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Die Seele bleibt 15 Jahre alt

Galina Dursthoff: Liebe auf Russisch

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 2 Min.

Dieses Buch soll vor allem Vergnügen machen. Nicht um irgendwelche hochgespannten Reflexionen geht es, sondern um die Beobachtung fremden Lebens: wie verwickelt es da zugeht, wie seltsam, wie großartig, tragisch, wunderbar. Galina Dursthoff, hervorragende Kennerin heutiger russischer Literatur, hat beinahe für jeden Lesergeschmack etwas herausgesucht: Die Romantiker kommen auf ihre Kosten ebenso wie die Zyniker, die nur aufs Heute Fixierten und die aufs Ewige Bedachten, Vernunftmenschen und Mystiker.

»Liebe auf Russisch« – die Herausgeberin lässt durchblicken, das russische Liebe von besonderer Leidenschaft sei. Nimmt man den Titel simpel, handelt es sich um 16 Liebesgeschichten aus der neueren russischen Literatur, fast alle – man staune – deutsche Erstveröffentlichungen, obwohl auch mehrere bereits viel übersetzte Autoren darunter sind. Aber man findet auch Namen, die man bisher kaum kannte, wie Alexander Churgin, Dmitri Gortschew, Wladimir Spektr oder Swetlana Wassilenko.

Ein Thema also in 16 Variationen – ein literarisches Kontrastprogramm. Man staunt, wie Ljudmila Ulitzkaja mit ihrer Erzählung »Bronka« über die Liebe einer 13-Jährigen zu ihrem 69-jährigen Nachbarn beim Lesen geradezu glücklich macht. Durch Dina Rubinas drei Novellen wird man zärtlich auf die Höhe des Tragischen gehoben. Dagegen war Anna Politkowskaja mit »Wiktoria und Alexander – die Jungverheirateten von Grosny« auf politische Aussagen bedacht. In »Sankas Liebe« öffnet Wladimir Sorokin ein Grab und zeigt uns eine weitgehend verweste Frauenleiche. Ziemlich ekelhaft, aber von ihm hätte man auch keine freundliche Liebesgeschichte erwartet. Schockierend auf eher heitere Weise ist »die Ruheständlerin« in Alla Bossarts gleichnamigem Text: Was für ein Ausbund an Begehrlichkeit. Diese Frau scheint nicht zu altern.

Manche nehmen es witzig, manche nehmen es ernst. Manche vertiefen sich in die Geheimnisse der Psyche wie Irina Wassilkowa mit »Ninotschka«, manche zeigen sich als Angeber wie Wiktor Jerofejew in »Chinesische Massage«, manche als total Desillusionierte wie Sergej Bolmat in »Der Ehemann«. Und was soll man wohl davon halten, wie uns Juri Nagibin die Wiedergeburt eines liebenden Paars beschreibt: als Fröschlein und als Reh? Aber dieser Text, der am Ende des Bandes steht, ergreift einen tief bei eigenen Ängsten. Gegen das Vergehen wird die Liebe aufgeboten. Deshalb muss sie so stark sein, so frei, über jede Einschränkung erhaben. »Dennoch bleibt die Seele fünfzehn Jahre alt!«, behauptet Dina Rubina.

Galina Dursthoff (Hg): Liebe auf Russisch. Ullstein. 272 S., brosch., 9,95 €.

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