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Rundfahrt im Orient

Mit der BVG fünf Stunden durch das türkische Kreuzberg

  • Von Francois Becker, AFP
  • Lesedauer: 3 Min.

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Minarette, Dampfbäder und Teestuben sind seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Stadtteils Kreuzberg. Doch nicht alle Bewohner der Hauptstadt kennen das türkische Berlin, und auch für Touristen steht oft nur die lebendige Kneipenszene in dem Multikulti-Kiez auf dem Programm. Mit einer Tour durch »Klein Istanbul« wollen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das ändern. Stadtführer Horst Schulz zeigt Berlinern und Besuchern einen Stadtteil, den viele nur als sozialen Brennpunkt aus den Nachrichten kennen.

Rund 120 000 Türken leben in der 3,4-Millionen-Stadt Berlin. Rund ein Drittel der Bewohner von Kreuzberg sind Migranten, viele haben türkische Wurzeln. »Stellen Sie ruhige alle Fragen, die Ihnen durch den Kopf gehen«, ermuntert Schulz die Teilnehmer zu Beginn der fünfstündigen Kreuzberg-Tour. »Warum die Frauen verschleiert sind oder wie man die besten Melonen auf dem Markt auswählt.«

30 Männer und Frauen sitzen im Bus, die meisten im Rentenalter. »Ich will mein Viertel besser kennenlernen«, sagt eine elegante Dame in den Siebzigern, die sich im Bus durch die Straßen von Kreuzberg und den angrenzenden Bezirken fahren lässt. »Es geht auch darum, eine andere Kultur zu entdecken.« Auf dem Bürgersteig sitzen drei Türkinnen zusammen und palavern. »Da! Die ersten verschleierten Frauen«, ruft eine Mitfahrerin aus, eine Krankenschwester im Ruhestand, die sich bisher noch nicht hierher getraut hat.

Den ersten Halt legt der Bus an der Neuköllner Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ein. Sie liegt auf dem Gelände des alten türkischen Friedhofs, mit einer strahlend weißen Kuppel und Minaretten im klassischen osmanischen Stil. Die Besucher zücken ihre Kameras und ziehen die Schuhe aus, bevor sie den großen Gebetsraum betreten. Stadtführer Schulz, der von seinem türkischstämmigen Kollegen Ümit Turkschan begleitet wird, gibt eine Kurzeinführung in den Islam.

Fünf Gebete am Tag? »Aber dann schlafen sie ja gar nicht«, kommentiert eine Teilnehmerin. Eine andere lässt ihren Blick über die arabischen Kalligraphien an den Wänden gleiten: »Sie lernen den Koran auswendig, ohne die Sprache zu sprechen?« Zur fremden Religion gibt es viele Fragen. »Wer bezahlt den Imam? Steigt der Muezzin aufs Minarett hoch?« Turkschan wirft sich nieder und demonstriert, wie das islamische Gebet funktioniert.

Am Ende gingen die Fragen immer in die gleiche Richtung, erzählt Schulz. »Es ist immer das Gleiche: Warum gibt es Selbstmordattentäter? Warum werden die Frauen unterdrückt?« Ein Paar aus dem Norden Berlins rechtfertigt sich. »Es ist doch etwas Wahres dran. Wir waren in der Türkei, dort laufen die Frauen immer hinter den Männern her.«

Seit einem Jahr führt die Tour durch das orientalische Kreuzberg, rund 300 Berliner und Besucher haben seitdem daran teilgenommen. Schulz sieht seine Touren als einen Beitrag zur Integration. »Die Leute leben in Berlin, aber sie waren noch nie allein in Kreuzberg«, sagt er. Die Sehitlik-Moschee ist eines der bekanntesten islamischen Gebetshäuser in Berlin, jeden Tag kommen Besucher zu Führungen hierher. »Es ist klar, dass sie sich bestimmte Fragen stellen, wenn sie nie zuvor in einer Moschee waren«, sagt Ismail Yilmas, der in dem Gotteshaus arbeitet.

Hammam, türkisches Restaurant, Marktbesuch – die fünf Stunden sind schnell vorbei. Für sinnvoll hält Moscheemitarbeiter Yilmas die Tour durch »Klein-Istanbul« trotzdem. »Das hilft, das Eis zu brechen«, sagt er. »Die Leute erkennen, dass es nicht nur Schleier und Döner in Kreuzberg gibt.« Die meisten hätten zwar schon einmal einen billigen Pauschalurlaub an der türkischen Küste gemacht – »aber dort haben sie bestimmt keine Türken getroffen«, sagt Yilmas. »Viele wissen nicht einmal, dass es in Deutschland auch viele türkische Ärzte und Anwälte gibt.«

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