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Ein Idealist im KZ

Vor fast 20 Jahren verlor die Erich-Boltze-Schule in Berlin-Weißensee ihren Namen. Schüler der nun nach Primo Levi benannten Schule haben das Schicksal des 1944 ermordeten Kommunisten wiederentdeckt.

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Über 70 junge Menschen aus mehreren europäischen Länder produzierten kürzlich mit der Jugendinitiative »step21« die Zeitung »[Weiße Flecken]«. Ziel der Initiative ist es, mit der Publikation dieser Zeitung historische Lücken aus der NS-Zeit zu schließen, verdrängte oder vergessene Biograien von Opfern wie Tätern wieder in Erinnerung zu rufen. Aus Berlin beteiligten sich Schüler der Primo-Levi-Oberschule an dem Projekt. ND veröffentlicht ihren Text mit freundlicher Genehmigung von »step21«.
Das Autorenkollektiv (v.l.) Joseph Bundschuh (19), Robert Dudek (19), Judith Unglaub (19), Salome Boßmeyer (18)
Das Autorenkollektiv (v.l.) Joseph Bundschuh (19), Robert Dudek (19), Judith Unglaub (19), Salome Boßmeyer (18)

Am Abend des 11. Oktober 1944 unterbricht ein ungewöhnlicher Befehl den bitteren Häftlingsalltag im Isolierblock 58 des Konzentrationslagers Sachsenhausen. »Antreten!«, befiehlt die Stimme des SS-Lagerkommandanten den 150 Häftlingen. Der Schutzhaftlagerführer und SS-Hauptsturmführer August Höhn verliest drei Listen; angeblich sollen die Genannten auf einen Transport gehen. Zunächst müssen 27 Männer den Block verlassen, unter ihnen der Antifaschist Erich Boltze. Am Eingang werden sie jeweils zu zweit mit Handschellen aneinandergefesselt und über den dunklen Appellplatz zu einem Lkw gebracht. Viel zu früh hält der Wagen jedoch wieder an, und die verwirrten Gefangenen werden herausgescheucht. Panik bricht aus, als die Männer in das Lagerkrematorium getrieben werden. Die mit Maschinenpistolen bewaffnete SS-Mannschaft zögert nicht lange – binnen weniger Sekunden ist alles vorbei. Die Leichen werden unverzüglich von der SS selbst verbrannt. Die restlichen Häftlinge im Lager sollten nichts erfahren. Die Ereignisse dieses Tages lassen sich nur aus den Aussagen von August Höhn in seinem Düsseldorfer Prozess von 1956 bruchstückhaft rekonstruieren.

Erich Boltze, Datum unbekannt
Erich Boltze, Datum unbekannt

Der Tischler Erich Boltze, geboren am 2. September 1905 in Berlin, war, unter anderem geprägt durch sein Elternhaus, überzeugter und engagierter Kommunist. Zunächst ab 1921 in diversen linken Verbänden organisiert, trat er 1925 schließlich der KPD bei. Innerhalb weniger Jahre hatte Boltze mehrere Schlüsselpositionen im Berliner Verband inne. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Partei verboten. Kurz darauf gingen einige ihrer Aktivisten in den Untergrund und entschlossen sich zum antifaschistischen Widerstand. Aktionen gegen das Regime waren jedoch zunehmend schwieriger, da man immer stärkeren Repressalien ausgesetzt war. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wurde Boltze am 21. Dezember 1937 festgenommen und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach kam er jedoch nicht frei, sondern wurde unverzüglich ins KZ Sachsenhausen überstellt und dort als politischer Häftling in »Schutzhaft« genommen.

Netzwerk der politischen Häftlinge

Auch im Straßenbild ist der Ermordete noch nicht vergessen: Erich-Boltze-Straße in Berlin-Prenzlauer Berg
Auch im Straßenbild ist der Ermordete noch nicht vergessen: Erich-Boltze-Straße in Berlin-Prenzlauer Berg

Innerhalb kurzer Zeit konnte Boltze Kontakt zu anderen politischen Häftlingen aufnehmen. Das half ihm, sich schnell im Lageralltag zurechtzufinden. Durch seine Arbeit in der Schreibstube des Lagers konnte Boltze neuen Häftlingen bei ihrer Ankunft nützliche Hinweise geben und bei einigen den Lebenslauf zu ihren Gunsten ändern, sodass sie weniger gefährliche Arbeiten verrichten mussten. Der sowjetische Mithäftling Pjotr Schtschukin erinnert sich später an einen »kaum gebeugten Mann«, der zu einem seiner besten Freunde wurde, ihm half, sich im Lager einzufinden, und ihn vor einem gewalttätigen Blockältesten beschützte.

Dank eines gut ausgebauten Netzwerks konnten die politischen Häftlinge im KZ Sachsenhausen Ende 1943 die Verlegung Boltzes in das Außenlager bei den Heinkel-Werken erreichen, wo Bomber für die deutsche Luftwaffe gefertigt wurden. Dort schöpfte er alle seine Möglichkeiten aus, um die Produktion zu sabotieren, und knüpfte zahlreiche Kontakte zu anderen Häftlingen, die er von der Ansicht zu überzeugen suchte, den Nationalsozialismus auch aus den Konzentrationslagern heraus zu bekämpfen. Schtschukin, der ihm später ins Außenlager gefolgt war, wurde zu seinem Kurier und trug wichtige Nachrichten über den Kriegsverlauf und internationale Geschehnisse sowie Warnungen vor Spitzeln ins KZ Sachsenhausen weiter.

