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Schikaniert und beschimpft im Internat

Ehemalige Schüler erheben schwere Vorwürfe gegen ihre Behandlung in der Privatschule im Schloss Bohlingen

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Über zehn Jahre ist es her, da lief der damalige Singener Oberbürgermeister Andreas Renner (CDU) Sturm gegen das Internat im Schloss Bohlingen. Er vermutete hinter den Betreibern Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Sekte VPM. Nun ist das Internat wiederum in die Schlagzeilen geraten.
Was passiert hinter diesen Mauern?
Was passiert hinter diesen Mauern?

Der Internetauftritt der bei Singen gelegenen Einrichtung ist karg: Schloss Bohlingen, Internatsschule, dazu die Adresse, der Verweis auf einen »Trägerverein Internat Schloss Bohlingen«, eine Telefon- und eine Faxnummer. Keine Bilder, keine Namen von Ansprechpartnern, keine Andeutung eines pädagogischen Konzepts. Steckt Fantasielosigkeit hinter dieser mageren Präsentation oder will man nicht mehr von sich preisgeben?

Als das Internat im Schloss Bohlingen eröffnet wurde, war davon die Rede, dass die zu jener Zeit noch existierende Psychosekte VPM (»Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis«) die Finger im Spiel habe. Nicht ohne Grund: Im Hintergrund der Internatsgründung zog ein Trägerverein die Fäden, dessen Mitglieder fast alle VPM-Sympathisanten waren.

Der Singener Oberbürgermeister Andreas Renner wollte die private Schule unter dieser Voraussetzung verhindern und organisierte eine öffentliche Diskussion mit Sektenkennern, die auf die Verbindung zum VPM hinwiesen. Dennoch wurde das Internat mit Schulbetrieb von den zuständigen Behörden genehmigt, da es keine baurechtlichen Bedenken gab. Daraufhin kehrte erstmal Ruhe ein, die Sektendiskussion verstummte und versickerte weitgehend im Sande.

In den letzten Monaten machten Unterlagen die Runde, die das Internat Schloss Bohlingen wieder in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses rückten. Mehrere ehemalige Internatsschüler berichten sehr eindrücklich über Schikanen und Repressionen, die sie in Bohlingen erlebt haben wollen. »Ich durfte nicht mit einem Jungen befreundet sein«, schreibt Susanne K. (ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt). Ihr wurde verboten, mit dem Jungen weiterhin engeren Kontakt zu pflegen. Als sie es dennoch tat, soll sie vom Heimpersonal vor anderen Kindern als »Schlampe« und »Hure« bezeichnet worden sein. In einem anderen Fall wurde einem Jungen erklärt, das Tragen eines rosa Pullovers könne zu Homosexualität führen.

Bei den wenigen Ausflügen, die das Internat organisiert, werden Jungen und Mädchen voneinander getrennt, berichtet ein anderer Internatsschüler. Es gibt offensichtlich rigide Kleidervorschriften, Mädchen dürfen weder Hals- noch V-Ausschnitt tragen und auch das Tönen oder Färben der Haare ist strikt verboten. Sind die Kinder und Jugendlichen im Schulunterricht, werden ihre Zimmer vom Heimpersonal durchsucht. Mehrere Wochen Zimmerarrest bei kleineren Vergehen sollen keine Seltenheit sein, der Umgang des Heimpersonals mit den Kindern wird teilweise als »ruppig und brutal« beschrieben.

Ein früher dort beschäftigter Pädagoge will nur so viel sagen: »Die Erziehung ist extrem konservativ.« Nach wenigen Monaten hat er gekündigt, weil er die Vorgänge »nicht mehr mit seinem pädagogischen Gewissen vereinbaren« konnte.

Überrascht aufgrund der Recherche gibt man sich in Bohlingen. Ortsvorsteher Anton Auer wiegelt ab: »Das mit dieser Sekte ist doch eine alte Geschichte, an der nichts dran ist.« Auffälligkeiten habe es die letzten Jahre nicht gegeben. An die früheren Vorwürfe kann er sich erinnern, aber Genaueres wisse er nicht. Das Internat lade die Bevölkerung immer wieder mal zu einem »Schlachtfest oder eine Weihnachtsfeier« ein und habe sich ordentlich in die Dorfgemeinschaft integriert. Von den Jugendämtern wird das Internat weiterhin empfohlen und niemand kam bislang auf die Idee, das pädagogische Konzept zu hinterfragen. Doch Änderung ist in Sicht. Das Landesjugendamt in Stuttgart scheint hellhörig geworden zu sein und will nun genauer hinsehen, wie mit den rund 30 Kindern und Jugendlichen in Bohlingen verfahren wird. In Verbindung mit dem VPM klingeln nun alle Alarmglocken. Zur Zeit ist die Stuttgarter Behörde damit beschäftigt, die Vorwürfe gegen das Internat zu überprüfen.


Fakt: die Sekte VPM

Die 1986 gegründete Psychosekte VPM löste sich vor rund sieben Jahren auf. Viele der ehemaligen VPM-Mitglieder aber sind im Landkreis Konstanz und auch im benachbarten Thurgau unter Tarnbezeichnungen weiterhin aktiv, unter anderem auch bei Friedensgruppen oder ökologischen Initiativen. Für den Züricher Sektenkenner Hugo Stamm steckt System dahinter: »Offiziell gibt es die Gruppe nicht mehr, sie wirkt aber mit großem Geschick weiter und versucht, Parteien, außerparlamentarische Organisationen (...) zu unterwandern.«

Der »Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis« galt als Akademikersekte, die ihren Hauptsitz in Zürich hatte. Der VPM zählte rund 4000 Mitglieder.

Die Gruppe nahm Einfluss auf die Drogen-, Aids- und Bildungspolitik, zunehmend auch in Deutschland, wo sie mehrere Ableger unterhielt. In den achtziger und neunziger Jahren behauptete die Sekte, vor allem in Deutschland stünde ein Umsturz linker Kreise kurz bevor und nur der VPM könne das verhindern. Die VPM-Schulungen sollten ein Leben lang dauern und alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens durchdringen. Der VPM entwickelt sich vom radikal linken zum rechten politischen Spektrum. Bis zu seiner Auflösung paktierte er mit rechten Hardlinern aus politischen und religiösen Kreisen. Die VPM-nahe »Europäische Arbeitsgemeinschaft Mut zur Ethik« hält immer noch jährlich ihren Kongress »Mut zur Ethik« ab. Das alte VPM-Netzwerk hat sich bis heute gehalten. HR

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