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Das Schichtbuch des Hans Aehre

Wiedergelesen: »Menschen an unserer Seite« von Eduard Claudius

Nach mehr als einem halben Jahrhundert nun wieder dieses Buch! Obendrein noch zu einer Zeit, dem Hier und Heute, da erdballweit, global, das Grauen herrscht, die Welt aus den Fugen zu geraten scheint und die apokalyptische Bedrohung der Menschheit, begleitet von Kriegsabenteuern und Finanz- und Wirtschaftskrisen, um Deutschland keinen Bogen macht. Da ist ein jeder froh, wenn er noch ein wärmendes Zuhause hat, einen halbwegs sicheren Arbeitsplatz und nicht schon von der Siemens AG oder General Motors in die Kälte entlassen wurde. In einer Zeit also, in der sich tagtäglich die Nachrichten häufen, dass Millionen und Abermillionen von direkter, versteckter, schöngefärbter oder vertuschter Arbeitslosigkeit betroffen sind, nun dieses Buch, schon 1951 erschienen, geschrieben von Eduard Claudius mit dem Titel »Menschen an unserer Seite«.

Andererseits hatte ich neulich von dem nahezu inquisitorischen Geschrei, das die DDR als Schurkenstaat darzustellen versucht und die Arbeitswelt ihrer Bürger als eine Art Feudalordnung ausgibt – hie die Funktionäre, dort die in Lethargie gestoßene Masse – die Nase davon voll und erinnerte mich der deutschen Literatur, die, authentisch bis ins Detail, in der Deutschen Demokratischen Republik dazu entstand. Ich stieß auf Claudius und habe es nicht bereut.

Als ich Student war und das olivgrün gebundene Buch zum ersten Mal las, hatte ich gedacht, so kann man, so darf man nicht einen Roman schreiben. Natürlich war mir Eduard Claudius bereits ein Begriff gewesen, Jungkommunist, von den Nazis verfolgt, Spanienkämpfer, in der Schweiz von Hermann Hesse vor der Auslieferung bewahrt, Autor von »Grüne Oliven und nackte Berge«. Aber das entschuldigte natürlich nicht die blassgezeichneten, eher noch dem Zeitgeist gemäß recht voreingenommen geschilderten Charaktere der Verräter und Saboteure im VEB Elektrokohle Lichtenberg, vormals Siemens-Plania. Es setzte auch nicht – aber das war wohl schon Geschmackssache von mir – den Einwand außer Kraft, dass zu viel dialogisiert, zu wenig erzählt wird.

Eine sehr renommierte literarische Gesellschaft brauchte jüngst mehrere Tage, um über die Darstellung des, in Anführungsstrichen, Arbeiters in der Belletristik beider deutschen Staaten zu debattieren. Also kam man auch auf die »Menschen an unserer Seite« zu sprechen. Bei allem Hin und Her jedoch blieb das Eigentliche des Romans unerkannt: Hier nämlich trägt sich die Handlung in einer Gesellschaft zu, die – und zwar zum ersten Mal in der, mit Verlaub: tausendjährigen, deutschen Geschichte – den Banken, Konzernen und Großgrundbesitzern den Boden für alles Hasardspielen bis hin zum Völkermord entzogen hat. Seit den Bauernkriegen und der Reformation, wage ich zu behaupten, war noch nie ein solch revolutionär-sozialer Aufstand in Deutschland gewesen.

Hans Aehre, wie unser Held heißt, weiß das alles nur sehr vage, er hat sogar Mühe, seine Schreib- und Leseschwäche zu überwinden, aber er bringt etwas zu seiner eigenen Menschwerdung ein, was ihm unter anderen, z. B. den jetzigen, Gesellschaftsbedingungen nie gelungen wäre. Indem er, ein durch früher erlittene bittere Erfahrungen gereifter Grübler, mehr und mehr den Betrieb als den seinigen empfindet, denkt er sich eine Methode aus, wie er mit seinen Kollegen die zerstörten Kammern eines für das Werk lebensnotwendigen Ringofens ohne Unterbrechung der bei 1000 Grad plus laufenden Produktion, was bisher als unmöglich galt, wieder aufbauen kann, und wächst über sich hinaus: »Unsere Arbeit ist nicht etwas, was uns knechtet, sondern was uns befreit, was uns unsere Würde gibt, was uns stolz und erst zu wahren Menschen macht«, sagt er zu seinen Kumpels, als sich die ersten Erfolge einstellen. Das ist natürlich ein anderer »Arbeiter« der volkseigenen Industrie als jener, dem es genügt, als Heizer aus seinem Kohlenkeller täglich über sich im Maschinensaal den Weibern unter die Röcke zu spionieren.

