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Die Chuzpe der Gottesfrage

Der Autor ist Redakteur des ND und schreibt unter anderem über Themen aus dem Bereich Religion und Kirchen.
Der Autor ist Redakteur des ND und schreibt unter anderem über Themen aus dem Bereich Religion und Kirchen.

Bei der Europawahl stellt sich dieses Mal nicht nur die Parteien-, sondern auch die Gottesfrage. Zumindest aus Sicht von CDU und CSU, die in ihrem gemeinsamen Wahlaufruf daran festhalten, die »christlich-abendländischen Wurzeln« auch »mit einem Gottesbezug in den EU-Verträgen deutlich zu machen«. Dass zudem einer Aufnahme der Türkei in die EU eine Absage erteilt wird, verwundert nicht. Denn der »christliche« Gott soll ja als sakrales Warenzeichen europäischer Exklusivität herhalten. Zugleich ist der transzendente Touch des Wahlaufrufs eine Reverenz an die beiden christlichen Großkirchen. Gerade erst anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Bremen vergangene Woche unterstrich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Bedeutung von Religion bei der Vermittlung von Werten. »Deshalb«, so der CDU-Politiker, »haben wir in Deutschland ein bewährtes partnerschaftliches Verhältnis von Staat und Religion.«

Welche Werte da vermittelt werden, ist in der Tat beeindruckend: Der Kirchenrechtler Horst Herrmann setzt immerhin eine Summe von jährlich rund zehn Milliarden Euro an für »die vielen, meist versteckten und nur mit Mühe aufzufindenden Subventionen, Renten und Steuerbefreiungen, die Bund, Länder und Kommunen den Großkirchen aufgrund von teilweise ziemlich verdächtigen, ja über hundert Jahre alten Gesetzen einräumen«. Nach anderen Berechnungen sind es sogar über 14 Milliarden Euro.

Bleibt die Frage nach dem ethisch-moralischen Äquivalent des Sakralen, welches der Gesellschaft für diese materiell-monetäre Großleistung gegenübersteht. Allerdings erübrigt sich eine solch profane Aufrechnung wohl angesichts der historischen Tatsache, dass die wesentlichen Rechte, die heute in demokratischen Staaten als selbstverständlich gelten, gegen den jahrhundertelangen Widerstand der Kirchen erkämpft werden mussten.

Religions- und Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Wissenschaft, Gewaltenteilung – weder der Erfinder des Christentums, Paulus, noch die sich auf ihn berufenden Kirchen können dafür die Spur einer Urheberschaft beanspruchen.

Besonders pikant wird der neuerliche Vorstoß von CDU/CSU für einen Gott-gestützten christlichen Bezug angesichts des zur gleichen Zeit veröffentlichten Berichts über Misshandlungen und Missbrauch von Kindern in Einrichtungen der katholischen Kirche in Irland. Dieser Skandal und auch die Erinnerung an die Aufdeckung ähnlicher Zustände in bundesdeutschen kirchlichen Heimen – wenn auch nicht in dieser Dimension – sagt eine Menge über die Umsetzung sogenannter christlicher Werte durch ihre Verwalter. Selbst die französische katholische Zeitung »La Croix« kritisierte »die Allgegenwart der Kirche in der irischen Gesellschaft, deren Allmacht die Menschen und die Gesellschaft erdrückt und die durch keinerlei Gegenmacht kontrolliert wird«.

Dass ausgerechnet eine Institution, unter deren Ägide schlimmste Zustände etabliert, geduldet und vertuscht wurden, als Hüterin höchster Werte über das Vehikel einer Gottesformel mit eurokratischen Weihen sanktioniert werden soll, ist – um einmal das jüdische Erbe zu bemühen – eine Chuzpe, deren Dreistigkeit nur durch ihre Hartnäckigkeit übertroffen wird. Die Banalität des Sakralen zeigt sich in der G-Chiffre: Wo in Europa Gott draufsteht, ist Kirche drin. Es gibt wahrlich Wichtigeres auf diesem Kontinent als den permanenten Wahlkampf um Gott.

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