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Ein Volk. Ein Topf. Eintopf.

Durch rhetorische Gleichschaltung wird die sozial zerklüftete Gesellschaft konkreter Verantwortlichkeit entkleidet

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Max Liebermanns Ausspruch, er könne gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte, erlebt derzeit eine Phase brennender Aktualität. Bundespräsident Horst Köhler war also gut beraten, sein deutsches demokratisches Eintopfessen auf dem Pariser Platz zu veranstalten, an jenem Ort, wo Liebermann einst wohnte und 1933 seinen berühmten Satz prägte.

Eintopf – in diesem Begriff steckt historisch bewährtes Einigungspotenzial. Eintopf ist klassisch (schon die Hexen bei Macbeth kochten ihn), solide, volksnah. Eintopf passt. Hummer nicht. Später vielleicht. »Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der es sich jeder leisten kann, Hummer zu essen«, bemerkte Sahra Wagenknecht einmal. Warum eigentlich keine Gesellschaft, in der es sich jeder leisten kann, Hummer zu essen, aber dennoch alle darauf verzichten? Dann würde es sich nämlich um eine ausgesprochen humane Gesellschaft handeln. Aber bleiben wir beim Eintopf. Der ist erschwinglich, gar »Hartzhaft, aber lecker«, wie das Motto eines Kochkurses der Berliner Diakonie für Menschen mit geringem Einkommen lautet. Diesen soll nämlich »die Lust« vermittelt werden, »kostengünstig, gesund und lecker zu kochen«. Derweil kochen viele Hartz-IV-Empfänger bereits ohne Teilnahme an entsprechenden Kursen. Aber es hat sich in Deutschland stets als sinnvoll erwiesen, Kochende in geregelte Bahnen zu lenken.

Ist doch der Volkszorn ohnehin schwer gebeutelt mit der Suche nach geeigneten Objekten des Abreagierens. Zwar prophezeite DGB-Chef Michael Sommer schon vor Monaten, dass er »soziale Unruhen auch in Deutschland nicht mehr ausschließen« könne. Doch »es fehlt«, wie der Soziologe Dieter Rucht feststellte, »ein klarer Adressat, gegen den sich die Wut richten könnte«. Und so werden, offenbar inspiriert von »Terminator«- und »Transformers«-Filmen, ersatzweise ein paar teure Autos abgefackelt – als »Symbole der Herrschenden«. Hummer, die ja gleichfalls dieses Image haben, wurden bislang von solchen Attacken verschont und müssen weiter mit der Exekution in siedendem Wasser vorlieb nehmen.

Die seltsame Situation, in einer Weltkrise zu stecken, an der alle irgendwie schuld sind, wird derweil tagtäglich wie Eintopf aufgewärmt und zu einer veritablen Theorie verdichtet. »Die Verlockung des schnellen Geldes war eine der Ursachen für diese Krise«, weiß Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Weshalb er »nicht nur einen Konjunkturaufschwung, sondern auch einen Werteaufschwung« fordert. Es gehe »um einen grundsätzlichen Wandel«, um eine Gesellschaft, »die die Verbesserung der Situation ihrer ärmsten und schwächsten Mitglieder zu ihrer vorrangigen Aufgabe macht«. Es stelle sich die Frage, »ob wir aus der Erschütterung irgendetwas gelernt haben«. »Jeder Einzelne« stünde dabei in der Verantwortung. Von katholischer Seite sekundiert der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch: »Umdenken ist bei allen gefordert.«

Die Gefahr, dass diese Verkündigungen mit dem Ruf nach einem »grundsätzlichen Wandel« und »Umdenken bei allen« allzu ernst genommen werden, ist eher gering. Kleriker sind keine Revolutionäre. Denn Letztere »hinterlassen meistens nur Scherben und Blut«, wie erst unlängst der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, warnte. Es ist die alte Geschichte: Wenn die Kacke am Dampfen ist, sollen »wir« einträchtig beim Krisen-Eintopf zusammensitzen und »jeder Einzelne« hat gefälligst die Suppe auszulöffeln. Durch rhetorische Gleichschaltung zum großen WIR wird die sozial immer tiefer zerklüftete Gesellschaft jeder konkreten Verantwortlichkeit entkleidet. Sicher, ein paar Böse gibt es schon, zum Beispiel den Josef Ackermann von der Deutschen Bank, ohne dessen geile Gier nach Mammon der Kapitalismus längst seine soziale Pracht zum Wohle des Volkes entfaltet hätte. Doch ansonsten werden apokalyptische Drohungen und moralische Proklamationen in eine amorphe Masse geschleudert, die sich gefälligst ändern soll. Fragt sich nur wie – angesichts der Geworfenheit in ein System, das bei Strafe seines Untergangs unentwegt Hekatomben alter und neuer Warenverhältnisse reproduzieren und hecken muss.

