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Wie Materie lebendig wird

Kehrt mit der Emergenz die Dialektik in die Wissenschaft zurück?

In der DDR war das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaft zumindest in einem Punkt bis zuletzt gespannt: Während man von Seiten der Philosophie nicht müde wurde zu betonen, dass die bewusste Anwendung der Dialektik einen Erkenntnisvorteil bringe, bemühten sich Physiker, Chemiker und Biologen oft vergeblich, dies auf ihrem Gebiet faktisch zu belegen. Und manchen plagte vielleicht sogar das ungute Gefühl, dass er in seine Arbeiten etwas hineininterpretiert hatte, was darin per se gar nicht enthalten war. Zumal »bürgerliche« Wissenschaftler auch ohne Bekenntnis zur Naturdialektik sehr erfolgreich arbeiteten und fast alle Nobelpreise abräumten. Damit wird zum Teil erklärlich, warum es den abwickelnden West-Philosophen nach der Wende so leicht fiel, die von Friedrich Engels begründete Naturdialektik mit anderen »Altlasten« des Marxismus in die Schmuddelecke der Geistesgeschichte zu stellen.

Um zu begreifen, dass sie dort nicht hingehört, genügt es, sich die Diskussionen zum diesjährigen Darwin-Jubiläum vor Augen zu führen. Zwar gehen nur wenige Autoren soweit, die Evolutionstheorie zu bestreiten. Dass diese allerdings gehörige Schwächen und für zahlreiche Eigenschaften des Lebens keine Erklärung habe, versichern uns derzeit nicht nur die hinlänglich bekannten Kreationisten. Auch der studierte Philosoph und Theologe Christian Kummer kommt in seinem Buch »Der Fall Darwin« (Pattloch, 303 S., 19,95 Euro) zu dem Schluss, dass sich die beeindruckende Zweckmäßigkeit des Lebendigen wohl kaum rekonstruieren ließe, würde man die Teleologie vollständig aus der Biologe verbannen. Als Kronzeugen zitiert er den bekannten britischen Evolutionsforscher John B. S. Haldane, von dem der Satz stammt: »Die Teleologie ist für den Biologen wie eine Mätresse: er kann nicht ohne sie leben, aber er will mit ihr auch nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden.«

Nun ist es in der Tat kein Leichtes, bei der Erklärung der Entstehung und Entwicklung des Lebens den materialistischen Standpunkt durchzuhalten – und anzuerkennen, dass nichts in der Natur geschieht, wofür man eine außernatürliche Erklärung bräuchte. Zwar wies bereits Darwin mit Nachdruck darauf hin, dass in der Evolution kein Platz sei für irgendwelche Zwecke oder Ziele. Allein die Alltagssprache verführt uns häufig dazu, das Gegenteil anzunehmen. Etwa wenn es heißt: Vögel haben Flügel, um fliegen zu können. Nach Darwin müsste man streng genommen sagen: Bei den Vögeln veränderten sich die Vordergliedmaßen so, dass sie fliegen konnten. Oder allgemeiner formuliert: Die natürliche Evolution erfolgt nie auf ein vorgegebenes Ziel hin, sondern stets aus gegebenen Bedingungen heraus.

Eine Frage bleibt dabei freilich offen: Wie kann in einem solchen Prozess aus unbelebter Materie Leben entstehen und aus einem neuronalen System Bewusstsein entspringen? Erste Hinweise auf eine Antwort gab Engels in seiner »Dialektik der Natur«, wo es heißt, dass die verschiedenen Bewegungsformen der Materie naturgesetzlich auseinander hervorgehen, wobei die betreffenden mechanischen, physikalischen, chemischen und biologischen Systeme die Bedingungen für diesen qualitativen Umschlag aus sich selbst heraus erzeugen. Hinzu kommt, um wieder an Darwin anzuknüpfen, dass die Gesetze der Physik und Chemie in der Biologie keineswegs außer Kraft gesetzt werden. Aber im Bereich des Biologischen wirken überdies neue Gesetze, die sich nicht auf die Gesetze der Physik und Chemie reduzieren lassen. Dass die Natur sich auf diese Weise selbst organisiert, wurde inzwischen vielfach belegt. Und es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Entstehung neuer Strukturen und Qualitäten ab einem bestimmten Komplexitätsgrad auf gänzlich anderen Prozessen beruht.

Dieser Auffassung sind heute auch zahlreiche Naturforscher. Allerdings reden sie dabei nicht von Dialektik, sondern von Emergenz (lat. emergere = auftauchen, sich zeigen). Der US-Physiknobelpreisträger Robert Laughlin etwa kennzeichnet mit diesem Begriff die qualitative Resultante quantitativer Systemveränderungen. Genauer besehen ist ein System dann emergent, wenn es mindestens eine Eigenschaft besitzt, die keinem seiner Teile zukommt. Demnach wäre lebendig zu sein eine emergente Eigenschaft der Zelle. Und das, was man gemeinhin Geist nennt, eine emergente Eigenschaft komplexer neuronaler Systeme. Jedoch sei es ein Missverständnis zu glauben, dass das Gehirn den Geist produziere, schreiben der Philosoph Mario Bunge und der Biologe Martin Mahner in ihrem lesenswerten Buch »Über die Natur der Dinge« (Hirzel, 273 S., 24 Euro): »Emergent ist vielmehr die Eigenschaft, dass bestimmte komplexe neuronale Systeme einen Innenaspekt in Form von Bewusstsein besitzen.« Von außen betrachtet existieren hingegen nur neurophysiologische Prozesse. Das einflussreiche Gegenmodell zu diesem, wie Bunge und Mahner es nennen, »emergentistischen Materialismus« ist der sogenannte psychophysische Dualismus, der Körper und Geist voneinander trennt – und damit unweigerlich in Konflikt zur Evolutionstheorie gerät. Denn sobald der Geist gleichsam über der Materie schwebt, entzieht er sich der natürlichen Selektion. Ist der Geist indes eine Gehirnfunktion, kann er mit eben diesem Gehirn evolvieren.

Begreiflicherweise halten Theologen wie Christian Kummer das Modell der Emergenz für unzureichend, um zu einer »wahren« Erklärung des Geistes zu gelangen. Aber vielleicht gibt es eine solche Erklärung gar nicht; und dennoch muss niemand in die Transzendenz flüchten. Auch Physiker können nicht sagen, was Gravitation »wirklich« ist. Aber sie können deren Wirkungen und Eigenschaften beschreiben und ihre Voraussagen im Experiment überprüfen. Und niemand käme auf die Idee, von der Wissenschaft noch mehr »Erklärung« zu verlangen, um sicher zu stellen, dass die Gravitation tatsächlich ein natürliches Phänomen ist.

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