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  • Kapitalismus in der Krise

An den Grenzen des Systems

Die vorherrschende egoistisch-kapitalistische Wirtschaftsweise stellt sich zunehmend selbst in Frage. Ein Plädoyer für einen neuen ökonomischen Altruismus

Die sich voll entfaltende Wirtschaftskrise wird durch Veränderungen der wirtschaftlichen und sozialen Substanz der Gesellschaft geprägt, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben: Sättigung vieler Märkte, Verdrängungskonkurrenz der Anbieter, beschleunigte Produkt- und Technologieentwicklung, Globalisierung der Unternehmenstätigkeit zur möglichst umfassenden Ausnutzung aller sich weltweit bietenden wirtschaftlichen Faktoren, Dauerarbeitslosigkeit auf hohem Niveau, sich verstärkende wirtschaftliche und soziale Instabilität der Gesellschaft.

Dadurch stößt die egoistisch-kapitalistische Wirtschaftsweise, neben dem Aufbrauchen natürlicher Ressourcen, an Grenzen, die sich aus den sozialen Beziehungen heraus entwickeln. Sichtbar wird dies an den schnelleren Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen und Beziehungen, ohne dass die Entwicklung der die Gesellschaft tragenden wirtschaftlich relevanten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Kultur des Arbeitslebens dem folgen kann. Sie können sich bei diesem Tempo der Veränderungen nicht mehr wie bisher naturwüchsig-selbstorganisatorisch entwickeln und durchsetzen. Die abhängig Beschäftigten können sie nur noch bedingt erfolgreich anwenden.

Die Folge sind sich ausbreitende sozialer Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Sie erfassen immer größere Teile der Bevölkerung. Diese Entwicklung ist vor allem ein Resultat des Strebens der Unternehmen, durch beschleunigte Entwicklung und Ausnutzung der Produktivität maximalen Profit zu erzielen – durch die Marktkräfte zum wirtschaftlichen Zwang verstärkt. Insofern sind im Kapitalismus der Verfall und die Erosion der Wertvorstellungen und Verhaltensweisen des Arbeitslebens eine nur bedingt vermeidbare Wirkung wirtschaftlicher Zwänge.

Die Stärke dieser Wirtschaftsweise, die umfassende und zugleich differenzierte Ausbeutung der wirtschaftlich nutzbaren Faktoren, beginnt so ihre eigene Substanz von innen heraus zu zerstören. Der neoliberale Marktfundamentalismus (George Soros, 1998) hat seit Beginn seiner Umsetzung vor 30 Jahren diese Entwicklung unbeabsichtigt und ungewollt beschleunigt. Doch was kann an die Stelle des jetzt dramatisch versagenden Neoliberalismus treten? Das Konzept einer reorganisierten sozialen Marktwirtschaft unter Einschluss neoliberaler Elemente?

Zu erwarten ist eher eine neue Variante eines so zwar nicht gewollten, aber durch die Realitäten der Finanz- und Wirtschaftskrise erzwungenen Staatskapitalismus. Oder muss bereits auf Grund der zunehmend zerstörerischen Wirkung der bisherigen Wirtschaftsweise eine grundlegende qualitative Weiterentwicklung erfolgen – durch die bewusste Gestaltung der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen?

In welche Richtung die wirtschaftliche und soziale Entwicklung gehen wird, hängt von der Dauer und der Tiefe der Krise, aber auch von den qualitativen Veränderungen der wirtschaftlich-sozialen Substanz der Gesellschaft ab. Jetzt wird zwar einerseits für 2009 die schwerste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren erwartet, andererseits ihre Normalität betont – aber ob die weitere wirtschaftliche Entwicklung den klassischen Verlauf Krise-Rezession-Depression- Aufschwung bei gleichzeitigem »Gesundschrumpfen« vorher eingetretener Fehlentwicklungen, nimmt, ist nicht sicher.

Denn jetzt erhält die Beschleunigung des Tempos der Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen und Beziehungen eine schicksalhafte Bedeutung. Bisher erfolgreich anwendbare Wertvorstellungen lösen sich auf, ökonomisch relevante Beziehungen verrohen und verlieren ihre stabilisierende, generierende Wirkung für die Wirtschaftstätigkeit.