Eduard Claudius kennt die Sprache der Arbeiter, ihre Gedanken, ihr Leben. 1911 in Gelsenkirchen geboren, war er selbst von Beruf Maurer und durchwanderte halb Europa. Am Ende des Krieges an der Seite der italienischen Partisanen kämpfend, siedelte er, nach Deutschland zurückgekehrt, bald in die damalige Ostzone über. Mit mehreren Büchern hatte er sich bereits ausgewiesen, und nun, bevor er sich den »Menschen an unserer Seite« zuwandte, trieb er zunächst intensive Studien am Objekt, dem VEB Elektrokohle Lichtenberg, griff dort selber wieder zu Kelle und Wasserwaage und begleitete so den Ringofenmaurer Hans Garbe, über den er eine erste Erzählung schrieb und der ihm dann als Vorbild für Hans Aehre diente. Aus alledem bezog er seine Kenntnis der Arbeitswelt. Jeder Dialog, wenn ich ihn heute lese, erinnert mich an die Gespräche auch meiner Eltern mit den Nachbarn aus der Arbeitersiedlung, in der mein Zuhause war; jedes Detail ist mir vertraut, vom halben Morgen Wind hinterm Hühnerstall bis zur guten Stube und der Wohnküche. Und noch etwas lässt mich den Roman hochhalten: Endlich einmal bleibt, bei allen Konflikten, eine Ehe bestehen, zerbricht eine Liebe nicht an irgendeiner abgedroschenen, literarisch längst langweilig gewordenen Dreiecksbeziehung.

Den Namen des Autors findet man möglicherweise noch in den Lexika neueren Datums; noch wird er dort geführt, im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern der DDR, hingegen wie selbstverständlich aber neben solchen, die der Nazi-Ideologie verpflichtet waren. Doch bereits bei der Aufzählung seiner Werke belässt man es beim Torso. Der Titel »Menschen an unserer Seite« jedenfalls wird meist verschwiegen, und wird er dann doch irgendwo verschämt am Rande erwähnt, disqualifiziert man ihn sofort als Produktionsroman, gar als einen von der schlimmen Sorte des »sozialistischen Realismus«. Was Wunder aber auch in einer durch und durch bourgeois organisierten Gesellschaft, in der jene sich, die das Geld und demzufolge das Sagen haben, natürlich auch die Apologeten leisten können, um über alle Art von Medien den Aufbruch zu einem wahrhaft proletarischen Arbeitsethos und dessen künstlerische Gestaltung zu verhetzen, die dem Sozialismus adäquate Herausbildung einer neuen Ästhetik, eines von dialektisch-historischer Weitsicht fundierten Realismus zu »delegitimieren«.

So spannt sich denn auch der Bogen nach dem Niedergang der Arbeitermacht in einem Teil Deutschlands. Indes der Roman von Claudius das Werk vom heroischen Anfang der über Jahrzehnte währenden, nicht zum Job verkommenen, sondern von Ausbeutung befreiten Arbeit ist, kann Volker Braun endlich mit seinem »Machwerk oder das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer« den Abgesang darauf liefern, mit einer Donquichotterie auf das große Thema von einst. Sie waren »Werktagskinder«, lässt er die Mittagsfrau zum Flick sagen, dem im Bergbau früher hochgeachteten, inzwischen abgehalfterten Hava-

rieschlosser. »Sie waren zufrieden, und fromm. Sie hatten von allem. Erde, Wasser, Gruben, Gerät. – Das Volkseigentum, sekundierte er. – Sie wussten nicht, was sie hatten. – Flick schwieg verblüfft und grinste die Greisin an. Hat es ihnen denn keiner gesagt? – Unentwegt, sie sprachen ja nur davon! Es war ihnen gleich. Sie haben sich nichts daraus gemacht. Sie haben es nicht besessen ... Flick begann sich zu ängstigen und fragte: Und was ist aus ihnen geworden? – Es ist alles untergegangen. Eine versunkene Welt.«

Vielleicht aber kann man dennoch, wie schließlich auch die Mittagsfrau, mit Karl Marx antworten: Kein Volk verzweifelt, und sollte es auch lange Zeit nur aus Dummheit hoffen, so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren einmal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.

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