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Die andere Heimat

»Liebesau« - vierteiliger TV-Film im ZDF

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Was mir nach meiner Ausreise an Bildern von unserem Leben in der DDR begegnet ist, hat mich schockiert«, gesteht Katharina Thalbach. »Eine schwäbische Dame hat mich doch tatsächlich gefragt, schwätzet ihr überhaupt dütsch?« Die Berichte über die DDR seien im Westen auf fruchtbareren Boden gefallen als die Propaganda der DDR über die BRD, der sowieso keiner geglaubt habe, meint die Schauspielerin, die ihre Heimat 1977 verlassen musste.
Korrigieren will diese Bild der 15 Millionen Mark teure ZDF-Vierteiler »Liebesau - die andere Heimat«, das Gegenstück zu Edgar Reitz »Heimat«. Der gebürtige Leipziger Peter Steinbach, der Mitte der 50er Jahre in den Westen übergesiedelt ist und dort als DKP-Mitglied sieben Jahre lang Berufsverbot hatte, lieferte für beide Großproduktionen die Vorlage.
Zu seinem alter ego wurde Greti Fechner. Die Teenagerin muss nach dem 17. Juni 1953 mit den Eltern ihre Heimat in einem kleinen Dorf im Fläming verlassen. Vergessen kann sie Liebesau nie, woran die Liebe zu Karli Schönstein Schuld ist. Im August 1961 kann sich Greti nicht zur Rückkehr entschließen. 18 Jahre später sieht sie ihren Karli wieder, der als Nachfolger seines Vaters zum LPG-Vorsitzenden gewählt wurde und mit den Widrigkeiten der Mangelversorgung kämpft. Erst nach der Grenzöffnung im November 1989 finden die beiden Liebenden endlich zueinander.
Jedem Zeitabschnitt entspricht einer der Teile, die im Ton sehr unterschiedlich sind. Der warme und wohlwollende Blick auf die DDR wird bestimmt durch Steinbachs Biografie. Ab dem zweiten Teil dominiert die Sicht eines Außenstehenden, der Fehlentwicklungen aufspießt und kritisch beobachtet. Zu kurz kommen dagegen viele skurrile Details und Verwerfungen wie das Aufpäppeln privaten Viehs mit Futter aus LPG-Beständen seit den 70er Jahren, die es wert gewesen wären, erzählt zu werden. Aber auch die Hoffnungen, die mit der Bodenreform und den Veränderungen auf dem Land für Tausende von Bauern verbunden waren, vermisst man schmerzlich, weil die Liebe zur Heimat nur mit dem Hang zur Scholle motiviert wird. »Der Film fängt schon mit einer DDR-Kritik an. Vielleicht hätte man schon 1946 oder 1949 beginnen sollen,« meint auch Katharina Thalbach auf Nachfrage zu den gewählten Zäsuren.
Sie spielt Greti im 3. und 4. Teil, nachdem Tochter Anna den zweiten Teil prägt. Die 1954 in Berlin geborene Schauspielerin, für die die Stadt immer der Inbegriff von Heimat war, konnte beim Spiel sich eigener Gefühle erinnern. »Ich bin auch nicht gerne weggegangen, weil die DDR bei allen Schwierigkeiten doch ein Zuhause war. Was im Westen immer schwer verstanden wurde und wird, wie ich bei der Rezeption von "Sonnenallee" gemerkt habe. Man konnte dort nicht glauben, dass wir einen eigenen Humor entwickeln mussten und so viel gelacht haben«, erzählt die Thalbach, die erst sieben Jahre nach ihrer Ausreise im Jahre 1977 wieder den Osten besuchen durfte. »Der große Unterschied zu Greti war, dass ich auf eine gewisse Weise schon mit der DDR abgeschlossen hatte und meine Liebe Thomas Brasch nicht zurücklassen musste. Aber das Gefühl, vom Westen aus das Land zu sehen, aus dem man kommt, und zu merken, dass man nirgendwo richtig dazugehört, habe ich auch kennen gelernt.«
Zur hohen Authentizität des Vierteilers trägt zum einen die Besetzung bei. Jörg Schüttauf spielt Karli in Teil drei und vier. Mit Nadja Engel und ihrer Mutter Petra Kelling, Helga Göring, Herbert Köfer, Dieter Wien, Klaus-Peter Thiele, Michael Gwisdek; Peter Sodann, Bernd-Michael Lade und Jaecki Schwarz liest sich die Liste wie ein Who is Who des ostdeutschen Schauspiels. »Es war wie ein Veteranentreffen und viele Erinnerungen kamen hoch, auch an die alten Filme wie "Wege übers Land", die Zeitgeschichtsbewältigung auf einer ganz anderen Ebene wollten,« erzählt die 47-jährige Thalbach, für die der vierte Teil eine besondere Herausforderung bereithielt. Sie musste im Rollstuhl spielen. »Es war die Hölle. Der Rollstuhl hat nie funktioniert, war eiskalt und ich musste mich anstrengen wie eine Blöde und bin gegen alle Wände gefahren. Und dann wurde ich noch zum Mörder, als ich zwei Hühner überfahren habe.«
Gedreht wurde der von der Potsdamer UFA produzierte Film im vergangenen Jahr in vier Dörfern in der Nähe von Wittenberg. Von dem selbst gebackenen Kuchen schwärmt Katharina Thalbach noch heute. »Sie waren sehr kooperativ, haben die alten Sachen ausgekramt, wollten mitmachen und hatten großen Spaß an der Rückverwandlung ihrer Dörfer. Man hatte nie das Gefühl, dass man sie belästigt.«
Bedauert hat die Schauspielerin, dass der fünfte Teil, der ins Jahr 1996 hätte führen sollen, nicht gedreht wurde. »Offiziell waren es finanzielle Gründe. Ich denke, man wollte sich hüten, ein Resümee zu ziehen. Ich hätte es als ehrlicher empfunden.« UFA-Produzent Norbert Sauer verneint solche Überlegungen und verspricht eine Rückkehr nach Liebesau mit weiteren Teilen in einigen Jahren.

1. Teil, heute, 20.15Uhr, Teile 2...

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