Chávez will billigen Reis für alle

Unternehmen, die Preiskontrollen umgehen, droht die Enteignung

Von Gerhard Dilger, Porto Alegre

In seiner Sendung »Aló Presidente« hat Hugo Chávez am Sonntag die vorübergehende Besetzung aller Reisfabriken Venezuelas bekräftigt. Viele Unternehmer versuchten, die staatlichen Preiskontrollen zu umgehen, sagte der Staatschef: »Sie wollen Reis mit Aroma produzieren und nicht den weißen Reis ... Wenn sie Faxen machen, dann enteignen wir sie.«

»Unsere Regierung ist da, um das Volk zu schützen, nicht die Bourgeoisie oder die Reichen«, hatte Chávez am Sonnabend erklärt, »wir werden nicht zulassen, dass sie das Volk und die revolutionäre Regierung weiter an der Nase herumführen.« Jenen Firmen, die die Produktion drosseln oder einstellen wollten, hatte er mit Enteignung gedroht: »Dann zahle ich mit Anleihen, glauben Sie nicht, dass ich Sie mit klingendem Bargeld auszahle.«

Auslöser für die Offensive gegen die privaten Reisfabriken, die zusammen die Vermarktung von 54 Prozent der Gesamtproduktion bestreiten, war offenbar die Inspektion eines Betriebs im Bundesstaat Guárico am Donnerstag. In der Fabrik des Polar-Konzerns würden monatlich 3000 Tonnen Reis verarbeitet, hatte der Funktionär Carlos Osorio erklärt, das sei nur die Hälfte ihrer Kapazität. Deshalb wurde die »präventive Beschlagnahmung« des gesamten Lagerbestandes von 18 000 Tonnen verfügt.

Außerdem waren in der Fabrik 90 Prozent des für den Endverkauf abgepackten Reises mit Aromastoffen versetzt, berichtete Agrarminister Elías Jaua. Dieser »Reis mit Geschmack« kostet rund doppelt so viel wie der weiße Reis. Für letzteren gilt bereits seit 2003 ein garantierter Festpreis, weshalb er wiederum in den Läden chronisch knapp ist. Agrounternehmer klagen regelmäßig, dass Lebensmittel mit staatlich festgesetzten Niedrigpreisen für den Endverkauf nicht rentabel hergestellt werden könnten.

Dass die Knappheit zumindest beim Reis nicht mit mangelnder Produktion zusammenhängt, zeigen die Zahlen für 2008: Demnach wurden elf Prozent mehr Reis geerntet als im Vorjahr, die Anbauflächen wuchsen sogar um 16 Prozent. Die Versorgung für das erste Halbjahr 2009 sei durch die Lagerbestände gedeckt, hatte der nationale Reisfarmerverband bereits im Dezember verkündet. Der Vorstand der venezolanischen Reismühlenvereinigung forderte jetzt mehr Planungssicherheit: »Wir warten darauf, dass die Regierung die Produktionsquoten für Reis festlegt und sich zu den Vorschlägen aus der Branche äußert, durch die das Angebot des Produkts zu Festpreisen zunehmen soll«, heißt es in der Erklärung vom Sonnabend.

Insgesamt sorgen die niedrigen Festpreise für Grundnahrungsmittel zwar für eine flächendeckende Versorgung der ärmeren Venezolaner über zwei staatliche Vertriebsnetze. Doch die einheimische Produktion kann mit der gestiegenen Nachfrage nicht Schritt halten. Die Zuckersektor befindet sich in einer Dauerkrise, die Produktion ging in den letzten beiden Jahren um 15 Prozent zurück. 2008 wurden auch deutlich mehr Hühner, Rindfleisch oder Milchpulver importiert als im Vorjahr.

In den privaten Supermärkten gibt es zwar ein reichhaltigeres Angebot als in den subventionierten Mercal-Läden, aber zu immer gesalzeneren Preisen: Mit 41 Prozent lag die Inflation bei Lebensmitteln im vergangenen Jahr noch gut zehn Prozent über der durchschnittlichen Teuerungsrate, der höchsten in ganz Lateinamerika.

In einem aktuellen Bericht des Landwirtschaftsministeriuns werden »Verzerrungen in der Produktionskette« und Schwierigkeiten beim Aufbau eines »effizienten und verlässlichen Marktes« eingeräumt.

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