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Der Vielfalt das Wort reden

Olaus Faber und sein babylonisches Handbuch der Sprache

  • Von Ralph Grüneberger
  • Lesedauer: 3 Min.

Abfragbares, katalogisiertes Wissen hat Konjunktur. A, B, C oder D? Universell sein ist zeitgemäß. Wenn schon nicht Lotto, so doch der Aufstieg vom Tellerwäscher auf 1-Euro-Basis (beim Tafel e.V.) zum Quizshowmillionär. Seit Ephraim Champers »enkyklios paideia« vor genau 280 Jahren ist der Absatz von Kenntnis-Schatullen ungebrochen. Kaum ist im Fischer Taschenbuch Verlag Moores' »Wortgestöber« (in der Übersetzung von Christine Strüh) erschienen, zieht der Eichborn Verlag wenig später mit dem Titel »Das babylonische Handbuch der Sprache« von Olaus Faber nach. War früher eine Autoren-Hundertschaft mit der Aufhäufung des Wissens befasst (wie unter d'Alembert und Diderot), lässt heutzutage das Internet die Ein-Mann-Recherche zu.

Gewiss soll es ein Spaß sein: Unter den Namen der (nennenswerten) Friesen findet sich auch der Name des Autors, der von der Insel Föhr stammt, was er in seinem, im selben Verlag erschienenen Roman »Friesenblut« zu thematisieren wusste. Gleichfalls ist unter den häufigsten deutschen Familiennamen auch der Autor mit dem seinen vertreten; an 2. Stelle allerdings, die erste nimmt »Müller« ein. Zudem gibt es eine Parade von Übersetzungen von Schmidt in 27 Sprachen. Doch stößt man darauf, hat man bereits ganz andere Erkenntnisse gewonnen. Denn die vergnüglich zu lesende Enzyklopädie dreht sich bei weitem nicht um den Materialsammler und -sichter selbst.

Olaus Faber, so die latinisierte Fassung von Olaf Schmidt, hat in seinem Handbuch weit mehr als die im Untertitel angekündigten Zungenbrecher und Freud'schen Versprecher zu bieten. So belehrt er alle Audi-Fahrer, die die Marke als eine Verniedlichung von Auto ansehen. August Horch, so Faber/Schmidt, übersetzte seinen Namen in Lateinische: Horch – der Imperativ von Hören. Im Artikel »Gaunersprache« klärt er den Leser beispielsweise über die tatsächliche Bedeutung des meist falsch verwendeten Wortes »Kohldampf« auf. Hilfreich sind auch die Lektionen über das »Hamburger Du« oder den gemutmaßten Ursprung der Zauberformel »Hokuspokus«. In Zeiten, in denen der Gürtel enger geschnallt werden muss, ließe sich durchaus auch das Alphabet enger fassen. Faber/Schmidt erinnert an die Leipogrammatik, die Einsparung von Buchstaben.

Wie übergreifend eine minimalistische Grußformel geraten kann, beschreibt der promovierte Friese im Artikel »Moin, moin« und stellt fest, dass bei dem Norddeutschen Fritz Reuter selbige überhaupt nicht vorkommt, während Arno Holz, der aus Rastenburg/ Ostpreußen stammt, in seiner Komödie »Sozialdemokraten« (heute eher ein Trauerspiel) seiner Figur Wilhelm Werner den Gruß in den Mund legt. Wissenswert für Angeber ist auch der Name des längsten Ortsnamens in Deutschland oder Fabers/Schmidts Lektion über die Entstehung des Begriffes Vandalismus, der den Vandalen Unrecht tut.

Natürlich muss das Handbuch seinem Titel gerecht werden und schließlich auch auf den »Turmbau zu Babel« eingehen. In der Bibelübersetzung Martin Luthers heißt es: »Es ist einerley Volck vnd einerley Sprach vnter jnen allen […] sie werden nicht ablassen von allem das sie furgenommen haben zu thun. Wolauff / lasst vns ernider faren / vnd jre Sprache da selbs verwirren«. Mit Gott zu wetteifern hat, so die Überlieferung, dazu geführt, dass die Menschheit ihre »einerlei Zunge und Sprache« verloren hat. Dabei ist gerade dieses Sprachgewirr ein göttlicher Segen. Erweiterung und Erneuerung wären längst verloren gegangen. Denn dort, wo die Sprache ohne Vielfalt und Abwechslung ist, herrschen bald Geste und Stummelwort vor. Und auch ein Buch wie dieses, käme niemanden in den Sinn.

Olaus Faber: Das babylonische Handbuch der Sprache. Eichborn Berlin. 256 S., geb., 14,95 EUR.

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