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  • Das Deutsche Atomforum feiert heute seinen 50. Geburtstag – ungebetene Gäste wollen stören

Die Kanzlerin bei der Kernenergie-Lobby

Umweltschützer wollen gegen Jubiläumsveranstaltung des Atomforums protestieren

  • Von Felix Werdermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Seit 50 Jahren macht das Deutsche Atomforum Werbung für die Kernenergie. Heute will die Lobby-Organisation feiern – Atomkraftgegner haben Proteste angekündigt.
Protest gegen die Wintergaung des Atomforums Anfang Februar in Berlin ND-
Protest gegen die Wintergaung des Atomforums Anfang Februar in Berlin ND-

Zur Jubiläumsfeier des Deutschen Atomforums in Berlin kommt die Kanzlerin höchstpersönlich. Neben Angela Merkel (CDU), die ein Grußwort halten wird, erwartet der Lobbyverband der deutschen Atomindustrie 170 weitere Gäste.

Im Atomforum haben sich Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Privatpersonen zusammengeschlossen, um Lobbyarbeit für diese gefährliche Form der Energieversorgung zu betreiben. Umweltschützern ist das schon seit langem ein Dorn im Auge. Die jährliche Wintertagung wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Protesten begleitet, im Februar dieses Jahres demonstrierten in Berlin über 1000 Menschen.

Auch zur heutigen Geburtstagsfeier wollen ungeladene Gäste kommen. »Atomkraft kann und darf keinen Platz im Energiemix der Zukunft haben«, sagt Jan Becker von Contratom. Die Anti-Atom-Initiative ruft deswegen zusammen mit der Umweltorganisation Robin Wood und der Bürger-Initiative Lüchow-Dannenberg zu einer Kundgebung vor dem »E-Werk« auf – einer »exklusiven Event Location«, in der die Atomlobby feiern möchte.

Schon am Vormittag planen das Kampagnen-Netzwerk Campact und die Deutsche Umwelthilfe eine Protestaktion vor der Geschäftsstelle des Atomforums am Robert-Koch-Platz: Eine übergroße Merkel-Puppe soll symbolisch Solar-Anlagen zerstören, Atom-Lobbyisten helfen ihr dabei. Die Botschaft der Aktion: Wenn die Kanzlerin zulässt, dass die Atommeiler weiterlaufen, gefährdet sie den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Maik Ressel, Sprecher des Atomforums, sieht das anders: »Kernenergie und erneuerbare Energien schließen sich nicht aus«, sagt er. Im Mai hatte Walter Hohlefelder, Chef des Vereins, einen Versöhnungs-Vorschlag gemacht, den CDU und CSU mittlerweile in ihr Wahlprogramm übernommen haben: Die Reaktoren könnten länger laufen – und die Extra-Profite zum Teil den erneuerbaren Energien zukommen. Die Alternativbranche lehnt jedoch die »vergifteten Geschenke« ab: Der Bundesverband Erneuerbare Energien befürchtet, dass der Atomstrom »die Stromnetze dauerhaft verstopfen und somit den Vorrang der erneuerbaren Energien bedrohen« könne.

Der Atomlobby liegt der Ausbau der umweltfreundlichen Energie wohl nicht so sehr am Herzen wie die Extra-Profite, die bei Laufzeitverlängerungen winken. Zwischen 4,6 und 5,2 Milliarden Euro Zusatzgewinne bringen die deutschen Atommeiler jährlich, schätzt Felix Matthes vom Öko-Institut.

Wieviel Geld beim Deutschen Atomforum ankommt, will der Lobbyverein nicht verraten. Für die eine oder andere großflächige Image-Kampagne reicht das Budget aber aus. Im Sommer 2007 rührte der »Informationskreis Kernenergie«, eine Tochterorganisation des Atomforums, fleißig die Werbetrommel für »Deutschlands ungeliebte Klimaschützer«. Auf Plakaten und in Zeitungsanzeigen waren die ältesten Reaktoren inmitten idyllischer Landschaftsaufnahmen zu sehen. Die Atom-Propaganda wurde mit dem »Worst EU Greenwash Award« ausgezeichnet – »für den unverfrorensten Versuch, sich ein ungerechtfertigtes grünes Image zu verschaffen«, wie es in der offiziellen Begründung hieß.

Jetzt wünscht sich das Atomforum eine »noch sachlichere Diskussion über die Kernenergie« zum Geburtstag, sagt Sprecher Ressel. Wie das mit den eigenen Praktiken vereinbar ist, verrät er nicht.


Lobbynetzwerk

1959 wurde das bundesdeutsche Atomgesetz verkündet – es bildete die rechtliche Grundlage für den später einsetzenden Boom der Kernenergie. Fast zeitgleich gründete sich das Deutsche Atomforum, das hinter den Kulissen die Lobbyarbeit organisierte. Offizielles Ziel des als gemeinnützig anerkannten Vereins ist es, »die friedliche Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu fördern«. Die Mitglieder sind Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft, Forschungseinrichtungen und Einzelpersonen. Atomfreundliche Wissenschaftler organisierte das Atomforum seit 1969 in der Kerntechnischen Gesellschaft, die die »Jahrestagung Kerntechnik« veranstaltet.

Als sich der Widerstand gegen die Technologie formierte und die Ablehnung in der breiten Bevölkerung wuchs, wurde 1975 der Informationskreis Kernenergie gegründet. Zwölf Jahre später schuf das Atomforum die Verlagsgesellschaft INFORUM, die Publikationen zum Thema veröffentlicht, darunter die Fachzeitschrift atw.

Auch wenn der Einfluss der Lobby seit der rot-grünen Regierung etwas gesunken ist, kann das Atomforum auf erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken. Die Verquickung zwischen Atomenergie, Politik und Kontrollorganen zeigt sich in der Person des aktuellen Präsidenten Walter Hohlefelder. Der Verwaltungswissenschaftler war erst lange Jahre in den Innenministerien Nordrhein-Westfalens und des Bundes tätig, bevor er Mitte der 80er Jahre Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit wurde. Diese eher atomfreundliche, quasistaatliche Sachverständigenorganisation bewertet die Sicherheit kerntechnischer Anlagen. Später war Hohlefelder acht Jahre lang als Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium zuständig für Reaktorsicherheit. Nahtlos wechselte er in die Energiewirtschaft – erst zu VEBA, dann zur E.on Energie AG, wo er von April 1999 bis März 2008 Vorstandsmitglied war. Der Konzern betreibt in Deutschland sechs Atomkraftwerke.
Kurt Stenger

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