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Selbstbedienungsladen Kaupthing

Ungesicherte Kredite an Großaktionäre wenige Tage vor dem Bankcrash

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 3 Min.
Die isländischen Großbanken sind an ihrer allzu lockeren Kreditpolitik und der Verfilzung mit großen Firmengruppen zugrunde gegangen. Dies belegen jetzt bekannt gewordene Dokumente.

Im Internetzeitalter wird es immer schwieriger, Informationen zurückzuhalten. Das musste die nach dem Konkurs im Vorjahr verstaatlichte Kaupthing-Bank jetzt erkennen. Trotz gerichtlichem Verbot stellten Unbekannte streng vertrauliche Dokumente auf die Webseite »Wikileaks«, die zumindest teilweise zeigen, wo die Milliarden geblieben sind, die zum Zusammenbruch des isländischen Bankensystems und des Beinahe-Staatsbankrottes führten.

Demnach bewilligte Kaupthing noch kurz vor dem Zusammenbruch riesige Kredite ohne Sicherheit an eigene Großaktionäre und deren engste Geschäftspartner. Allein hierbei geht es um fünf Milliarden Euro, die offenbar nur die Spitze des Eisberges sind. Diese Summe ist deutlich mehr als die Hälfte eines jährlichen Nationaleinkommens Islands (etwa 8,5 Milliarden Euro).

Kaupthing hat zusammen mit den anderen beiden, ebenfalls Pleite gegangenen Großbanken Glitnir und Landsbanki eine Auslandsschuld von etwa 50 Milliarden Euro aufgehäuft. Dies ist Folge einer Geschäftspolitik, die sich nach 2001 entwickelte, als der Banksektor dereguliert wurde und die Kreditpolitik der Banken ein immer höheres Tempo annahm. Obwohl einige isländische Geschäftsleute Millionenvermögen im Ausland verdient hatten, womit sie bestimmende Aktienpakete in den privatisierten Banken kauften, deckte deren Eigenkapital zu keinem Zeitpunkt die Kredite auch nur annähernd. Finanziert wurde das Geschäftsabenteuer stattdessen durch Kapitalbeschaffung im internationalen Interbank-System.

Das System brach zusammen, als Kaupthing & Co. ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Gleichzeitig waren alle isländischen Banken mit Firmengruppen kapitalmäßig verflochten. Die jetzt veröffentlichten Dokumente zeigen, dass die Kreditverantwortlichen der Geldhäuser sich darüber im Klaren waren, dass viele dieser Kunden keinerlei Sicherheit bieten konnten, ihre Schulden zu begleichen. Allein die Investmentgesellschaft Exista, die rund 20 Prozent an Kaupthing hielt, stand im Herbst bei der zusammengebrochenen Kaupthing-Bank mit über 1,2 Milliarden Euro in der Kreide.

Insgesamt schuldeten allein die zehn größten Kaupthing-Kunden der Bank rund sieben Milliarden Euro. Müßig zu sagen, dass sich der Verbleib des Geldes in einem Gestrüpp von Gesellschaften verliert, die oft ihren Sitz in Ländern mit zweifelhaften Ruf hatten. Fest steht, dass der isländische Staat und damit der Steuerzahler über viele Jahre hinweg für das Geschäftsgebaren der Turbokapitalisten wird aufkommen müssen.

Der ehemalige Besitzer des englischen Fußballklubs Westham United, Björgólfur Gudmundsson, der Privatinsolvenz erklärt hat, hält sowohl den isländischen als auch den britischen Rekord persönlicher Schulden mit 525 Millionen Euro. Sein Sohn und Geschäftspartner, Björgólfur Thor, ist indes weiterhin geschäftlich aktiv und hat die gesunden Teile des Firmenimperiums übernommen. Beide gelten als Hauptverantwortliche des sogenannten Icesave-Skandals, der 300 000 Bankkunden in Großbritannien und den Niederlanden ihrer Ersparnisse beraubte. Beide Länder haben damit gedroht, die EU-Aufnahmegespräche Islands zu verzögern, obwohl ein Kompensationsabkommen geschlossen wurde, um die Icesave-Kunden zu entschädigen. Die norwegisch-französische Juristin Eva Joly, die sich als Korruptionsbekämpferin einen Namen gemacht hat, leitet die Untersuchungskommission, die die persönliche Verantwortung feststellen soll. Ihre Arbeit wird aufgrund der Komplexität der Materie frühestens in zwei bis drei Jahren zu einer Anklageerhebung führen.

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