölf Partien angesetzte Dauer der WM für Kramnik zu kurz.

Zuvor fiel eine Vorentscheidung, als Anand zwei Siege mit Schwarz in derselben scharfen Variante feiern konnte. Haben insofern Kramniks Sekundanten versagt?

Natürlich hat Kramnik in Betracht gezogen, dass die Variante ein zweites Mal aufs Brett kommt. Mit Sicherheit hatte er eine Verbesserung parat, nur eben so spät, dass Anand vorher abweichen konnte.

Anfänger im Schach lernen, dass sie frühzeitig ihren König in einer Rochadeburg verstecken sollen. Anand jedoch hat wiederholt darauf verzichtet und trotzdem gewonnen. Gilt diese Faustregel nach dieser WM nicht mehr?

An den Grundregeln hat sich nichts geändert. Aber fast alle Regeln haben Ausnahmen, gerade in deren Erkennen zeigt sich der Meister.

Signalisiert die mutige und beinahe unkonventionelle Art, wie Anand seine Siege errungen hat, dass die Zeiten öden Geschiebes auf dem Brett vorbei sind?

Ein Weltmeisterschaftskampf über zwölf Partien kann keine neuen Trends setzen. Verglichen mit früheren WM-Kämpfen war das Niveau sehr hoch. Anand hat fast fehlerlos gespielt.

Wird eine Partie Bedeutung behalten über den Tag hinaus?

Mich hat die dritte Partie total begeistert, und zweifellos wird sie in die Schachgeschichte eingehen. Anands geniales Konzept mit Schwarz in der Meraner Variante war bestimmt vorbereitet, aber auch der weitere Verlauf hatte es in sich. Dass Schwarz nach der Abwicklung auch mit zwei Bauern weniger immer noch auf Gewinn spielen kann, kam für die Zuschauer überraschend.

Rechnen Sie mit einem Comeback von Kramnik nach seinem Scheitern in Bonn?

Kramnik wird es schwerfallen, wieder ins WM-Geschehen einzugreifen. Das jetzige System verlangt, dass er sich im Weltcup oder Grand Prix durchsetzt. Der Weltcup ist eine relativ kurze Veranstaltung, aber das K.o.-System passt nicht zu Kramnik. Der Grand Prix verlangt starke Leistungen über einen längeren Zeitraum, aber angesichts der Konkurrenz ist es recht unwahrscheinlich, dass wir Kramnik noch einmal bei einem WM-Kampf sehen werden.

Wahrscheinlich wird der Bulgare Wesselin Topalow, FIDE-Champion von 2005, im kommenden Jahr Weltmeister Anand herausfordern. In einem Interview hat Topalow angekündigt, er würde Anand besiegen. Größenwahn oder realistische Prognose?

Topalow wäre zweifellos in der Eröffnung ein härterer Gegner als Kramnik. Aber alles in allem schätze ich Anand als stärker ein.

Am 12. November startet in Dresden die Schacholympiade. Wie ist Ihre Prognose für das Abschneiden der deutschen Mannschaft?

In der Rangliste liegt Deutschland nicht unter den ersten Zehn. Um einen einstelligen Platz zu belegen, muss einiges zusammenkommen: überragende Form eines Großteils der Mannschaft und etwas Auslosungsglück. Eine Medaille liegt außer Reichweite, denn gegenüber 2000, als die deutsche Mannschaft in Istanbul Silber holte, haben Länder wie die Ukraine, Aserbaidshan, Armenien und China so große Fortschritte gemacht, dass sie sogar mit Russland konkurrieren können.

Kann der Heimvorteil nicht dazu führen, dass der Gastgeber über sich hinauswächst?

Beim Schach gibt es keinen Heimvorteil.

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