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Kinder, die wie Schwämme sind

»(Ge)schichten über Schichten« – Archäologie- und Museumsprojekt der Carl-Kraemer-Grundschule in Berlin-Wedding

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Wie Archäologen des 19. Jahrhunderts haben sich Mehmet und Ugur verkleidet, als sie am Petriplatz in Berlin-Mitte den Wissenschaftlern über die Schultern schauen durften.
Wie Archäologen des 19. Jahrhunderts haben sich Mehmet und Ugur verkleidet, als sie am Petriplatz in Berlin-Mitte den Wissenschaftlern über die Schultern schauen durften.

Die zehnjährige Zehra ist etwas nervös. Sie und die anderen Kinder der Berliner Carl-Kraemer-Grundschule haben auf den Reporter von der Zeitung warten müssen. Der hat sich verspätet und in dem großen verwinkelten Bau aus dem 19. Jahrhundert den richtigen Weg nicht gleich gefunden. Enttäuscht wären die Kinder gewesen, wenn der Mann von der Zeitung nicht gekommen wäre; es kommt nicht oft vor, dass sich Menschen von Außen für die Kinder hier interessieren, wird die Kunstlehrerin Gabriele Sagasser später erklären.

Als »schicke Antike« hat sich Jaqueline bei den Arbeiten in der Schule drapiert
Als »schicke Antike« hat sich Jaqueline bei den Arbeiten in der Schule drapiert

Die Kinder, das sind rund zehn Schüler aus dem sogenannten Soldiner Kiez in Wedding. Unter den Berliner Problemkiezen mit schlechtem Ruf hat die Gegend rund um die Soldiner Straße im Ortsteil Gesundbrunnen einen besonders schlechten. Die gut 15 000 Menschen, die hier leben, tauchen in den Medien oft in Zusammenhang mit Beschreibungen wie »kriminell«, »verwahrlost« oder »Intensivtäter« auf. Um die Probleme zu mildern, wurde vor zehn Jahren ein Quartiersmanagement ins Leben gerufen. Das Stigma »Problemkiez« bekommt die Gegend dennoch nicht so leicht los. Zu Unrecht, wie die Carl-Kraemer-Grundschule unter Beweis stellt.

Vom Besuch im Museum inspiriert gestaltete Ahmad ein Bild nach einem Motiv mit der griechischen Jagdgöttin Artemis.
Vom Besuch im Museum inspiriert gestaltete Ahmad ein Bild nach einem Motiv mit der griechischen Jagdgöttin Artemis.

Wie wichtig eine Ganztagsschule für Kinder ist, die nicht das Glück haben, in einem bürgerlichen Umfeld mit all seinen Geist und Seele anregenden Einflüssen aufzuwachsen, dafür sind Mathilda, Samantha, Ahmad, Jasmin, Samuel, Omar, Zehra, Sabrina, Halid, Deni und die vielen anderen Schüler der Grundschule ein Beispiel. Monatelang haben die Kinder in der Erde gebuddelt, Dinge ausgegraben, wieder zusammengesetzt, sind ins Museum gegangen, haben dort einiges über griechische Götter, antike Vasenmalerei und babylonische Dichtkunst erfahren. Sie haben selbst nach alten Dingen auf ihrem Schulhof gegraben, das Skelett eines Berliners aus der Gründerzeit der Stadt begutachten dürfen. »(Ge)schichten über Schichten« heißt das Projekt, durch das Gabriele Sagasser, die bildende Künstlerin Anke Fischer und die Archäologin Sabine Böhme ein Jahr den Kindern des Soldiner Kiezes einen Einblick in eine andere Welt ermöglichten. Geld gab es dafür vom Bundesjugendministerium, viel Unterstützung vom Museum für Vor- und Frühgeschichte im Berliner Schloss Charlottenburg. Höhepunkt und Abschluss waren Ausstellungen im Museum und in der Schule mit Arbeiten der Kinder.

Durch das Projekt werden aber nicht nur, wie Mehmet erklärt, Geschichten über die Grabungen der Kinder im Erdreich auf dem Schulhof erzählt oder – wissenschaftlicher von Gabriele Sagasser formuliert – Auskünfte über verschiedene Epochen längst untergegangener Kulturen gegeben; das Projekt erzählt auch etwas über das Milieu, aus dem die meisten der Schülerinnen und Schüler der Carl-Kraemer-Grundschule kommen: die Unterschicht! Die existiert für die bürgerliche Öffentlichkeit als Problem, Positives nimmt sie kaum zur Kenntnis – das Archäologieprojekt der Carl-Kraemer-Grundschule war den meisten Medien der Hauptstadt nicht einmal eine Notiz wert.