Dies wird für jeden Einzelnen sichtbar und spürbar, wenn der Verlust des qualifikationsgerechten Arbeitspatzes droht oder gar eintritt. Wer in der Vergangenheit bestrebt war, die Anforderungen an seinem Arbeitspatz zu erfüllen oder zu übertreffen, konnte dies als Erfolg versprechende und den Arbeitsplatz sichernde Lebensstrategie betrachten. Aber die soziale und wirtschaftliche Situation hat sich grundlegend geändert.

Heute genügt es nicht, dass jeder einzelne Beschäftigte die Qualitätsanforderungen erfüllt und übertrifft, ja nicht einmal, dass das ganze Unternehmen innovative Produkte rentabel und mit hoher Qualität herstellt – trotzdem kann die Existenz der Firma abrupt enden, wenn die Kapitaleigner oder das Management die Produktion zur Erzielung noch höherer Kapitalverwertung in ein anderes Land verlagern. Die gleiche Wirkung tritt ein, wenn ein Unternehmen von global agierenden Investment- oder Hedgefonds übernommen und weitgehend ohne Rücksicht auf die Interessen der Beschäftigten weiter »verwertet« wird. Die Sicherheit eines »Lebensarbeitsplatzes« ist daher heute zur Ausnahme geworden.

Eine erneute hinreichende Stabilisierung der Wertvorstellungen und Verhaltensweisen der Kultur des Arbeitslebens ist nur durch eine längerfristig erfolgreiche oder relativ stabile wirtschaftliche Entwicklung – und wenn die Beschäftigten an diesen Erfolgen entsprechend beteiligt werden. In der gegenwärtigen Situation zunehmender wirtschaftlicher und sozialer Instabilität ist eine solche Tendenz jedoch nicht auszumachen.

Die Instabilität wird durch die inneren Zwänge der jetzigen Wirtschaftsweise permanent reproduziert und verstärkt. Denn die Unternehmen können bei Strafe ihres Unterganges nicht auf die umfassende Ausnutzung aller sich bietender wirtschaftlicher Faktoren verzichten, also auch nicht auf die Möglichkeiten der Globalisierung.

Die bisher die Gesellschaft tragenden, durch das Streben der Unternehmen nach maximaler Kapitalverwertung geprägten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen des Arbeitslebens, ihre Bedeutung als wirtschaftliche Triebkraft und für die Stabilität der Gesellschaft werden zerstört, ohne dass sich schon neue, den verändernden Bedingungen besser entsprechende herausbilden konnten. Sie müssen bewusst entwickelt und in das wirtschaftliche und soziale Leben eingeführt werden. Das aber ist im Rahmen der jetzigen Wirtschaftsweise nicht mehr bzw. nur bedingt möglich.

Die Grenze, an die das System stößt, ist kein neues soziales Phänomen. Bisher war sie jedoch vor allem für soziale Randgruppen spürbar. Nun erreicht sie mit massenhafter Wirkung den wirtschaftlich-sozialen Kernbereich der Gesellschaft: die Mehrheit der auf Einkommen aus eigener Arbeit angewiesenen abhängig Beschäftigten, auch die so genannte Mittelschicht. Berücksichtigt man außerdem den fortschreitenden Verfall der sozialen Wertvorstellungen und Verhaltensregeln der wirtschaftlichen und politischen Eliten, dann befinden wir uns mitten in der Erosion.

Die klassischen Probleme sozialer Auseinandersetzungen – Kampf um Lohnerhöhungen, Sicherung von Arbeitsplätzen, Dauer der Arbeitszeit – werden nicht unwichtiger oder verlieren an Schärfe, im Gegenteil, aber sie verlieren relativ an Gewicht für die soziale Entwicklung. Der Schwerpunkt verschiebt sich in Richtung einer für die Mehrheit der Bevölkerung real spürbaren Sicherung ihrer Lebensgrundlagen. Für links orientierte Politik ergibt sich daraus die Chance, die mögliche Weiterentwicklung der sozial tragenden und prägenden Wertvorstellungen und Verhaltensweisen auszuloten und so nicht nur der wachsenden sozialen Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft entgegen zu wirken, sondern den Menschen realisierbare und überprüfbare Möglichkeiten, damit eine Perspektive zu seiner bewussten individuellen Gestaltung zu geben.

