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Pole Position

Farin Urlaub von den »Ärzten« in der Wuhlheide

Schon zum zweiten Mal seit der Veröffentlichung des neuen Albums »Die Wahrheit übers Lügen« von 2008 geht Farin Urlaub mit seinem »Racing Team« an den Start einer größeren Tournee. An diesem Samstag wird dazu das »Farin Urlaub Racing Team« in der Wuhlheide aufspielen. Farin Urlaub ist ein Phänomen, weil er einerseits seit einem Vierteljahrhundert eine Karriere auf hohem Niveau als Gitarrist und Sänger bei den »Ärzten« durchlebt und andererseits seine Zweitband der letzten acht Jahre nicht viel weniger erfolgreich ist.

Ursprünglich als Solo-Projekt gestartet, firmiert jetzt auch das Racing Team in großen Lettern auf dem Cover seiner dritten Studio-CD. Zwar komponiert Farin Urlaub die Songs, ist der unbestrittene Boss, aber sein elfköpfiges Rennteam hat erstmals alle Instrumente selbst eingespielt. Die Scheibe sticht wieder mit überdurchschnittlicher Qualität aus der Masse der alltäglichen Plattenveröffentlichungen heraus, und auch einige verunglückte Background-Chorusse können das Niveau nicht drücken.

Die aktuelle Scheibe setzt bruchlos das fort, was Farin Urlaub und »Die Ärzte« mit dem Erfolgsalbum »Jazz ist anders« vor eineinhalb Jahren begonnen haben. Bei beiden Alben ist die Ernsthaftigkeit stärker in den Vordergrund getreten – bei »Die Wahrheit übers Lügen« so extrem, dass der Fun- und Klamaukfaktor von Songs wie »Es liegt eine Leiche im Teich« fast untergeht. Farin Urlaub kommt beim ersten Stück »Nichimgriff« sofort auf den Punkt, wettert gleichsam belehrend und gallig los. In »Seltsam« stellt er aggressiv die Frage, »warum haben hässliche Frauen oft 'nen Pelz an?« und fährt fort, »wird dann der Pudel, den sie ziehn, nachher auch irgendwann zersägt und enthauptet?«. In »Krieg« wird ein normaler Einkaufsbummel zu einem Kampfeinsatz, dessen logische Konsequenz Blut auf den Straßen ist. Nicht ein Lachen, sondern Nachdenklichkeit ist die Folge.

Auch große und intime Gefühle wie in »Niemals« bringt er eindringlich und glaubhaft auf den Punkt und umgarnt sein Liebesbekenntnis wie ein Rapper mit treffsicheren Wortkaskaden. Die dem Album beigelegte E.P. birgt mit Ska- und Two-Tone-Music ein konsequent anderes Flair mit speziellem Sommerfeeling. Aber mit Untertönen: Bei »Zu heiß« fällt die Revolution wegen zu großer Hitze aus, bei »Insel« erklärt Farin Urlaub mal eben, warum die einen für »zwei Wochen Ibiza« sparen müssen und die anderen sich eine Luxusinsel für den Urlaub kaufen. Schon aus dieser Songauswahl nur einer Platte wird klar, dass Farin Urlaub mit seinen 44 Jahren wirklich genug erlebt und die Fantasie hat, eine Lebenssituation interessant auszumalen. Und selbst seine immer wiederkehrenden »Urlaubs-Lieder« haben Charme und sind kein reines Füllmaterial. Der weitere Vorteil, den Farin Urlaub mitbringt, besteht in seiner Fähigkeit innerhalb einer langen Karriere menschlich und künstlerisch zu reifen, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen und sich abseits des Mainstreams zu bewegen. Hoch anzurechnen ist auch seine grundsätzliche Weigerung, als Prominenter in irgendeiner Form den Grüßaugust oder Quotenkasper zu geben. So behält man Biss.

Seine »alte Schule« wird nur in dem Lied »Monster« deutlich, in dem er rebellisch darüber sinniert, mit einem fetten und erfolgreichen Rocksong in die standardisierte und formatierte Radiolandschaft einzubrechen. Echt rührend, aber Träumen ist ja wohl noch erlaubt. Weitere Facetten des Phänomens Farin Urlaub sind sein Ideenreichtum und seine profunde Kenntnis der Musikhistorie der 70er und 80er Jahre. Und so kann er bei dem Rennen durch die Republik mit seinem »Racing Team« eigentlich nur gewinnen – die Pole Position hat er schon inne.

11.7., 20 Uhr, Wuhlheide, An der Wuhlheide 187, www.wuhlheide.de

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