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Velvet Widerstand

»nicht alles tun« – ein Hurra dem Ungehorsam

  • Von Alexander Cierpka
  • Lesedauer: 2 Min.
Velvet Widerstand

Es ist anstrengend, ungehorsam zu sein. Anstrengend und mitunter gefährlich. Disziplin, Anpassung, Wegsehen – es lebt sich bequem im Strom der Masse. Und Zeit zum Hinterfragen ist ohnehin knapp in rauem Klima.

Schon Georg Christoph Lichtenberg spottete im 18. Jahrhundert: »Mein Gott, was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen?« – und zeigt, dass der Drang nach Unterordnung schlicht zeitlos ist. Was aber mit jenen, die klaren Blickes gesellschaftliche Missstände erkennen? Was mit jenen, die nicht einstimmen in das Hohelied der Mehrheitsmeinung? Einsperren, ausweisen, achten?

Einer ging erst und ließ sich später einsperren. Weil er Mitte des 19. Jahrhunderts mit der politischen Realität in den USA nichts mehr zu tun haben wollte. Weil er begriff, dass die Flucht aus dem gesellschaftlichen Leben das wirklich Wichtige zu erkennen half: Henry David Thoreau lieferte mit seinem Essay »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« den Aktionen sozialer Bewegungen im 20. Jahrhundert den theoretischen Unterbau. Gandhis Konzepte der gewaltfreien direkten Aktion, die afrikanisch-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, der Fall der Berliner Mauer – Beispiele, die den Gedanken Thoreau lebten, bei einmal erkanntem Unrecht politischer Systeme der moralischen Pflicht zum Ungehorsam nachzukommen.

Dennoch – speziell in Deutschland erlahmte nach '89 die Debatte um zivile Formen des Widerstands. Auch der G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 entfachte lediglich ein Strohfeuer.

Jens Kastner und Elisabeth Bettina Spörr wollen mit ihrer Publikation »nicht alles tun« zeitgemäß auf die Thesen Thoreaus antworten. Überfällig angesichts des gesellschaftlichen und technischen Fortschritts und damit einhergehendem Wandel der Protestformen. Der Band über Theorie und Praxis des zivilen Ungehorsams ist historisch angelegt, bezieht sich auf Objekte der Bildenden Kunst und auf soziale Bewegungen, die belegen, was zu tun ist, wenn man »nicht alles tun« kann. Anders als Thoreau, der sich zurückzog, sind die Beispiele der verschiedenen Autoren handlungsbetont. In Beuys'scher Manier wird dem Gedanken »Die Revolution sind wir!« gefrönt.

Ob dieses Buch dem Anspruch gerecht werden kann, die Debatte um Ungehorsam wieder anzuregen, ist jedoch fraglich: zu wissenschaftlich, zu fachspezifisch in Stil und Komposition richtet es sich an eine durch akademische Mühlen getriebene Leserschaft. Dass es anders geht, beweist der Politikwissenschaftler John Holloway in seinem wundervollen Plädoyer, Poesie und Schönheit selbst in Zeiten des revolutionären Kampfes zuzulassen: Stakkatoartig, fast atemlos, wie Holloway den Zwängen des Kapitals entschlossen »Nein!« entgegenbrüllt. Schade, dass derart verständliche Worte in diesem Sammelband eher spärlich fallen.

Jens Kastner/Elisabeth Bettina Spörr: nicht alles tun, Unrast-Verlag, 195 Seiten, brosch., 16 Euro

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