Die Verfahrenheit der Situation ist offenbar direkt proportional der Hilflosigkeit der Appelle zu ihrer Bewältigung. »Niemand weiß, was die gegenwärtige Krise noch bringen wird und was jedem Einzelnen (sic!) an Zumutungen bevorsteht«, heißt es im jüngsten Krisenpapier der EKD. »In dem Glauben, dass Gott aus allem Gutes entstehen lassen kann und will, kann alle Angst vor der Zukunft überwunden werden.« Martin Heidegger formulierte es im Interview, das der »Spiegel« 1976 nach dem Tod des Philosophen veröffentlichte, lakonischer: »Nur noch ein Gott kann uns retten.« So weit geht indes selbst Papst Benedikt XVI. nicht, der es laut seiner neuen Enzyklika erst einmal mit einer »echten politischen Weltautorität« versuchen will – »um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren«. Im Vergleich zu den gigantischen Aufgaben dieses postmodernen Herkules erscheinen die seines mythologischen Vorgängers nachgerade mickrig.

Von einer solchen »Weltautorität« sind jedenfalls jene nackten Kaiser, die sich vorige Woche zum Gipfel im italienischen L’Aquila versammelt hatten, Lichtjahre entfernt. Ihr Anspruchswahn, Größen wie die Erdtemperatur kontrollieren zu können, entzieht sich eigentlich jeder seriösen Betrachtung angesichts des Umstandes, dass beispielsweise in Deutschland seit Jahrzehnten erfolglos darum gerungen wird, den Krankenkassenbeitrag stabil zu halten. Immerhin: Bei aller Entrücktheit von der Wirklichkeit wäre die Idee einer »Weltautorität« ein durchaus originelles Einsprengsel in der ansonsten eher drögen Krisendebatte. Allein, diese stammt nicht einmal vom deutschen Pontifex selbst, sondern entspringt einer Inspiration des Reformpapstes und Konzilsvaters Johannes XXIII. Aufgewärmter Eintopf à la Ecclesia.

Doch auch in Krisenzeiten lassen sich nicht alle Botschaften mit dem Mann Hiob aus dem Lande Uz in Verbindung bringen: So haben in mehreren US-Bundesstaaten Beratungen über die Abschaffung der Todesstrafe begonnen. Denn in Zeiten von Haushaltsdefiziten und schwindenden finanziellen Mitteln ist der monetäre Aspekt der Hinrichtungspraxis für die Gesetzgeber von wachsendem Interesse. Die Kosten für eine lebenslange Haft können lediglich ein Zehntel der Aufwendungen für eine Todesstrafe betragen, bei der bis zur Exekution aufgrund langer Berufungsverfahren in der Regel Jahre vergehen. Berechnungen ergaben, dass beispielsweise allein die fünf seit 1976 vollstreckten Todesurteile in Maryland den Staat rund 37 Millionen Dollar gekostet haben.

Und auch vor der »Tradition« des Stierkampfes in Spanien macht die Wirtschaftskrise nicht halt: So ließ die Stadt Manzanares El Real bei Madrid ihre rund 7000 Bewohner in einem Referendum darüber abstimmen, ob der Ort künftig aus Geldmangel auf die Ausrichtung von Stierkämpfen verzichten soll. Die üblichen vier Stierkampf-Festivals im Jahr verschlängen über ein Viertel des gesamten Kultur-, Jugend- und Sportbudgets, hieß es. Die Mehrheit votierte gegen die Fortsetzung des blutigen Spektakels.

Für Mensch und Tier eine bessere Welt durch weniger Geld? Durch den Zwang, Mittel endlich jenen Bereichen zu entziehen, wo sie Elend, Leid und Qual immer aufs Neue schaffen und mehren? Weniger Kriegsgerät, weniger Soldaten, weniger Blutvergießen? Ist das die viel beschworene Chance der Krise? Schließlich verringert sich, wie britische Wissenschaftler herausfanden, in Krisenzeiten sogar die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle. Einfach dadurch, dass die Menschen mehr und öfter zu Fuß gehen. Allerdings steigen dafür die Opferzahlen von Suiziden, Mord, Totschlag und letalen Herzattacken. Die Ausweitung des Krieges in Afghanistan wird zurzeit von keinerlei Krisenproblemen beeinträchtigt. Und nicht einmal der Bürgermeister von Manzanares El Real will sich an das Ergebnis des Volksentscheids halten, sondern lediglich die Subventionen für den Stierkampf kürzen.

»Grundsätzlicher Wandel«? Liebermanns Ausspruch zeugt da von mehr Realitätssinn.

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