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Das Ende im Anfang

Im Essener Aalto-Theater startete ein neuer »Ring des Nibelungen«

Die Rheintöchter, im Hauptberuf Huren
Die Rheintöchter, im Hauptberuf Huren

Das Prädikat »Opernhaus des Jahres« hatte das Essener Aalto-Theater schon lange verdient. Nicht nur, weil Stefan Soltesz als Generalmusikdirektor den musikalischen Standard hochhält, sondern auch, weil er als Intendant (für einen Dirigenten nicht gerade üblich) ein Händchen für Regietalente hat. Da Essen nun, ganz zu Recht, den von 50 Kritikern durch die Fachzeitschrift »Opernwelt« vergebenen Titel erhalten hat, und die Stadt 2010 obendrein europäische Kulturhauptstadt wird, liegt es geradezu auf der Hand, dass die Oper einen »Ring des Nibelungen« anvisiert und beisteuert. Es wird einer nach dem Stuttgarter Erfolgsmodell: der große Wurf in einzelnen Teilen mit vier verschiedenen Regiehandschriften. Auf Tilman Knabe mit dem »Rheingold« folgen Dietrich Hilsdorf (den auch Peter Konwitschny in Leipzig offenbar auf seiner »Ring«-Agenda hat) mit der »Walküre« und Anselm Weber mit dem »Siegfried«. Barrie Kosky, designierter Homoki-Nachfolger an der Komischen Oper Berlin, wird mit der »Götterdämmerung« den Essener »Ring« schließen – und selbst einen in Hannover stemmen.

Ziemlich mutig sind sie, diese »Ring«-Schmiede. Auch Tilman Knabe. Er langt bei seinem »Rheingold« zu. Ziemlich deftig sogar. Schon wenn sich der Vorhang hebt, ist die Welt gänzlich aus den Fugen. Während Fricka (bewährt: Ildiko Szönyi) sich die offenen Rechnungen vornimmt, rammelt Wotan (mit wachsender Souveränität: Almas Svilpa) im Feinrippunterhemd auf der Matratze mit den Rheintöchtern. Die sind im Hauptberuf Huren. Ganz praktisch im billig glitzernden Kellergeschoss unter der ramponierten Wotan-Etage. Diese drei »Damen« machen auch den mit der Hand in der Hose sabbernden Alberich (sehr eloquent: Jochen Schmeckenbecher) scharf. Donner (Heiko Trinsinger) und Froh (Andreas Hermann) sind in die schwule Lederszene abgedriftet. Bei Fasolt und Fanfner sieht es im rechten Teil dieser merkwürdigen Welt-Haus-Ruine von Alfred Peter auch längst mehr nach Sperrmüll als nach Bauunternehmen aus. Und die Nibelungen kommen gleich als Lumpenproletariat daher: angeschmuddelte Slum-Kinder, die in Bergen von Lumpen hausen, aber auch beängstigend gut mit der MPi herumhantieren können. Wenn sich Alberich in den Riesenwurm verwandelt, um Wotan und Loge zu beeindrucken, dann ist das bei Tilman Knabe die Vision eines Aufstandes dieser Underdogs: Da stürmen sie die Behausung der abgehalfterten besseren Herrschaften, da schlagen sich die um ihren Lebensjob betrogenen Rheintöchter auf ihre Seite und schneiden den Göttern die Kehlen durch.

Das gehört zu den Momenten, wo in der Opulenz dieses grandios heruntergekommenen Bühnenhauses, also dieser Welt, das Politische ziemlich direkt aufblitzt. Doch weder hier, noch, wenn sich Donner und Froh mit Sternenbanner und UN-Fahne neben Wotan postieren, um vor Alberich (und sich selbst) mit der Geste der Macht zu protzen, wirkt das bei Knabe plakativ oder didaktisch. Es ergibt sich vielmehr schlüssig aus dem Kontext seiner vielen (in wirklich Harry Kupferscher Qualität!), gleichzeitig erzählten Geschichten.

Es sind solche von Verrat, Verfall und Rache. Etwa jene Rache des geschundenen Mime an seinem Bruder Alberich. Erst von ihm mit dem Elektroschocker traktiert, lässt er sich dann von dem selbst des Rings (und gleich noch eines Fingers) Beraubten genüsslich die Schuhe putzen. Allein Freia (Francisca Devos) hat sich noch so etwas wie Mitgefühl bewahrt. Vielleicht, weil sie sich mehr mit ihrem Apfelbaum draußen vor der Tür, als mit den Charakterruinen drinnen beschäftigt. Sie greift sogar mal ein, und löst einen ganz besonders drangsalierten Nibelungen mit ihren Äpfeln aus, um seine Wunde zu verbinden. Sie vermag auch noch eine innige Beziehung mit ihrem Entführer Fasolt aufzubauen und ist zutiefst getroffen, als der ermordet wird.

Sonst herrscht die Flucht in Sex, Drogen die blanke Machtgier vor. Erdas Warnung vor dem Ende kommt da als ein Theatercoup wie aus einer anderen Welt. Ljubov Sokolova schreitet dunkel tönend wie eine afrikanische Urmutter schlechthin im nebligen Halbdunkel über die Bühne, und drei Doubels schreiten durch den Zuschauerraum. Fremd und unverstanden. Während Loge (souverän und prägnant: Rainer Maria Röhr) meist mit genüsslichem Zynismus kommentiert, um am Ende alles mit einer Ladung Dynamit in die Luft zu jagen.

Tilman Knabe hat es sich nicht entgehen lassen, das Ende im Anfang zu zeigen. Und er hat das grandios gemacht. Man müsste sich das mehrmals ansehen, um es voll zu erfassen. Dabei hätte man aber auch seine Freude an der musikalischen Qualität dieses »Ring«-Auftaktes. Er ist nicht nur eine transparente, sinnlich ausformulierte Chefsache im Orchestergraben, sondern auch eine überzeugende, erstaunlich geschlossene Ensembleleistung mit offenkundiger Lust, diese szenische Herausforderung zu meistern.

Nächste Vorstellungen am 15., 18. und 28.11, am 3. und 7.12.

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