Verhöre und Misshandlungen

Diese Aktivitäten blieben der SS-Lagerverwaltung nicht gänzlich verborgen. Als die SS schließlich einen Radioempfänger in den Händen eines Häftlings im Hauptlager Sachsenhausen entdeckte, wurde eine Sonderkommission des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) eingesetzt. Mittels eines Netzwerkes aus Spitzeln versuchte die eingesetzte Sonderkommission, die Strukturen des Widerstands zu ermitteln und auszuschalten. Vor allem sogenannte »Asoziale« und »Kriminelle« wurden mit diesen Aufgaben betreut, weshalb die Spannungen zwischen ihnen und den politischen Häftlingen zunahmen. Die Kommission des RSHA ging sofort gegen alle Verdächtigen vor – es gab zahlreiche Verhöre und Misshandlungen. Eine Liste der politisch aktiven Häftlinge wurde zusammengestellt. Lager- sowie Blockälteste mit roten Winkeln wurden von ihren Posten abgelöst und isoliert. Die politischen Häftlinge im Lager wurden terrorisiert und mussten stets auf der Hut sein, nicht ins Visier der Ermittler zu geraten.

Am 11. August 1944 durchsuchte die SS-Lagerführung unter dem Kommando von Höhn die Schreibstube des »Außenlagers Heinkel-Werke« nach Flugblättern und verprügelte den Blockältesten Boltze. Er wurde in das Stammlager gebracht und dort mit den anderen Verdächtigen in die Isolierbaracke 58 gesperrt. Die dort Inhaftierten wurden drangsaliert, geschlagen und durften nicht reden. Wie Boltze konnten viele nach den Misshandlungen im Verhör tagelang nicht auf dem Rücken liegen oder sitzen. Als Beschäftigung mussten die Gefangenen Schrauben und Bauschutt sortieren. Aber auf diesem Weg konnte die Solidarität der nicht inhaftierten »Politischen« die Isolierten erreichen: Zwischen dem Arbeitsmaterial waren Zigaretten, Lebensmittel oder wichtige Nachrichten versteckt.

Am 6. Oktober 1944 verfasste die Sonderkommission ihren Abschlussbericht, in dem sie verlauten ließ, dass »die vorhandenen Gesinnungsgemeinschaften […] erfasst und zerschlagen sowie die maßgeblichen kommunistischen Funktionäre unschädlich gemacht werden [konnten]«. Kurz darauf wurde die Isolierbaracke 58 aufgelöst, und die Häftlinge wurden teilweise wieder ins Lager eingegliedert. 103 wurden nach Mauthausen deportiert. Bei 27 Häftlingen, unter ihnen Erich Boltze, wurde der Transport vorgetäuscht, um ihre Ermordung zu vertuschen. Die verbliebenen politischen Häftlinge versuchten trotzdem, weiterhin Widerstand zu leisten.

Der Beitrag erschien zuerst im Juni in der 3. Ausgabe von »[Weiße Flecken]«, www.step21.de


Widerstreit der Erinnerungen

Wie anderen Widerstandskämpfern auch wurde Erich Boltze auf unterschiedliche Art und Weise gedacht: Zu DDR-Zeiten brachte man in Berlin eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus an, benannte eine Straße im Bezirk Friedrichshain nach ihm und verlieh einer Weißenseer Oberschule den Name Erich Boltze. Heute trägt die Straße nach wie vor seinen Namen, auch die Gedenktafel existiert noch. Die Schüler der besagten Schule allerdings wissen nichts mehr vom einstigen Namenspatron. Wir selbst reagierten mit Erstaunen, als wir im Laufe unserer Recherchen zufällig vom ehemaligen Namen dieser, unserer Schule erfuhren. Im Zuge der Wende wurde unsere Schule umbenannt, wie zahlreiche andere nach kommunistischen Widerstandskämpfern benannte öffentliche Einrichtungen, Straßen oder Plätze auch. Die Erinnerung an die zuvor so »gepriesenen Helden« ging dabei fast vollständig verloren. Daraus wird ersichtlich, wie unterschiedlich mit dem Erbe der Widerstandskämpfer umgegangen wird: In der DDR wurden die ermordeten Kommunisten zu Märtyrern heroisiert, um den Anspruch des Staates zu unterstreichen, das Erbe der »antifaschistischen Widerstandskämpfer« zu übernehmen. Nach der Wende versuchte man, die Omnipräsenz kommunistischer Ikonen zu minimieren. Immer mehr Namen verschwanden aus dem Stadtbild und somit aus dem kollektiven Gedächtnis nachfolgender Generationen.

Wir sind die »Primo-Levi-Partisanen«, Abiturienten des Primo-Levi-Gymnasiums in Berlin-Weißensee. Der Italiener Primo Levi, als Jude und Partisan nach Auschwitz deportiert und Überlebender des Todeslagers, mahnt mit seinen literarischen Werken vor den Grausamkeiten, die Menschen einander antun können. Bei step21 [Weiße Flecken] sehen wir unsere Chance, nach seinem Vorbild an die Schrecken des Nationalsozialismus zu erinnern. Wir empfinden das als wichtig, da Vergessen und Verdrängen zu neue Verbrechen führen kann. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dies zu verhindern, denn, wie Primo Levi sagte: »Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.«

Joseph Bundschuh, Robert Dudek,

Judith Unglaub, Salome Boßmeyer


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