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Wettlauf um den Ausschluss jüdischer Sportler

Ausstellung »Vergessene Rekorde« über die Leichtathletinnen Lilli Henoch, Martha Jacob und Gretel Bergmann wird eröffnet

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der deutsche Sport kümmere sich um die Gegenwart und zuweilen um die Zukunft, doch kaum um seine zum Teil unrühmliche Vergangenheit, weiß Professor Hans Joachim Teichler. Forscher werden da als störend empfunden, schildert der Historiker seinen Eindruck. Es gebe auch nur noch wenige Lehrstühle für die Sportgeschichte. Sein eigener an der Universität Potsdam sei mit dem Vermerk k.w. (kann wegfallen) versehen.

Als eine der positiven Ausnahmen nennt Teichler den Berliner SC, der ein Lilli-Henoch-Sportfest ausrichte. Die Rückseiten der Urkunden vermerken das Schicksal der Frau, die dem Klub bis 1933 angehörte und 1942 deportiert und ermordet wurde. Der Arbeitsbereich Zeitgeschichte der Sports der Universität Potsdam erarbeitete die Ausstellung »Vergessene Rekorde« über die jüdischen Leichtathletinnen Lilli Henoch, Martha Jacob und Gretel Bergmann. Diese Frauen stellten Rekorde auf und gewannen Meisterschaften. Doch der Ruhm, den sie dadurch erlangten, schützte sie nicht vor Benachteiligung und Verfolgung, als die Faschisten an die Macht gelangten.

Die Ausstellung eröffnet am Sonntag anlässlich der Leichtathletikweltmeisterschaft, die vom 15. bis zum 23. August in Berlin ausgetragen wird. Zunächst ist sie in der Bundeshauptstadt im Centrum Judaicum zu sehen. Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert und soll später unter anderem auch in Potsdam zu sehen sein.

Zu den Exponaten aus den 20er und 30er Jahren gehören ein Diskus und Maßbänder, eine Startpistole, ein Staffelstab und Schuhe mit Spikes sowie eine Fechtmaske und eine Hochsprunganlage, wie sie 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin verwendet wurde.

Die Sportbegeisterung, die aus England nach Deutschland schwappte, erfasste in den 1920er Jahren vor allem die Mittelschicht in den Großstädten. Juden waren hier überproportional in den ganz gewöhnlichen Vereinen vertreten, in denen Antisemitismus damals ein Fremdwort war. Der Deutsche Sportclub Berlin, der keine Juden aufnahm, oder die zionistischen Sportgruppen mit ihren knapp 8000 Mitgliedern seien in der Weimarer Republik Randerscheinungen gewesen, erzählt Teichler. Makkabi galt als ein konfessionell orientierter Verein, »vergleichbar mit der katholischen Deutschen Jugendkraft und dem evangelischen Eichenkreuz« und gehörte dem Reichsausschuss für Leibesübungen an. Dessen Präsident Theodor Lewald – im Nazijargon ein Halbjude – musste 1933 zurücktreten. Im Sport gab es bis auf wenige Disziplinen nicht die Abschottung des Adels und des Militärs. Die bürgerlichen Vereine standen in den 20er Jahren allen offen – auch den Juden und den Frauen. Umso größer der Schock für die jüdischen Athleten, als sie 1933 plötzlich ausgestoßen wurden. Es gab einen regelrechten Wettlauf zwischen den Turnern und den Leichtathleten, wer die Juden in vorauseilendem Gehorsam zu den neuen Machthabern zuerst wegjagt – noch bevor ein Reichssportkommissar ernannt war.

Spezielle jüdische Sportvereine durften erst einmal bestehen bleiben. Die Weltöffentlichkeit sollte nicht provoziert, die Austragung der Olympischen Spiele 1936 nicht gefährdet werden. Dabei stand fest, dass Hitler keine Juden in der deutschen Mannschaft wollte. Doch um die USA zu täuschen und deren Boykott zu verhindern, nominierte man die Hochspringerin Gretel Bergmann. Obwohl sie am 27. Juni 1936 mit 1,60 Meter den deutschen Rekord einstellte, warf man sie kurz vor den Spielen aus der Mannschaft und nahm dabei sogar in Kauf, einen Platz im Team offen zu lassen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte nicht. Die Goldmedaille gab es für 1,62 Meter.

Ähnlich schlimm wie Bergmann erging es der Freistilschwimmerin Ruth Langer aus Wien. Sie weigerte sich unter Hinweis auf den Antisemitismus und die Diskriminierungen in Hitlerdeutschland, bei den Olympischen Spielen zu starten. Daraufhin sperrte sie der österreichische Schwimmverband auf Lebenszeit. Gretel Bergmann lebt heute unter dem Namen Lambert in New York. Sie schwor sich 1937, die deutsche Sprache nicht mehr zu benutzen und wünschte den Ausstellungsmachern in einer in Englisch abgefassten E-Mail viel Glück.

Ausstellung »Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen«, Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30 in Berlin-Mitte, 21. Juni bis 23. August, So. bis Do. von 10 bis 17.30 Uhr, Fr. von 10 bis 13.30 Uhr. Begleitband »Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933«, hrsg. von Bernd Bahro, Jutta Braun und Hans Joachim Teichler, verlag für berlin-brandenburg (vbb), 208 Seiten (brosch.), 16,90 Euro


Die Turnlehrerin Lilli Henoch (1899-1942) stellte im Diskuswerfen 1922 mit 24,90 Meter und 1923 mit 26,62 Meter Weltrekorde auf. Drei Mal gewann sie mit der 4x100-Meter-Staffel des Berliner SC die Deutsche Meisterschaft – zuletzt 1926 in der Weltrekordzeit von 50,4 Sekunden. Außerdem war sie drei Mal Deutsche Meisterin im Kugelstoßen. Sie war die erfolgreichste deutsche Leichtathletin der 20er Jahre.

Die Sportlehrerin Martha Jacob (1911-1976) trainierte in den Vereinen Bar Kochba Berlin, Berliner SC und SC Charlottenburg. Sie gewann 1928 die Deutsche Meisterschaft im Speerwerfen, nach ihrer Emigration 1936 nach Südafrika holte sie auch dort den nationalen Meistertitel in dieser Disziplin.

Hochspringerin Gretel Bergmann (geboren 1914), die für den Laupheimer Turnverein und den Ulmer Fußballverein 1894 startete, stellte 1936 in Stuttgart den damaligen deutschen Rekord ein.

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