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Kompetenz und Ignoranz

Die Babelsberger Diplomatenschule – und ihre Abwicklung

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Das Interesse an internationaler und gesellschaftlicher Politik und politischen Veröffentlichungen war in der DDR ungleich größer als heutzutage. Die Gründe dafür waren vielfältig. Sie reichten vom hohen Stellenwert politischer Bildung, Information und Erziehung in den Schulen und praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen bis zur heute weithin fehlenden Überzeugung und immer stärker werdenden Hoffnung von vielen Menschen, dass die Veränderung von Politik notwendig und letztlich möglich sei.

Das Institut für Internationale Beziehungen (IIB) war zu DDR-Zeiten durch die intensive Publikations- und Vortragstätigkeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für politisch Interessierte daher durchaus keine Unbekannte. Über seine eigentlichen Aufgaben, die Aus- und Weiterbildung von Diplomaten und seine Forschung, sickerte dagegen kaum etwas in die Öffentlichkeit. Das lag nicht zuletzt am elitären und geschlossenen Charakter der DDR-Diplomatenausbildung und am Fehlen eines öffentlichen Diskurses in wichtigen gesellschaftswissenschaftlichen Bereichen, zumal gerade die Außen- und internationale Sicherheitspolitik direkten und massiven politischen und ideologischen Vorgaben der engsten SED-Führung unterlag.

Es ist eher Zufall, dass die Publikation der verdienstvollen und maßgeblich von ehemaligen Mitarbeitern des Instituts gegründeten Zeitschrift »WeltTrends« jetzt, in einem Jahr intensiver Auseinandersetzungen um die Geschichte der DDR erschien; die Arbeit daran wurde bereits vor längerer Zeit begonnen. So jedoch kann sie weit über eine Institutsgeschichte hinaus einen wichtigen Beitrag zur kritischen, aber realistischen und differenzierten Sicht auf die DDR, aber auch auf die Defizite altbundesdeutscher Politik und neubundesdeutscher Gegenwart leisten. Und genau das leisten praktisch alle Beiträge dieses Sammelbandes, zu denen sich fast die gesamte frühere wissenschaftliche Führung des IIB, aber auch ehemalige Studenten des Instituts noch einmal versammelt haben.

Behandelt werden hier der Platz des IIB im politischen System und der außenpolitischen Forschung der DDR, die Entwicklung seiner Lehrtätigkeit, darunter der an deutschen Hochschulen beispiellosen Fremdsprachenausbildung, die Forschungsergebnisse zur internationalen und europäischen Sicherheit, zur westeuropäischen Integration, zur Außenpolitik sozialistischen Staaten und der USA, zur Rolle der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen »Entwicklungsländer« und zum Völkerrecht. Das Buch schließt mit den euphorischen Vorstellungen zur Neugestaltung des IIB und der internationalen Politikwissenschaft im Umbruch der DDR und der ignoranten Abwicklung des Instituts in ihrem Zusammenbruch.

Sammelbände haben den Vorteil, dass ein umfassenderer Überblick und unterschiedliche Positionen zum Ausdruck kommen können. Das ist ein Vorzug auch dieses Bandes. Dass es dabei eine gemeinsame Diktion aller Autorinnen und Autoren gibt – eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit den Beschränkungen und Selbstbeschränkungen (!) von Lehre und Forschung durch die Vorgaben der SED-Führung und ihre Unterordnung unter eine wissenschaftsfremde Ideologisierung, aber auch eine selbstbewusste Verteidigung eigener Arbeitsansprüche und vieler Arbeitsergebnisse – dürfte nicht einem gemeinsamen Konzept, sondern einer viel wichtigeren Tatsache zu verdanken sein: Bei aller (und großer) Inkonsequenz zeigten sich auch am IIB seit den 1970er und verstärkt in den 1980er Jahren eine widersprüchliche emanzipatorische Tendenz und eine zunehmende Verpflichtung gegenüber kritischer Wissenschaftlichkeit, die sich zugleich aus einem politischen Engagement für eine Zivilisierung der internationalen Beziehungen und eine realistische Politik der DDR speiste. Viele Absolventen des IIB, die nach 1990 von der Arbeit im auswärtigen Dienst der Bundesrepublik fast vollständig ausgeschlossen worden sind, fanden dank ihrer oft hochkarätigen fachlichen Bildung und sozialen und kulturellen Kompetenz rasch interessante Arbeitsplätze in der Wirtschaft, in internationalen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, in den Medien und anderswo.

Wie in den meisten Sammelbänden ist ein Nachteil nicht vermieden worden: Gerade die Bewertung der Forschungsergebnisse, ihres zunächst oft primär apologetischen, aber tendenziell wissenschaftlicheren, theoretisch und empirisch fundierteren Charakters hätte eine tiefergehende Analyse verlangt. Das konnte und wollte diese Publikation nicht leisten. Doch für eine breitere Leserschaft, die sich die DDR nicht von Leuten erzählen lassen will, die wie Karl May über die Indianer in Amerika schreiben, ohne je dort gewesen zu sein, eine lohnenswerte Lektüre.

Erhard Crome (Hg.); Die Babelsberger Diplomatenschule. Das Institut für Internationale Beziehungen der DDR. WeltTrends, Potsdam 2009. 272 S., br., 14,90 €. Bestellung: www.welttrends.de

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