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Vorgetäuschte Realität

Aris Kalaizis fasziniert in der maerzgalerie mit rätselhaften Bildkompositionen

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Aris Kalaizis, »Europa«
Aris Kalaizis, »Europa«

Er mache sich »nicht zum Erfüllungsgehilfen dessen«, was uns täglich per Medien »um die Ohren geschmettert« werde, äußert Aris Kalaizis in einem Interview. Die Realität sei nicht das, was ihn interessiere, präzisiert er in einem weiteren Gespräch: eine »spezifische Bildsprache« gelte es zu entwickeln. Dass er sie gefunden hat und fortwährend neu befragt, zeigt die kleine, aber gehaltvolle Ausstellung »Making Sky« in der maerzgalerie.

Als Kind griechischer Emigranten wurde Kalaizis 1966 in Leipzig geboren, studierte dort an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, wurde Meisterschüler bei Arno Rink. Einer Leipziger Schule fühle er sich dennoch nicht zugehörig, sei seine »Eigenvertretung«. Eigenwillig, irritierend, verstörend sind die bisweilen großformatigen, zwischen 2006 und 2009 kreierten sechs Exponate in den Sophie-Gips-Höfen allemal. Auf den ersten Blick wirken sie in ihrer Lakonie wie Wiedergaben nach Fotografien. Fotos einer ihn faszinierenden Umgebung gehen in der Tat jenen Bildkompositionen in Öl auf Leinwand voraus, die sich nach langem, als quälend beschriebenem Findungsprozess ergeben.

Mit 200 x 220 Zentimetern dominiert »Europa«. Nicht um die vom stiergestaltigen Zeus geraubte phönizische Königstochter der Sage geht es hier, auch nicht um den Kontinent ihres Namens. Dies ist die erste Fußangel, die Kalaizis auslegt. Denn er malt vor knorrig kahlem, mittig rätselvoll beleuchtetem Wald ein Brettergewirr auf vereistem Grund, den Baustellenbaken nach hinten begrenzen. Links steht ein langhaariger Mann in T-Shirt, ein rotes Seil über die Schultern, das vorbei an einem Pool mit Schiffchen zu einem Pferd hin ausläuft. Dessen Kopf ist abgewandt, als lausche es einem Laut; ob das Seil den Gaul bindet, ist nicht ersichtlich. Nicht einmal auf die – politisch gemeinte – Baustelle Europa lässt sich jenes melancholische Sujet festmachen, das lediglich einen als real vorgetäuschten, letztlich irrealen Mikrokosmos zeigt, wie er Kalaizis als Ziel seiner Malerei vorschwebt.

Handwerklich gediegen sind auch die übrigen Exponate. Ein Ast breitet sich schützend »In der Stille der Nacht« über ein flaches Häuschen. Licht unklarer Quelle zeichnet einen Fleck auf das Holz, zentral leuchtet eine rote Tür, daneben baumelt ein Mädchen seine Beine aus dem Fenster. Der Körper hinter der Gardine bleibt kompositorisches Detail. Geradezu düster wirken die »Twins« vor einem Haus im Wald: Er kniet mit blonder Elvis-Tolle und einem Schal um den Hals, sie harrt reglos hinter ihm und taucht nochmals gedoppelt am Hauseingang auf. Fremd im realen Wald gibt sich das Sujet »Der Tag der großen Hoffnung«. Im Scheinwerferkegel eines parkenden Autos steht in Rückfront spärlich bekleidet eine Frau; ein Mann beobachtet sie von der Kühlerhaube aus, lümmelt wie schlafend am Vorderrad; hinter einem Tagebau erlischt über dunklem Wald der Tag.

Kalaizis’ raffiniertes Spiel mit Licht und Farbe entfaltet sich ebenso »Am Ende der Ungeduld«. Die gleiche Frau im Slip geht und liegt in einem grünstichigen Raum, dessen Einrichtung ebenfalls der Ziffer 2 folgt. Fesseln all diese Bilder ohne jede äußere Emotion allein durch die malerische Delikatesse einer unwirklichen Situation, so tritt in Kalaizis’ neuestem Werk Ironie hinzu. »Make/Believe« lässt den amtierenden Papst mit Gefolge als strahlenden Theaterhelden unter Oberlicht in einen Saal treten, in dem nur ein verlorener Schweizer Gardist salutiert und einsam ein jesusgestaltiger Engel leidet.

Bis 27.6., Di.-Sa. 11-18 Uhr, Sophienstr. 21, Mitte, Telefon 27 58 13 97, weiterte Informationen im Internet unter www.maerzgalerie.com

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