Zehra ist stolz, dass sie dem Reporter von der Zeitung etwas über ihre Arbeit und die ihrer Mitschüler erzählen darf. »Bekommen wir auch eine Zeitung«, wollen die Kinder wissen. Sie fragen mehrfach nach, denn es kommt nicht oft vor, dass sich jemand für sie interessiert. Im Speisesaal ihrer Schule haben sie Teile ihrer Arbeit für den Mann von der Zeitung nochmal aufgebaut. »Bei der Vorstellung des Projekts im Museum für Vor- und Frühgeschichte kamen allerdings nur wenige Eltern«, bedauert Anke Fischer.

»Das ist hier so ganz anders als an einer Schule in einem bürgerlichen Bezirk«, ergänzt Gabriele Sagasser. »Dort wird die ganze Familie mit zur Schultheateraufführung geschleppt, hier aber haben die Erwachsenen genug mit ihren eigenen Problemen zu tun.« Der Soldiner Kiez belegte im letzten Jahr in einer Senatsstudie (»Monitoring Soziale Stadtentwicklung«) den 319. und damit den letzten Platz unter allen Gebieten der Stadt. Mehr als ein Viertel der 18- bis 60-Jährigen ist dort arbeitslos gemeldet, 70,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren beziehen staatliche Hilfsgelder. Computerspiele oder Nintendo können sich die Familien nicht leisten, ein Fahrrad hat kaum eines der Kinder. Ihr Leben spielt sich meist innerhalb des Quartiers ab.

Die Fahrt zum Petriplatz ins Zentrum, wo die Kinder den professionellen Archäologen über die Schulter schauen durften, war daher für die meisten eine kleine Weltreise. Eine Kirche und ein Friedhof standen vor Jahrhunderten auf dem Platz in Berlins historischer Mitte und durch die Analyse der dort gemachten Funde konnte man jüngst erst das Gründungsdatum der Stadt um rund 50 Jahre vordatieren. Von der Ausgrabungsleiterin Claudia Melisch ließen sich die Kinder alles erklären. Auf dem Schulhof wurden sie wenig später selbst zu Archäologen. In zwei Gruppen aufgeteilt, die »Allesfinder« und »Lockermacher«, hat ein Teil zunächst Alltagsgegenstände wie zerbrochene Gläser, Vasen, Pappteller, Löffel, Schmuck, vergraben. Professionell, denn es wurden unter Anleitung einer Archäologin auf dem Schulhof verschiedene Erdschichten mit »Artefakten« gebildet. Anschießend hat die andere Gruppe die Gegenstände wieder freigelegt, sie geordnet und nach Hinweisen auf ihre Verwendung geforscht.

Das habe viel Disziplin erfordert, erzählt Zehra. In mühevoller Kleinarbeit versuchten zum Beispiel Halid und sein Freund Deni, einzelne Scherben wieder so zusammenzusetzen, dass der ursprüngliche Zustand einer Vase zumindest erahnt werden kann. Angeregt von der Führung durch das Museum für Vor- und Frühgeschichte haben die Neun- und Zehnjährigen dann selbst Vasen, Schüsseln, Skulpturen mit ihren eigenen Händen geformt. Mathilda zeigt stolz ihr Werk: ein aus Zeitungspapier und Tapetenkleister entworfene Vase. Schon in der Antike, so haben die Schüler im Museum erfahren, haben sich die Künstler am Menschen orientiert; die historischen Gefäße erinnern an Körperrundungen, die Henkel an Arme.

Die Pädagogen der Weddinger Grundschule verfolgen mit dem Projekt das Ziel, über Kunst in den Kindern schlummernde Fähigkeiten zu wecken. Kunst ist Sprache, über Kunst kann sich der Mensch anderen mitteilen. Das funktioniert bei denen besonders gut, die sonst keine Worte finden oder mundtot gemacht werden. »Die Spracharmut unserer Schüler ist das größte Problem und deren Überwindung das Leitmotiv der Unterrichts- und Erziehungsarbeit«, schreibt Gabriele Sagasser im Begleitheft zu dem Museumsprojekt.

