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Vom Abwracken

Berlins Schaubühne: Tennessee Williams

Vom Abwracken

Das Tor der Hinterbühne zur Straße steht offen. Irgendwie grotesk. Das Publikum drinnen blickt still, konzentriert auf den Verkehr draußen, so als sei dies schon die Inszenierung. Herein kommt Blanche. Herein gestürzt ist hierfür das richtige Wort. Sie kommt zu ihrer Schwester Stella und ihrem Mann, Bewohner einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Wer da noch mit unterkriechen will, muss schwerwiegende Gründe haben. Kaum ist sie drin, schließt sich die Tür. Gefangen. Der Mann heißt Stanley Kowalski. Das Stanley verweist auf die US-Provinz, das Kowalski auf polnische Abstammung. Ein grober Klotz. Wer Elia Kazans Verfilmung vor Augen hat, der sieht den jungen Marlon Brando in animalischer Überanstrengung, der nur noch erschlaffende Verfettung folgen kann. Ein tragik-komischer Nachfolger der Cowboys, der in der Hand statt des Colts eine Flasche hält. Beides macht rücksichtslos, und das muss sein, wer hier durchkommen will.

Ich habe noch ein anderes Bild vor Augen: Martin Seifert in »Bis dass der Tod euch scheidet« im Film von Heiner Carow. Ein Überforderter, der jede Zärtlichkeit durch Gewalt wieder abbüßt – und umgekehrt. Auch er ein Trinker, dem die Welt nüchtern zu eng ist und auf dem die trunkene Weite, in die er flüchtet, wie ein Fluch liegt.

Aber nicht Kowalski ist hier der Untergeher. Noch nicht. Das ist einer, der ein paar andere in die Zerstörung vorausschickt, bevor er selbst auseinanderfällt. Blanche hat eine Vergangenheit. Das Schlimmste, was einem hier passieren kann. Welche Vergangenheit, wissen wir nicht, wahrscheinlich ist es vor allem ein Traum, wie ihn Pokerspieler nachts halb drei in tristen Kleinstädten träumen. Aufgeilen als Doping für die schwächelnde Vorstellungskraft.

Jule Böwe entfaltet einen schrottigen Charme der Verlebtheit. Das fasziniert. Ja, dies ist Blanche: entlassene Lehrerin und außerdem Nymphomanin, der man bevorzugt nachsagt, sie im Zwielicht von Hotelbars gesehen zu haben. Eine bigotte Szenerie. Nichts fehlt hier mehr, als eine klare Luft schaffende Pointe, die Freiheit atmet und den faulen Zauber aus Unterstellung und Verleumdung fortfegt. Sie alle – Vladimir Nabokov, Arthur Miller, Tennessee Williams – fühlten sich in diesen 50er Jahren mitten in einer Hexenjagd, die die verkommenen Fanatiker der Wohlanständigkeit gegen jeden veranstalteten, der anders schien als sie. Dagegen half nur pornografisches oder gar kommunistisches Bild- und Gedankengut.

Eine Drehbühne ersetzt wirkliche Bewegung. Endstation? Schlimmer, man fährt im Kreis. Das Mittelmaß ist ein tristes Karussell (Bühne: Magda Willi). Kein Ende des Untergangs in Sicht. In der Regie von Benedict Andrews entfaltet das New Orleans des Jahres 1946 den traurigen Charme der Verwüstung. Es ist bereits nach der Flut. Angespültes: Unrat, Geräte aller Art, Menschen.

Blanche, wie sie Jule Böwe spielt: Brackwasser aus Weisheit und Infantilität. Am Ende obsiegen die Hysterien der Verfolger. Alle Träume sind beschmutzt, alle Fluchtwege versperrt. Was bleibt da anderes, als Haltung noch in der Kapitulation zu bewahren? Lächelnd geht sie am Arm des Arztes, der kam, sie endlich wegzusperren in eine Anstalt. Böwe misst präzise jeden Millimeter einer beschädigten Seele aus. Eindrucksvoll! Das Abwracken als prägende Tendenz einer Gesellschaft.

Lars Eidinger ist Stanley Kowalski. Kein Macho, eher einer von heute. Eines jener weichgespülten Produkte feministischen Dauerdrucks, deren Restmännlichkeit plötzlich erwacht wie im Amokläufer die Aggression. Eidinger beweist sich erneut als Spieler leiser Töne, die trotzdem gefährlich klingen. Lea Draeger als Kowalskis Frau Stella existiert dabei nur als Projektion der Eigenschaftslosigkeit. Gestaltgewordenes Wegwünschen jedes eigenen Willens. Stark auch Jörg Hartmann als Mitch, der einen Moment lang kraftvoll genug schien, sich dem Zwang zum Konformismus zu entziehen.

Wo Seeleneinschrumpfung als Form der Gesundung gilt, Sehnsüchte vorgefertigt und per Versandhandel zu haben sind, da scheinen dann zuletzt die Kranken die einzigen zu sein, die wissen, was sie verloren.

Nächste Vorstellung: 5. Mai

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