Gelingt dies, dann bietet sich die Möglichkeit, nach dem Untergang des marxistisch-leninistischen Sozialismusexperimentes aus der Defensive der letzen zwei Jahrzehnte heraus zu kommen und offensiver an den Auseinandersetzungen über die zukünftige soziale und wirtschaftliche Entwicklung teilzunehmen. Eine zentrale Frage sind dabei die Formen des Gewinnstrebens. Denn das bisher dominierende Element der wirtschaftlichen Triebkräfte, das Streben der Unternehmen nach Maximalprofit, trägt selbstzerstörerische Züge. Der Ansatzpunkt für eine Lösung liegt in der Aufhebung der egoistisch überhöhten Kapitalverwertung. Sie muss und kann durch eine sozialverträgliche oder ökonomisch altruistische ersetzt werden – was die bewusste Aufhebung der Dominanz des Profitstrebens einschließt.

Gesunder, sozial verträglicher, individueller und unternehmensbezogener wirtschaftlicher Egoismus ist auch in Zukunft für die Genese und die Wirksamkeit des wirtschaftlichen Gewinnstrebens unverzichtbar. Er muss aber in einen die individuellen und sozialen Interessen gleichberechtigt berücksichtigenden wirtschaftlichen Altruismus eingeordnet – und im Konfliktfall untergeordnet werden. Das ist nicht vordergründig eine ethisch-moralische, sondern zuerst ein aus der realen sozialen Entwicklung abgeleitete Forderung.

Die Bewertung, was egoistisch und noch bzw. nicht mehr soziaverträglich ist, muss auf Grund der konkreten Bedingungen für jeden Einzelfall wirtschaftlicher Aktivitäten getroffen werden. Nur so kann man deren vielfältige Wirkungen vor allem bei der Ausnutzung der Produktivität hinreichend in den Griff zu kriegen. Damit eröffnet sich der Gesellschaft die Möglichkeit, entsteht aber auch die Notwendigkeit, dass die Beteiligten selbst nach ihren eigenen Interessen, aber gleichzeitig unter Berücksichtigung der Interessen der von den Wirkungen Betroffenen und der Allgemeinheit entscheiden, was sozialverträglich ist und was nicht.

Wirtschaftliches Gewinnstreben bliebe so, mit primär altruistischem Inhalt, sozial wirksam. So könnte die Wirtschaftstätigkeit umfassender und zugleich differenzierter sowohl ökonomisiert als auch sozial verträglicher werden, als dies in der jetzigen Wirtschaftsweise möglich ist. Das wäre eine selbstorganisatorische Entwicklung der Gesellschaft, von innen und von unten.

Ist das, ausgehend von der gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Situation, realisierbar? Das Tempo wirtschaftlicher Veränderungen, insbesondere der Produkt –und Technologieentwicklung und ihrer Ausnutzung, wird sich weiter erhöhen, die Instabilität des Wirtschaftssystems und der Gesellschaft insgesamt dürfte sich verstärken – zumal in Zeiten in der Krise. Hinzu kommt der Druck durch die Umweltprobleme. Gegenwärtig ist schwer einzuschätzen, wie und wann der soziale und politische Druck so groß wird, dass die gesellschaftliche Entwicklung in die umrissene Richtung gehen muss. Dass solche Vorstellungen realisierbar und entsprechend handelnde Unternehmen selbst in einem egoistisch-kapitalistischen Umfeld überlebensfähig sind, beweisen etwa die Unternehmensgruppe Mondragon in Spanien und vielfältige Formen der Solidarischen Ökonomie in Brasilien. Ein Potenzial gibt es auch hierzulande – man schaue nur auf die Initiativen für ein Grundeinkommen und für alternativen Lebensformen. Ökonomischer Altruismus eröffnet so die Möglichkeit für eine sozial nachhaltige Entwicklung. Ihn zu verwirklichen, wird mit vielen Hindernissen und Risiken verbunden sein, verlangt einen langen Atem und ist nur auf demokratischer Grundlage möglich.

Die Stärke der gegenwärtigen Wirtschaftsweise, die umfassende und zugleich differenzierte Ausbeutung der wirtschaftlich nutzbaren Faktoren, beginnt ihre eigene Substanz von innen heraus zu zerstören.

Die Krise ist nicht mehr nur für soziale Randgruppen spürbar. Sie erreicht mit massenhafter Wirkung den wirtschaftlich-sozialen Kernbereich der Gesellschaft: die Mehrheit der auf Einkommen aus eigener Arbeit angewiesenen abhängig Beschäftigten, auch die so genannte Mittelschicht.

Der Autor war an der Fakultät für Außenhandel der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst tätig.

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