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Recherche im Auftrag der Wirtschaftslobby

Die arbeitgebernahe Organisation INSM lockte junge Journalisten mit fragwürdigen Methoden

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Mit offensichtlich irreführenden Versprechungen wollte eine neoliberale Denkfabrik junge Journalisten ködern. Der Fall zeigt, wie weit die unheilvolle Allianz zwischen Journalismus und bezahlter PR bereits gediehen ist.

Das Angebot der Casting-Agentur »Weldy« schien verlockend: »Eine spannende Deutschland-Tour« wurde den potenziellen Interessenten da versprochen. Im eigenen Bus sollten drei junge Journalisten durch Deutschland reisen, um zu sehen, »was wirklich aus der sozialen Marktwirtschaft geworden ist«. Diese Neugier wollte man fürstlich entlohnen: »200 Euro pro Tag« betrage das Honorar, so stand es in dem Anschreiben, dass im Juni auch an eine Kölner Journalistenschule ging. Die Sache hatte nur einen Haken: Bewerber für dieses »Deutschland 24/30« genannte Projekt sollten »der sozialen Marktwirtschaft gegenüber positiv eingestellt« sein. Dafür lockte man mit Auftritten in Talkshows und einer »Reportage für Fernsehsender«. Wie die Organisation LobbyControl vor kurzem erfuhr, steckt die Initiative für eine Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hinter dem Projekt »Deutschland 24/30«.

Die im Jahr 2000 von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie gegründete INSM wirbt – mal diskret, mal ganz offen – für neoliberale Reformen in Deutschland. Um die wirtschaftsfreundliche Denke dem Volk unterzujubeln, geht die INSM auch ungewöhnliche Wege. So platzierte man im Jahre 2002 die frohe Botschaft von der freien Marktwirtschaft in der ARD-Vorabendserie »Marienhof«. In sieben Folgen priesen die Schauspieler dort Eigenverantwortung und flexible Arbeitsverhältnisse. Dagegen mussten sie im Gegenzug Sozialabgaben und hohe Steuern verdammen. Auch die Kampagne »Deutschland 30/24« preist »Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Wettbewerb«.

Allerdings unterlief den Medienprofis dabei ein peinlicher Fehler. So wurden den Bewerbern mögliche Interviewpartner wie Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann und der Schriftsteller Günter Grass präsentiert. Dumm nur, dass die beiden dafür nie ihre Zusage gegeben hatten. Ebenso wenig wie die Produzenten der Talkshow von »Anne Will«, obwohl im Anschreiben der Kampagne der Eindruck erweckt wurde, die Sendung sei ein wichtiger Kooperationspartner von »Deutschland 24/30«. Wie die »Süddeutsche Zeitung« berichtet, erwägt der für die Talkshow verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) deswegen gar rechtliche Schritte gegen die Organisatoren der Kampagne. Ganz so abwegig ist die Vorstellung von einer Zusammenarbeit zwischen INSM und Frau Will allerdings nicht.

So moderierte Anne Will etwa den »Kongress 2002« der INSM. Kritiker werfen der Talkmasterin außerdem vor, dass Gäste ihrer Sendung auffällig häufig in direkter Beziehung zur INSM stünden. Derweil weist die umtriebige Initiative alle Vorwürfe zurück. Man habe keinesfalls den Eindruck erwecken wollen, dass die im Infoblatt aufgeführten Medienpartner tatsächlich zur Verfügung stünden, so die INSM gegenüber dem Nachrichtenmagazin »Spiegel«. Zudem handele sich bei dem von LobbyControl veröffentlichen Anschreiben lediglich um ein »Arbeitspapier«. Heidi Klein von LobbyControl bezweifelt gegenüber ND die Aussagen der INSM: »Es kann sich nicht um ein internes Arbeitspapier handeln, schließlich verschickte man das Anschreiben unter anderem an die RTL-Journalistenschule«.

Derweil sind die drei jungen INSM-Journalisten bereits unterwegs in Sachen Marktwirtschaft. Allerdings ohne Ackermann, Grass und Anne Will. Aber wer weiß, vielleicht findet die INSM ja Mittel und Wege, diese Beiträge im Sinne der »Sozialen Marktwirtschaft« doch noch zu verbreiten. Schließlich verfügt sie nach Angaben der Gewerkschaft ver.di über Medienpartnerschaften – unter anderem auch mit »Focus« und »Handelsblatt«. Außerdem lässt die INSM fertige Beiträge für Print- und Fernsehredaktionen produzieren, ohne dass sie als Autor erscheint.

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