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Afghanistan-Führungsgestammel

Nach Taliban-Angriff: Betroffenheit und »Nun-erst-recht«-Propaganda

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat die Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan als »hinterhältig und verbrecherisch« verurteilt. Bei Anschlägen am Mittwoch ist bei Kunduz ein Soldat getötet worden. Neun wurden verletzt.

Die Bundeswehr habe es am Hindukusch mit einem »vernetzten und intelligenten Gegner zu tun«, sagte Jung und betonte, die Truppe sei »heimtückischen Anschlägen ausgesetzt«. Die Wortwahl des Ministers mag mediengerecht sein, logisch ist sie nicht. Die Bundeswehr hat sich in Afghanistan auf einen asymmetrischen Krieg eingelassen. Die Taliban operieren nach der Guerillataktik. Da ist nicht zu erwarten, dass die technisch unterlegenen Taliban gegen das westliche Hightech-Besatzungsregime Panzer gegen Panzer einsetzen.

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan bestätigte, Kundus sei in den vergangenen Jahren »eine Problemzone geworden«. Bislang hätten die Taliban nach der Taktik »hit and run« (angreifen und wegrennen) agiert. Das »ist jetzt etwas anderes«, sagte der oberste Bundeswehrgeneral, der von Bundespräsident Horst Köhler noch am Tage des Anschlags mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichnet worden war.

Der für die Taliban erfolgreiche Angriff am Mittwoch verlief so: Eine Patrouille des Regionalen Wiederaufbauteams – bestehend aus neun geschützten Fahrzeugen – war gegen 18.50 Uhr Ortszeit in der Nähe des deutschen Feldlagers Kunduz zunächst in einen ersten Hinterhalt geraten. Es gelang, den Angreifern scheinbar auszuweichen – um fünf Kilometer weiter in die Falle zu fahren. Das Feuergefecht dauerte mehrere Minuten. Eine Panzerbüchsen-Granate traf eines der Fahrzeuge, ein Hauptgefreiter wurde getötet.

Ganz offenbar war die Patrouille nicht im Wiederaufbau-Auftrag unterwegs. Um die späte Zeit besucht man keine Dorfältesten. Über den Auftrag der 39 Soldaten vom Provincial Reconstruction Team schweigt sich das Militär aus. Vermutlich sollte es weiteren nächtlichen Raketenangriffe auf das Feldlager vorbeugen.

Der Getötete, der erst seit kurzem in Afghanistan stationiert war, gehörte dem Jägerbataillon 292 aus Donaueschingen an. Es ist Teil der Deutsch-Französischen Brigade. Er war ein »FWLD«, ein freiwillig länger Dienender, und gehörte damit zum Rückgrad deutscher Auslandseinsätze. Die Wehrpflicht, um deren Erhalt sich die Regierungskoalition so sorgt, bietet jungen Frauen und Männern, die daheim wenig Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, die Chance, aus dem Ausland ein finanzielles Polster heimzubringen.

Der Deutsche Bundeswehrverband ist dafür, endlich Klartext über den Afghanistaneinsatz zu reden. »Das ist Krieg, wir haben das schon vor Monaten betont«, sagt Wilfried Stolze, Sprecher Verbandes. Doch davon war nichts zu hören vom deutschen Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, der zur Zeit des Anschlages zu einem Wahlkampf-Blitzbesuch nach Afghanistan gekommen war.

»Es bleibt unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Afghanistan nicht erneut zum Hort des internationalen Terrorismus wird«, sagte der SPD-Kanzlerkandidat. Auch die Tatsache, dass die meisten Bundesbürger den Einsatz ablehnen, soll daran nichts ändern. Man stellt sich auf weitere Anschläge ein. Am 20. August soll in Afghanistan ein neues Staatsoberhaupt bestimmt werden.

Der Bundesausschuss Friedensratschlag, ein Zusammenschluss von Friedensinitiativen, erklärte, die Mission der NATO sei »auf der ganzen Linie gescheitert«. Die Anschläge vom Mittwoch seien Ausdruck des »zerplatzten Traums eines relativ stabilen Umfelds im Norden Afghanistans«.

Derzeit sind mehr als 3800 Bundeswehrangehörige in Afghanistan stationiert. Seit Beginn des Einsatzes 2002 kamen 32 deutsche Soldaten ums Leben, davon 13 bei Anschlägen. Wie viele deutsche Söldner in Afghanistan als »Privatunternehmer« getötet wurden, hält keine Statistik fest.

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