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Frauen in finsteren Zeiten

Rosa Luxemburg und Hannah Arendt

  • Von Tanja Storløkken
  • Lesedauer: 5 Min.
Hannah Arendt gefiel es, mit Rosa Luxemburg verglichen zu werden.
Hannah Arendt gefiel es, mit Rosa Luxemburg verglichen zu werden.

Rosa Luxemburg und die deutsch-jüdische politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906 – 1975) lebten beide in Bertolt Brechts finsteren Zeiten, die zu dem Titel der Essaysammlung von Hannah Arendt »Menschen in finsteren Zeiten« von 1968 anregten. Sowohl Luxemburg als auch Arendt haben Licht in ihre finsteren Zeiten gebracht. Sie ermutigen auch heute noch den Einzelnen, gegen totalitäre, barbarische und autoritäre Tendenzen aufzutreten. Seit einigen Jahren erfährt die anti-totalitäre Denkerin Hannah Arendt eine bemerkenswerte und wohlverdiente Renaissance. Trotz Arendts Kritik an Marx verband sie eine sehr enge Gedankengemeinschaft mit der Marxistin Rosa Luxemburg.

Arendt ist vor allem wegen ihrer Analyse vom Nazismus und Stalinismus in ihrem Buch »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« von 1951 bekannt, und wegen ihres Begriffs der »Banalität des Bösen« in »Eichmann in Jerusalem« von 1963. Weniger Beachtung erhielt das revolutionäre Engagement von Arendt, besonders in ihrem Buch »Über die Revolution« von 1963, wo sie für eine politische Revolution argumentiert, die hoffentlich im Stande ist, totalitäre Tendenzen abzuwehren. Hier liegen auch die Gemeinsamkeiten mit Rosa Luxemburg. Arendt schrieb dieses Buch unmittelbar nach ihrer Lektüre von Luxemburgs »Zur russischen Revolution«.

Arendt hat nicht verschwiegen, dass sie gern mit Rosa Luxemburg verglichen wurde. Aber es war nicht nur der Mut und der Stil Rosa Luxemburgs, die Arendt begeisterten. Sie schliesst den Essay über Rosa Luxemburg, »Eine Heldin der Revolution«, mit den Worten ab: »Man möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass mit großer Verspätung doch noch erkannt wird, wer Rosa Luxemburg war und was sie geleistet hat – ebenso wie man weiter hoffen möchte, dass sie endlich ihren Platz im Pensum der Politologen der westlichen Welt finden möge. Denn Nettl sagt mit Recht: ›Wo immer ernsthaft die Geschichte der politischen Ideen gelehrt wird, da müssen auch ihre Ideen genannt werden.‹«

Was mich besonders an Arendts Essay über Rosa Luxemburg interessiert, ist ihre Interpretation von Rosa Luxemburgs Vorstellung über die Revolution. Arendts Zweifel, ob Luxemburg wirklich eine Marxistin war, kommen überraschend: »Kurz gesagt, wenn für sie ›die Revolution ebenso nah und wirklich‹ war wie für Lenin, so galt sie ihr doch genauso wenig als Glaubensartikel wie der Marxismus … Damit gibt man natürlich zu, dass sie keine orthodoxe Marxistin war, ja so wenig orthodox, dass sich bezweifeln lässt, ob sie überhaupt Marxistin war. Nettl stellt mit Recht fest, dass Marx in ihren Augen nichts anderes war als ›der beste Ausdeuter der Wirklichkeit‹ ... Worauf es ihrer Meinung nach am meisten ankam, mehr noch als auf die Revolution, war die Wirklichkeit in allen ihren erschütternden Aspekten.«

Arendt behauptet, dass die Realität wichtiger als die Revolution für Luxemburg war. Dies ist eine besondere Behauptung, weil die Realität und die Revolution in engem Zusammenhang im Denken Luxemburgs standen. Eines ihrer Lieblingschlagwörter war: »Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat immer, das laut zu sagen, was ist.« Weil Luxemburg Barbarei als eine mögliche Alternative zum Sozialismus und der Revolution sah, was auch Resultat ihres realistischen Denkens war, kann nicht gesagt werden, dass die Realität für sie mehr als die Revolution bedeutete oder dass die Revolution »ihr doch genauso wenig als Glaubensartikel wie der Marxismus galt«. Luxemburgs Ziel besteht im Sozialismus und nicht primär in Arendts Republikanismus. Luxemburg will mehr als Arendt, eine Tatsache, die Arendt in ihrer Interpretation der Luxemburgschen Revolutionsvorstellung zu übersehen scheint. Doch Arendt unterstreicht mit Recht, dass Luxemburg an keine Revolution glaubte, an der die Mehrheit der Menschen keinen Anteil hätte und »dass sie eine deformierte Revolution weit mehr als eine erfolglose fürchtete.«

Arendts Zweifel an Luxemburg als Marxistin ist in höchstem Grade von ihrer eigenen Marxismus-Interpretation beeinflusst. Arendt sah im Denken von Marx eine doppelte totalitäre Gefahr. Einerseits spreche er von einem unabwendbaren, von Notwendigkeit und Determinismus gekennzeichneten Geschichtsprozess, andererseits argumentiere er, dass Geschichte gemacht werden könne durch Vermischung von politischem Handeln und Herstellen. Marxismus und Totalitarismus sind selbstverständlich nicht synonym, aber nach Arendt war genau diese Kombination von Determinismus (von unabwendbaren automatischen Prozessen) und von Hybris (der Idee, dass alles möglich ist) Hauptcharakteristikum des Totalitarismus.

Wie die Arendt-Kennerin Margaret Canovan mit Recht betont, ist Arendts Gleichsetzung von Nazismus und Stalinismus mit Barbarei ein Echo des Denkens von Luxemburg über Barbarei: »Für Arendt repräsentierten sowohl Nazismus als auch Stalinismus Barbarei in einer Weise, die viel mehr als rhetorisch war. Hinter ihrer Analyse hallen die Worte von Rosa Luxemburg wider, die sie während des Ersten Weltkrieges geschrieben hatte: ›Dieser Weltkrieg – ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur.‹«

Auch in Bezug auf den Versuch, eine Heilkunde gegen totalitäre Tendenzen vorzugeben, klingt Arendt wie ein Echo auf Luxemburg. Für beide ist Revolution notwendig, weil sie totalitäre und barbarische Tendenzen zu stoppen wünschen, aber sie waren völlig unterschiedlicher Meinung in Bezug auf den Inhalt und den Umfang dieser anti-barbarischen und anti-totalitären Revolution.

Wahrscheinlich würde es zu einer Neubewertung von Arendts Verhältnis zum Marxismus führen, wenn sie vollständig akzeptiert hätte, dass Rosa Luxemburg zeitlebens Marxistin war. Hannah Arendt spürte erfolgreich totalitäre wie auch anti-totalitäre Elemente der revolutionären Tradition in ihrer Gesamtheit auf; bezüglich der marxistischen Tradition jedoch scheint sie eher bereit zu sein, die Verbindung Luxemburgs zum Marxismus aufzuweichen, als einzuräumen, dass Luxemburgs Begriff des politischen Handelns und ihre Vorstellung von Revolution wichtige anti-totalitäre Elemente innerhalb der marxistischen Tradition ausmachen. Arendts Kritik an Karl Marx führt sie weg vom Marxismus, aber gleichzeitig bringt sie ihre gedankliche Nähe zu der Marxistin Rosa Luxemburg der marxistischen Tradition wieder näher.

Tanja Storløkken ist freie Dozentin an der Universität Oslo (Norwegen).

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