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  • Novemberrevolution 1918

Soziale Demokratie war möglich

Chancen und Grenzen des gesellschaftlichen Aufbruchs vor 90 Jahren

  • Von Hartmut Henicke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in Berlin Unter den Linden, 10. November 1918.
Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in Berlin Unter den Linden, 10. November 1918.

Vor 90 Jahren ereignete sich in Deutschland eine Revolution, die unter dem Namen »Novemberrevolution« in die Geschichte eingehen sollte. Sie begann am 4. November 1918 mit dem Matrosenaufstand in Kiel, stürmte binnen weniger Tage die dynastischen Residenzen der föderalen Staaten des Deutschen Reiches und kulminierte am 9. November im machtvollen Massenstreik des Berliner Proletariats, der Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung zwang und damit die preußische Monarchie stürzte.

Der Fall der Autokratien

Die deutsche Revolution von 1918/19 war Teil der Weltkriegsrevolutionen in Mittel- und Osteuropa. Diese bewirkte den Zusammenbruch der aus der »Heiligen Allianz« von 1815 überkommenden Autokratien des Kontinents, indem sie Russland, Österreich-Ungarn, Deutschland und somit das Europa des 19. Jahrhunderts umwälzten. Vom Rhein bis Wladiwostok, vom Baltikum bis zum Balkan entstand ein neues Staatensystem. Die Weltkriegsrevolutionen wurzelten in der allgemeinen Erschöpfung der am Krieg 1914 bis 1918 beteiligten Völker und deren Bestrebungen nach Demokratie und nationaler Unabhängigkeit sowie nicht zuletzt in der Einsicht der arbeitenden Klassen in die Friedensunfähigkeit der expansiven und kriegsgewinnlerischen Wirtschaftsunternehmen, ihrer imperialistisch agierenden Regierungen und Militärführungen. Mit ihren Forderungen nach Frieden ohne Annexion und Kontribution, nach Demokratie, Bodenreform und Sozialisierung nahmen diese Volksbewegungen im Vergleich zu früheren Revolutionen einen epochal neuen Charakter an. Zwischen Oktober 1917 und August 1919 konstituierten sich Räterepubliken, denen jedoch, außer in Russland, nur eine kurze Lebensdauer beschieden war. In Ungarn kam es erstmals zu einer Regierung der Sozialdemokraten und Kommunisten.

Es war Deutschland, wo der Revolution eine kontinentale Schlüsselrolle für die Gestaltung der Nachkriegsverhältnisse zukam. Das industriekapitalistische und kulturelle Entwicklungsniveau der Gesellschaft sowie die Reife und Organisiertheit der Arbeiterschaft eröffneten die historische Chance, unter dem politischen Einfluss der starken Sozialdemokratie und starken Gewerkschaften nicht nur die Überreste des Feudalismus vollständig zu beseitigen. Möglich war auch, negative soziale Auswirkungen des Kapitalismus zu begrenzen, durch öffentliche und staatliche Kontrolle der Verfilzung von Wirtschaft, Militär, Parteien und Regierung entgegenzuwirken.

Die politischen Massenstreiks im Januar 1918 waren der Anfang vom Ende des alten Systems. Die Autorität der monarchistischen Staats- und Militärführung war stark angeschlagen. Deren Versuch, mit einem Staatsstreich von oben, der über Nacht Deutschland in eine parlamentarische Monarchie verwandelte, die Revolution abzuwenden, misslang. Am 3. Oktober 1918 hatte Prinz Max von Baden eine neuen Regierung gebildet, der mit Philipp Scheidemann erstmals ein Sozialdemokrat sowie mit Gustav Bauer ein führender Gewerkschafter angehörte. Ihr blieb jedoch die Anerkennung der Massen versagt.

Am 9. November füllte ein von bewaffneten Arbeitern flankierter Sternmarsch der Belegschaften Berliner Industriebetriebe die Straßen der Hauptstadt; Soldaten der Berliner Garnison schlossen sich an. Die Führung der SPD erkannte, dass ihre Beteiligung an der letzten kaiserlichen Regierung und Aufrufe zu »Ruhe und Ordnung« unzeitgemäß waren. Parteivorsitzender Friedrich Ebert rief den Reichskanzler von Baden auf, ihm unverzüglich sein Amt zu übertragen und die Abdankung des Kaisers zu veranlassen – was geschah.

