Von Hermannus Pfeiffer

HRE von Anfang an eine »Bad Bank«

Schon rot-grüne Bundesregierung wusste über hohe Risiken deutscher Banken Bescheid

Der Verkauf fauler Kredite trug maßgeblich zur Finanzkrise bei und wird seit langem von Staat und Regierung gedeckt.

Während der späten neunziger Jahre hatte die Shareholder-Value-Ideologie jede kaufmännische Vernunft unter sich begraben. »Wer 15 Prozent und mehr Gewinn nach Steuern einfahren will, muss wohl fusionieren«, resignierte damals der prominente Kritiker Professor Uwe Jens vor der Gier der Banken. Bald wurden aus 15 Prozent Gewinnerwartung 20 und daraus 25 Prozent und mehr. Zum Höhepunkt wurde in München der Zusammenschluss der privaten Hypotheken- und Wechselbank mit der halbstaatlichen Vereinsbank, aus der 1998 die Hypo-Vereinsbank hervorging. Kurz nach der Fusion entdeckte der neue Vorstand ein Finanzloch über 3,5 Milliarden Mark für uneinholbare Hypothekenkredite.

Zu den Stärken der Bayern hatte die Finanzierung von Häusern, Fabrikgebäuden und anderen Immobilien gehört. Ein solides Geschäft, das aber vergleichsweise wenig Gewinn abwarf. Zu wenig, befanden die Shareholder-Value-Manager. 2003 spalten sie das gewerbliche Immobiliengeschäft in die rechtlich selbstständige »Hypo Real Estate Holding AG« ab und brachten die HRE an die Börse. Die HRE war also von Anfang an eine »Bad Bank«, mit der sich die marode Konzernmutter Hypo-Vereinsbank von schlechten Krediten befreien konnte, um 2005 von der italienischen Unicredit aufgekauft zu werden. Die Altaktionäre um die Münchner Rück kamen so mit einem blauen Auge davon.

Seit ihrer Gründung folgte die HRE einem Trend: Die bundeseigene KfW hatte zwischen 2000 und 2004 für Privatbanken Verbriefungen von schlechten Krediten im Gesamtwert von über 36 Milliarden Euro vorgenommen. Dazu wurden mehr oder weniger Not leidende Darlehen gebündelt und als Wertpapier (»Verbriefung«) verkauft. Größter Verkäufer war laut »Handelsblatt« die Hypo-Vereinsbank mit 7,62 Milliarden Euro. Zwar verbriefte die Kreditanstalt für Wiederaufbau nicht auf eigene Rechnung, sondern als Dienstleister, doch sie nutzte ihren guten Ruf, um zweifelhafte Wertpapiere zu platzieren.

Die Idee stammt aus den USA: Darlehensverkäufe hatten in den 1970ern dazu gedient, marode Kreditinstitute und Bausparkassen vor dem Zusammenbruch zu retten. In Deutschland wurden sie in den 1990ern bei privaten Großbanken modern, um gefährdete Kredite beispielsweise für »Schrottimmobilien« in Ostdeutschland abzusichern und die Risiken zu verteilen. 2005 wurde der Bestand an Problemkrediten in Deutschland auf 300 Milliarden Euro geschätzt.

Für Albrecht Müller von den »Nachdenkseiten« verbirgt sich dahinter ein »krimineller Akt«: Wer faule Kredite verpacke und sie als Wertpapiere verkaufe, »ist am Beginn einer betrügerischen Kette beteiligt«. Unter Billigung der Politik, die nicht nur die KfW dafür bereitstellte, sondern den Banken auch Steuererleichterungen bot.

Für den ersten privaten Ausverkauf ohne die KfW zeichnet ausgerechnet die Hypo Real Estate verantwortlich: Im Jahr 2004 verscherbelte sie 4200 Hauskredite für 3,6 Milliarden Euro an den berüchtigten Finanzinvestor Lone Star aus Texas. Mit »problematischen Folgen« für die Hausbesitzer, prangerte Professor Karl-Joachim Schmelz vor dem Finanzausschuss des Bundestages an, denn die Texaner setzten ihren Kunden finanziell die Pistole auf die Brust.

Mit dem Verkauf war die HRE zunächst diese Risiken los, aber nicht der Markt. Andere Problemfälle konnte die HRE nicht rechtzeitig abstoßen, neue kamen durch die Auslandsexpansion und 2007 durch die Übernahme des Staatsfinanzierers Deutsche Pfandbriefbank hinzu. Um ihre zu geringen Renditen aufzupolieren, setzte die HRE auf ein Finanzierungsmodell, dass gegen alle Regeln der Branche verstößt: Langfristige Geldanlagen finanziert die HRE durch kurzfristige Kredite.

Im Ergebnis der dubiosen Geschäftspolitik konnte die 2007 in den USA ausgelöste Immobilien- und Finanzkrise voll auf die HRE durchschlagen. Die schlechten (»bad«) Risiken der bayerischen Bad Bank trägt nun der Steuerzahler, denn der Bund bürgt mittlerweile für 102 Milliarden Euro.

Die HRE war keineswegs die einzige Bad Bank, die Privatbanken gründeten. Zwei Jahre zuvor hatten die Frankfurter Großbanken ihre schwächelnden Hypothekenbanken verschmolzen. Commerzbank, Deutsche und Dresdner Bank bündelten 2001 ihre Immobilienfinanzierungen in der neuen »Eurohypo AG«. Zuvor war ein Teil der Altlasten über die KfW auf den Kapitalmarkt geflossen.

»Der scharfe Wettbewerb und schwache Margen hatten es« – so der damalige Eurohypo-Boss Karsten von Köller – »immer schwerer gemacht, die notwendige Rentabilität im Inland zu erzielen und den Trend zur Konsolidierung (also Fusionen) in der Branche spürbar zunehmen lassen.« Auf dem deutschen Hypothekenmarkt spielen seitdem neben der Eurohypo nur noch die HRE sowie die öffentlichen Landesbanken eine relevante Rolle. Köller und seine Bank zog es wie die HRE ins scheinbar lukrativere Ausland, nicht nur in die USA – wo die Immobilienblase bereits geplatzt ist – sondern auch nach Großbritannien und Spanien, wo die überhöhten Immobilienpreise jederzeit platzen können.

2005 wurde die Eurohypo von der Commerzbank geschluckt. Aber daran könnte sich die Großbank noch verschlucken und mit ihr die Bundesregierung. Die Große Koalition griff nicht nur bei der HRE, sondern auch bei der Commerzbank-Eurohypo ein und teilverstaatlichte den Geldgiganten, der gerade mit der Dresdner Bank fusioniert und so die Allianz von Altlasten befreit.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken