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Hauen und Stechen

Agda Bavi Pain führt nach Osteuropa – ans »Ende der Welt«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Gelobt sei nicht zuerst der Autor, sondern der Übersetzer. Mirko Kraetsch, 1971 in Dresden geboren, ist mit dem Roman des gerade mal fünf Jahre jüngeren Agda Bavi Pain ein Kunststück gelungen. Slowakisch, vermischt mit Ungarisch, der Roma-Sprache oder einfach nur dem Ganoven-Slang – diese Vielschichtigkeit hat Kraetsch ins Deutsche gebracht. Durch seine Sprachkraft erhält der Text einen Sog, den er durch seine Handlung allein nicht hätte. Denn die bietet so viel Abwechslung nicht. Hauen und Stechen, dazwischen wird immer mal wieder eine Flasche geleert. Von 17 Leichen ohne Beerdigung spricht der Autor auf seiner Webseite. Dort stellt er sich als dekadenter Untergrunddichter, Punk-Musiker und Mitglied der satanischen Sekte »Kirche des siebten Sohnes« vor. Dass er dem kriminellen Drogenmilieu zugeneigt sei, würde von ihm gesagt. Sein Porträt rollt dazu mit den Augen. Imagepflege im 21. Jahrhundert. Wurde »Pulp Fiction« von Quentin Tarantino nicht für sieben Oscars nominiert?

Immerhin, als ihm die Bank Austria den »Großen Preis für Literatur aus dem Osten und Südosten Europas« verlieh, zog Agda Bavi Pain einen schwarzen Anzug an. Vielleicht hat er sich nach der Preisverleihung nicht mal zugeschüttet oder zugedröhnt, vielleicht ist er überhaupt ein völlig anderer Mensch, als es scheint. Vielleicht ist die leicht benebelte Atmosphäre im Roman nur ein Kunstgriff, unser Bewusstsein beim Lesen auf eine andere Ebene zu heben. Was gelingt.

Anfangs habe ich das Buch noch weglegen wollen und wunderte mich dann, wie atemlos ich las. Abläufe im Präsens, Dialoge der simpelsten Art: »Was sagste? ... Nix.« – Was soll daran so faszinierend sein? Aber es gibt wohl noch eine unterschwellige Ebene, eine Krümmung von Raum und Zeit, etwas Unerklärliches. »Und so schlingerst du herum und windest dich heraus.« Wie geht das zu, dass Filmfiguren plötzlich zu Menschen werden und sich dann wieder zurückverwandeln in Staffage?

»Erzähl un' übertreib scheen«, sagt Dulus, Oberhaupt einer Roma-Familie (mein Gott, wie viele Leute auf allerengstem Raum!), zu Robi. Der ist gerade aus dem Gefängnis zurück und schon wieder auf dem Sprung. Neue Geschäfte und alte Rechnungen. »Du bist gekommen, damit du dich umbringen lässt«, meint die Nutte Norika – in weiser Voraussicht. Und auch sie selbst wird Robi nur kurz überleben. Wird mit einem ehemaligen Polizisten anbandeln, der in Frauenkleidern weißes Pulver schmuggelt, völlig wirr und dann wieder ganz klar im Kopf, und sich irgendwann über die tote Norika beugt. »Abfliegen, sich fallen lassen«. Wie »Papierblumen in der Schießbude« sind diese Leute. Betäubt im Leben und im Tod. Nur so, scheint's, können sie's ertragen.

Der Roman spielt in Kosice – Ostslowakei, an der ungarischen Grenze: Auch der Autor lebt dort. »Lauter Pfandleihen und Secondhandläden ... Supermärkte und Bierlokale ... Auch Banken gibt es mehr. Und bunte Leuchtschriften. Von wegen Lacke und Farben, Haushaltwaren oder Obst und Gemüse. Von wegen Gemischtwarenhandlung. Eine andere Welt.«

Eine andere Welt als sie früher noch herrschte. Wo man damals schon ziemlich weit unten war, nun ein Sturz, der noch weiter in die Tiefe ging. Leben »Na dne«, ganz unten, wie Gorkis »Nachtasyl« im Original hieß. Und kein Funken Hoffnung, alle moralischen Werte zerstört.

Kosice am »Ende der Welt« ein Bild für Osteuropa. Da ist Schluss mit Parodie und Ironie. Das muss man dem Autor wohl glauben, dem es seltsam vorkommen dürfte, wie man sein Buch im Westen liest, und der doch darauf spekuliert. Es schaudert einen. Doch was für ein Schaudern kann das sein – im ICE, Coffee to Go auf dem Tisch, Buch in der Hand?

Agda Bavi Pain: Am Ende der Welt. Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Wieser Verlag. 243 S., geb., 14,80 €.

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