Derweil hatten die Massen den Reichstag erreicht. SPD-Ko-Vorsitzender Philipp Scheidemann rief nun die demokratische Republik aus. Karl Liebknecht von der Spartakusgruppe, einer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) angehörenden, jedoch ideologisch selbstständigen Gruppierung, proklamierte kurz darauf vom Balkon des Berliner Schlosses die sozialistische Republik. In einer Nachtsitzung einigten sich SPD und USPD auf eine paritätische Koalition und anerkannten die Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte als die höchste Macht ausübende Autorität in Deutschland. Am 10. November wählte die Vollversammlung des Arbeiter- und Soldatenräte im Zirkus Busch den Vollzugsrat mit Richard Müller von den Revolutionären Betriebsobleuten an der Spitze als ihr oberstes Organ. Er setzte sich paritätisch aus sieben Vertreter der SPD und der USPD zusammen. Zugleich bestätigen die Delegierten den am Vortag gebildeten Rat der Volksbeauftragten, der die Regierungsgeschäfte provisorisch ausüben sollte; ihm gehörten von der SPD Ebert, Scheidemann und Otto Landsberg sowie von der USPD Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth an. Ebert hatte damit sein Ziel erreicht, sich an die Spitze der Revolution gestellt, um diese ins bürgerlich-demokratische und parlamentarische Fahrwasser zurückzulotsen. Noch am selben Tag, am späten Abend des 10. November, versicherte er sich der Unterstützung der Heeresführung, um dem »bolschewistischen Räteunwesen« und der faktischen Doppelherrschaft in Deutschland ein Ende zu bereiten.

Wie wenig Deutschland vor der Gefahr einer – nicht nur von Ebert befürchteten – »bolschewistischen Diktatur« stand, bewiesen die Entscheidungen des Reichsrätekongresses am 19. Dezember in Berlin. Neben der Aufhebung des Belagerungszustandes, einer Amnestie, der Abschaffung der Zensur, der Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für Männer und Frauen ab dem 20. Lebensjahr sowie Presse-, Rede und Versammlungsfreiheit befürwortete der Kongress Wahlen zur Nationalversammlung und verzichtete damit auf die Macht. Die Linke um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg war auf dem Kongress nur marginal vertreten, obwohl ihr das Verdienst zukam, den Boden für die Antikriegsproteste der Massen durch ihre konsequente Agitation in den Kriegsjahren bereitet zu haben.

Mit dem Reichsrätekongress waren die Würfel gefallen. Trotz wichtiger demokratischer und sozialer Reformen behielten die alten Eliten Preußens und das Großkapital uneingeschränkt ihre wirtschaftliche Macht und damit politischen Einfluss. Schon bald rächte sich auch, dass die Räte es unterlassen hatten, eine Volkswehr aufzustellen. Mit dem Geld der Wirtschaft, organisiert von der Antibolschewistischen Liga, bildeten sich Freikorps, die sich aus den alten kaiserlichen Offizierskorps und Arbeitslosen rekrutierten und unter dem Oberkommando des Sozialdemokraten Gustav Noske, Volksbeauftragter für Heer und Marine in der Ebert-Scheidemann-Regierung, darauf vorbereiteten, tabula rasa zu machen. Sie waren bereits beim Angriff auf die Volksmarinedivison in Schloss und Marstall am Weihnachtsabend 1918 beteiligt; deren Entwaffnung misslang jedoch.

Der Doppelmord und das Ende

Im Januar 1919 bekamen dann die Wirtschaftsgewaltigen bestätigt, dass ihre, der Gegenrevolution gespendeten 500 Millionen Mark nicht vergeblich waren. Die Entlassung des linken, beliebten Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) durch die sozialdemokratische Regierung Preußens am 4. Januar 1919 gab in der psychologisch aufgeheizten Atmosphäre den Anstoß zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die als »Spartakusaufstand« (10. bis 15. Januar) in die Geschichte eingingen. Die inkonsequente Führung der Aktion, die eine Wiedereinsetzung Eichhorns und eine Vertiefung der Revolution anstrebte, wurde von Rosa Luxemburg heftig kritisiert. Als ihr klar wurde, dass der Aktion der Erfolg versagt blieb, plädierte sie – gegen Karl Liebknecht – für einen sofortigen Abbruch. Die eben erst, an der Jahreswende 1918/19, gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) war der Situation noch nicht gewachsen und sah sich zudem einer brutalen Hetzkampagne gegen ihre Führer ausgesetzt. Am 15. Januar wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Freikorpsleuten der Garde-Kavallerie-Division unter dem Kommando von Waldemar Pabst ermordet. Mit dem nun unentfesselten weißen Terror, in dem sich Noske selbst als »Bluthund« titulierte, begann der Bürgerkrieg, den zu vermeiden die SPD-Führung Anfang November 1918 vorgegeben hatte.

In Deutschland, dem Land mit der damals bestorganisierten Arbeiterschaft der Welt und der politisch erfahrensten Sozialdemokratie hatten günstige Voraussetzungen bestanden, die bürgerlich-parlamentarische Demokratie durch soziale Demokratie zu bestärken, das Freiheitsversprechen der französischen Revolution durch deren Solidaritätsversprechen zu ergänzen. Die historische Chance ist jedoch nicht zuletzt durch die Ablehnung außerparlamentarischer Masseninitiativen vertan worden.

Die beiden Historiker haben sich auf dem Gebiet zur Geschichte Anfang des 20. Jahrhunderts und Rechtsextremismus spezialisiert.

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