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Berliner S-Bahn kappt Ost-West-Verbindung

Ab Montag weitere drastische Ausfälle / Betriebsrat sieht Rückkehr zum Normalverkehr ab Dezember wegen Personalmangels skeptisch

Dem Berliner Nahverkehr droht der Kollaps: Ab Montag geht bei der S-Bahn fast gar nichts mehr. Zwischen Ostbahnhof und Zoo wird der Betrieb gänzlich eingestellt, auf anderen Strecken besteht nur noch ein Notangebot. Dafür sollen mehr U- und Straßenbahnen fahren.
Ein Vergnügen eig'ner Art – als Nahverkehr in Berlin noch Spaß machte
Ein Vergnügen eig'ner Art – als Nahverkehr in Berlin noch Spaß machte

Für die bisher täglich 1,3 Millionen S-Bahnfahrgäste, denen schon seit Wochen nur ein stark reduziertes Angebot zur Verfügung steht, kommt es noch schlimmer. Auf sieben Abschnitten stellt die S-Bahn ab Montag den Betrieb für mindestens zweieinhalb Wochen komplett ein. 19 Bahnhöfe werden nicht mehr angefahren, darunter Alexanderplatz, Hauptbahnhof, Spandau und der Hackesche Markt. Auch der Flughafen Schönefeld ist mit der S-Bahn nicht mehr erreichbar. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zeigte sich gestern geschockt: »Diese weiteren Einschränkungen treffen die Stadt ins Mark«. Berlin gelte weltweit als eine der Metropolen mit dem besten öffentlichen Nahverkehr. Wegen der hohen Akzeptanz von S-, U-, Straßenbahnen und Bussen treffe es die Berliner jetzt besonders, wenn die S-Bahn in einem solchen Ausmaß ausfällt.

Grund für das Desaster sind die verschärften Auflagen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA). Die Fristen zur Auswechslung und Überprüfung von Rädern werden noch einmal verkürzt, nachdem am 1. Mai ein Zug wegen einer gebrochenen Radscheibe entgleist war. Dadurch stehen der S-Bahn nur noch 165 Viertelzüge aus jeweils zwei Wagen zur Verfügung, normalerweise sind 550 im Einsatz. Der größte Teil staut sich jetzt vor den Werkstätten. Hilfe für die Fahrgäste wird von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) erwartet. Nach einem Krisentreffen mit den Unternehmensspitzen der Nahverkehrsbetriebe teilte Junge-Reyer gestern mit, dass die BVG weitgehend auf einen Ferienfahrplan verzichtet und fast alle U-Bahnlinen tagsüber im Fünf- Minuten-Takt und maximaler Länge fahren werden. Damit erhöht sich das Platzangebot um zehn Prozent. Alle verfügbaren Busse werden aus den Depots geholt, um Linien zu verstärken, die wegen die S-Bahnausfälle besonders gefragt sind. Auch bei der Straßenbahn wird das Angebot verstärkt. Zum Flughafen Schönefeld lässt die Bahn Busse ab Grünau und Bahnhof Südkreuz fahren, zwischen Ostbahnhof, Alex und Zoo müssen Reisende auf Regionalzüge oder die U-Bahn ausweichen.

Ab Mitte August soll sich das Angebot schrittweise normalisieren, ab Dezember wieder der reguläre Fahrplan gelten, versprechen die Bahnmanager. »Das ist ein äußerst sportliches Ziel«, bleibt S-Bahn-Betriebsrat Heiner Wegner skeptisch. »An den Mitarbeitern soll es nicht liegen, aber dafür haben wir viel zu wenig Personal.« Zwar helfen in den Werkstätten jetzt 150 Kollegen aus anderen Wekrstätten der Bahn, »aber in unseren Werkstätten wurden 340 weggespart. Und es gibt noch kein Zeichen, dass sich an dieser Politik etwas ändert. Die Kollegen arbeiten an ihrer Leistungsgrenze.«

Berlins SPD-Landeschef Michael Müller bezeichnete das Chaos bei der S-Bahn als ein Trauerspiel. Offenbar habe die Bahn über Monate oder gar Jahre hin nicht gewusst, in welchem Zustand sich ihre Züge befänden. Er forderte von der Bahn mehr »Kreativität« bei der Bewältigung der Krise. Die Berliner LINKE-Bundestagsabgeordnete Petra Pau sieht das Berliner S-Bahn-Chaos bundesweit als lehrreich an. »Es zeigt, wo man hinkommt wenn man auf die Börse starrt, anstatt die Bürger im Sinn zu haben.« Noch vor Monaten seien CDU und CSU wild entschlossen und die SPD willig gewesen, die Bahn an der Börse zu handeln. »Dafür wurde viel geopfert: Personal, Service, Sicherheit.«

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