Von der Fachwelt wurde das Projekt der Weddinger Grundschule positiv aufgenommen, berichtet Gabriele Sagasser. »Wir hatten von dem Begleitheft ursprünglich nur 20 Exemplare. Nachdem die Besucherdienste der Staatlichen Museen diese sahen, haben sie einen Nachdruck von 1000 Exemplaren veranlasst.« 450 Exemplare wurden kostenlos mit einem Anschreiben der Senatsverwaltung an alle Berliner Grundschulen, Unibibliotheken und Lehrerseminare verschickt, mit dem Appell, ähnliches zu versuchen. Ein weiterer Erfolg ist, dass die Besucherdienste der Staatlichen Museen angekündigt haben, das nächste Projekt der Schule zum Thema »Essen und Trinken« als Kooperationspartner zu unterstützen.

Für die Pädagogen war die Arbeit mit den Kindern Herausforderung und Glücksversprechen zugleich. Keine eventverwöhnten Vorstadt-Kinder, keine Eltern, die an jedem Thema, das die Lehrer vorschlagen, etwas zu kritisieren haben. Dagegen dankbare Kinder, die man nur ein wenig anstoßen muss, damit sie in Fahrt kommen. Unsere Kinder sind wie trockene Schwämme, die saugen alles auf«, sagt Gabriele Sagasser. Eine Zusammenarbeit mit einer Schule in einem gutbürgerlichen Bezirk Berlins würde nicht funktionieren, ist sich die Kunstlehrerin sicher. Aus vielen Gründen nicht, aber auch deshalb, »weil man dort schon zu verkopft ist« und sofort mit bildungsbürgerlicher Attitüde den Wissensdrang der Kinder begrenzen würde.

Die Kinder haben ein großes Potenzial«, sagt Anke Fischer. Gerade die Schüler, die als verhaltensauffällig eingestuft wurden, haben besonders diszipliniert kleine, diffizile Einzelheiten auf das Papier gebracht. Im Speisesaal hängt Ahmads Bild. Darauf ist die griechischen Göttin der Jagd Artemis zu sehen. Stunden, so berichtet seine Kunstlehrerin, habe Ahmad damit verbracht, die Details, die er auf einem Artefakt im Museum gesehen hat, selbst zu Papier zu bringen.

Kämen Ahmad, Samantha, Mehmet und Amienah aus dem schicken Charlottenburg, dem gutbürgerlichen Zehlendorf oder zumindest aus dem aufstrebenden Prenzlauer Berg, wären ihre Startchancen ins Leben schon allein wegen ihrer familiären Herkunft deutlich besser. So aber braucht es besonders gute und engagierte Pädagogen, um dieses Manko auszugleichen. Die Schule war eine der ersten Ganztagsschulen in Berlin. Lesepaten aus dem Bürgernetzwerk Bildung, einem Projekt des Verbandes Berliner Kaufleute und Industrieller, unterstützen die Arbeit und Schulleiterin Christine Frank, erzählt Gabriela Sagasser, setzt sich dafür ein, dass die Kinder nach der Grundschulzeit auf die Heinrich-von-Stephan-Schule im nahegelegenen Moabit wechseln. Die gilt als pädagogische Mustereinrichtung und hat sich im soeben abgelaufenen Schuljahr in eine reformpädagogische Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe umgewandelt.

Seit einigen Monaten gibt es an der Carl-Kraemer-Grundschule ein Angebot für hochbegabte Schüler. Eine kleine Gruppe von Kindern aus ganz Berlin kommt jetzt zum Lernen in den Wedding. Dass die Schule gut ist, hat sich eben bis in die bürgerlichen Bezirke der Stadt herumgesprochen. »Wir verzeichnen zunehmend Erfolge bei den Anmeldungen von Kindern für das kommende Schuljahr – auch von Eltern aus bürgerlichen Bezirken. Diese Eltern kommen zu uns, weil sie von unserem Konzept überzeugt sind«, ist sich Gabriele Sagasser sicher. Und so begegnen sie sich doch noch, die Kinder aus dem »Problembezirk« und die aus den bürgerlichen Quartieren. Vielleicht werden manche Medien in Berlin dann doch noch aufmerksam auf die Kinder der Weddinger Carl-Kraemer-Grundschule.

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