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Emotionale Hochspannung

»Caravaggio« – getanzte Biografie vom Staatsballett Berlin

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Emotionale Hochspannung

Kein Maler habe jemals sein eigenes Wesen so stark gemalt wie Caravaggio, urteilt fast anderthalb Jahrhunderte nach dem Tod des Italieners sein schweizerisch-englischer Malerkollege Johann Heinrich Füssli. Revolutionär in der Auffassung, prägend für Generationen, wild, ungebärdig, Raufbold und Mörder, so zeichnet sich heute ein ungefähres Bild jenes als Michelangelo Merisi (1571-1610) zu Caravaggio bei Bergamo geborenen frühbarocken Neuerers. Mit 20 übersiedelt er nach Rom, löst mit Heiligenbildern voller realer Menschen Bewunderung wie Empörung aus, gerät, sensibel und reizbar, in Händel und Haft, führt das unstete Leben eines Getriebenen, ehe er kurz vor der römischen Rehabilitierung an Fieber stirbt – einsam und verarmt. Knallig setzt er Themen: Minderjährige Lustknaben sind seine Bacchanten, eine stadtbekannte Kurtisane das Marien-Modell, Amor präsentiert demonstrativ sein Genital, der toterschöpfte David hält als Goliaths Haupt Merisis Kopf in Händen, von brutal bohrender Direktheit und grandios theatraler Wucht sind die blutigen Darstellungen religiöser Legenden.

Nach Derek Jarmans verrätseltem Film nimmt sich nun der Tanz dieses Malertitanen an: Beim Staatsballett Berlin hatte als fast durchgängig römische Produktion »Caravaggio« zwei Stunden lang in der Lindenoper seine widerstreitend aufgenommene Uraufführung. Aus dem Dunkel des Raums tritt inmitten Sitzender leise der Maler, mehr als ein Slip ist ihm stücklang nicht angemessen. Das lässt in Carlo Cerris großartig atmosphärischem Licht sein Fleisch und das seiner vom englischen Doppel Kristopher Miller & Lois Swandale ebenso knapp gewandeten Gefährten im Malstil Caravaggios aufleuchten. Dem Künstler in tragisch kapriziöser Pose gesellt sich aus der Tiefe Polina Semionova bei, Muse oder Modell, mit der sich unterm matten Strahlendom ein verwickeltes Duett ergibt. Dem intimen Start schließen sich Ensembleszenen an, in denen Frauen überkopf die Beine um den Hals des Partners kreuzen, wiederkehrendes Motiv für Liebe wie Strangulation. Aus Pas de deux besteht großenteils, was Italiens Export-Choreograf Mauro Bigonzetti, vor einem Jahrzehnt schon Gast an der Deutschen Oper, zu einem abendfüllenden Tanzstück fügt.

Trotz konkreter Szenenfolge im Programm lässt sich eher ausmachen, was ihn angeregt haben mag. Zu erkennen sind jene Caravaggios Ikonografie entlehnten Themen kaum, wohl aber eine veritable sinfonische Fantasie um den Malergenius, wie Bigonzetti ihn – auch im Verständnis Füsslis – verehrt: Maler und Werk sind untrennbar eins. Beatrice Knop als weitere Frau kündet ihm per Magenschlag sein Ende, fröhlich ziehen ihn zwei Bacchanten in ein Gelage.

Der schönste, sanft fließende Pas de deux dieses ersten Teils fällt Shoko Nakamura und Michael Banzhaf zu: ein Adagio reiner Liebe, an der der Maler vergeblich teilhaben möchte. Ihm ist ein rotes Tuch bestimmt, Zunge oder Blutstrahl. Semionova besänftigt, verführt ihn bis zum Kopfüber-Hang, hinten fährt als einziges Requisit des Abends ein beinah bühnenfüllender Goldrahmen herab.

Dichter, ganz ohne Gruppe, nur noch in Zuspitzung, gestaltet sich der Teil nach der Pause. Leonard Jakovina als sein Double aus dem Rahmen vereint sich mit Caravaggio in einem zerdehnt verknoteten Duett zwischen Liebesbegehren und Sättigung, einer der künstlerischen Höhepunkte des Abends. Harmonisch und unprätentiös bei aller zwanghaften Trance formen sich die Duette zu Schlaglichtern eines Lebens, das Caravaggio ersehnen, nicht jedoch führen darf.

Gegen Ende finden sich alle Gestalten in skulpturaler Fassung, ehe das Fatum ihn treibt, sie zu vernichten und sich, blutverschmiert, über Semionova zu betten. Italienisch pathetisch mag diesen Schluss empfinden, wer es schlichter mag.

Bigonzetti ist mit seiner choreografischen Paraphrase die so emotionale wie plastische Zeichnung eines Lebens zwischen Kunst und Realität gelungen, wie es jeder mit Gewinn für sich interpretieren wird. In neoklassischer Bewegungserfindung mit originellen Körperverschlingungen und maximaler Dehnung auf Spitze, mit Spirale, Torsion, Kontraktion hat er gleichsam eine Hommage an die vorzügliche Solistenequipe des Staatsballetts geschaffen.

Vladimir Malakhov ist ein Caravaggio ohne Fehl und Tadel, feinnervig, empfindsam, zerquält, und wohl auch ein bisschen er selbst. Unter Paul Connally musiziert die Staatskapelle, was Bruno Moretti aus diversen Vorgaben von Claudio Monteverdi, Messe, Oper, Madrigal einbegreifend, für Orchester instrumentiert hat und was sich mit lyrischem wie dramatischem Klang dem Tanz überwiegend passgenau unterlegt.

Nächste Vorstellungen am 12., 13., 15. und 26.12.

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