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Respekt und Nelken

Zehntausende ehrten Rosa und Karl auf dem Friedhof Friedrichsfelde

Irak, Afghanistan und Gaza: Die Forderung ist aktueller denn je
Irak, Afghanistan und Gaza: Die Forderung ist aktueller denn je

»Verdammt ist das kalt hier«, beschwert sich Jörg Krempien aus Rostock. Der Sozialarbeiter von der Küste ist in aller Frühe zum Friedhof der Sozialisten nach Berlin-Friedrichsfelde gekommen, um an den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht eine Nelke niederzulegen. Für den jungen Mann mit dem Pferdeschwanz ist es nicht nur ein stilles Gedenken an die vor 90 Jahren ermordeten Sozialisten, sondern auch Protest gegen die Missstände der Gegenwart: »Ich sehe doch tagtäglich bei meiner Arbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen, welche Auswirkungen die Politik der Bundesregierung vor Ort hat«, meint der junge Rostocker.

Spitzenpolitiker der LINKEN eröffneten traditionsgemäß die Gedenkveranstaltung.
Spitzenpolitiker der LINKEN eröffneten traditionsgemäß die Gedenkveranstaltung.

Während er noch vor den Gräbern der ermordeten Sozialistenführer steht, verwandelt sich der Platz vor der Gedenkstätte für einen Tag in einen bunten Jahrmarkt der politischen Ideen. An zahlreichen Ständen werben linke Parteien, politische Gruppen, Verlage und Antiquariate um die Aufmerksamkeit der Vorbeiziehenden. Doch trotz aller politischer Meinungsverschiedenheiten bleibt die Atmosphäre entspannt. Lediglich die bittere Kälte setzt sowohl den Standbetreibern als auch den Besuchern zu. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt wärmen sich zahlreiche Besucher mit Glühwein und Kaffee. Es werden von Minute zu Minute mehr. Vom U-Bahnhof Lichtenberg bis zum Eingang des Friedhofs: Der Strom der Menschen, die heute an Karl und Rosa erinnern wollen, reißt nicht ab. Tausende trotzen so dem beißenden Frost, und am Grab der beiden Sozialistenführer türmen sich die roten Nelken. Doch auch auf den benachbarten Grabsteinen Ernst Thälmanns, Walter Ulbrichts und Wilhelm Piecks liegen zahlreiche Blumen.

Währenddessen bot die ebenfalls alljährlich organisierte Demonstration – dieses Mal unter dem Motto »Kein Friede mit dem Kapitalismus« – ein lauteres und jugendlicheres Bild. »Ich bin zum ersten Mal dabei«, schreit etwa die 20-jährige Studentin Anna aus Friedrichshain gegen die Hip-Hop-Rhythmen an. Dagegen bekennt ein rüstiger Lichtenberger Rentner: »Bei dem Gedenken war ich schon mindestens zwanzig Mal. Heute wollte meine Frau aber mal ein bisschen laufen. Darum sind wir dieses Mal auf der Demo«, sagt der 68-Jährige und stampft die kalten Füße auf, während er eine rote Nelke zwischen den Fingern dreht.

In dem Moment zischen mit Mörsergepfeife Feuerwerksraketen über die Köpfe hinweg, denn an einer Ecke stehen junge Menschen von der Antifa auf dem Dach, schwenken die schwarz-rote Fahne und schießen ihre Böller ab. Dies ist der einzige Moment, in dem sich etwas Spannung unter den zahlreichen, Spalier laufenden Polizeibeamten breit macht. Die entscheiden sich dann aber doch, achselzuckend darüber hinweg zu sehen. »Es gab keinen einzigen nennenswerten Vorfall während der Demonstration«, vermeldet die Polizei anschließend.

Friedlich also zogen unzählige Gruppen von der IG Metall über die Vereinigung der Naziverfolgten (VVN-BdA) bis hin zu Baskischen Separatisten unter ihren jeweiligen Fahnen durch Berlin-Friedrichshain bis zur Gedenkstätte – laut Polizei etwa 8000 Teilnehmer. Die Antifaschistische Linke, die den Zug mitorganisiert hatte, sprach von 12 000 Menschen. »Wir waren mehr als letztes Jahr«, so Sprecher Sebastian Lorenz.

Auf den zahllosen Plakaten zitierte etwa die sozialistische Delegation aus Stockholm Luxemburgs Aussage über die Revolution »Ich war, ich bin, ich werde sein«, während Mitglieder des Motorrad-Klubs »Kuhle Wampe« einfach nur mitmarschierten. Ein Palästinenser-Block wiederum fragte gemeinsam mit Israelis: »Wo ist die internationale Solidarität?«. Bei Ankunft an der Gedenkstätte wichen die lauten Töne dann aber respektvoller Einkehr.

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