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Geld spielt (k)eine Rolle

Immer mehr Akademiker müssen sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen zurechtfinden

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Über eine mangelnde Auftragslage kann sich Janine G.* nicht beklagen. Janine G. hat Sozialpädagogik in Berlin studiert, sie ist 27 Jahre alt und heute als Freiberuflerin tätig. Mal gibt sie Seminare zur politischen Bildung bei diversen Organisationen, dann betreut sie Jugendfahrten im In- und Ausland. »Spaß bringen mir diese Jobs alle, aber viele sind oft schlecht bezahlt«, sagt die Sozialpädagogin.

So wie Janine G. müssen sich heute auch andere Gutgebildete und Hochqualifizierte mit nicht angemessenen Löhnen und prekären Beschäftigungsverhältnissen abfinden. Eine gute Bildung und Qualifikation ist zwar noch immer die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Gleichwohl kam eine Studie der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik um Christiane Mück und Karen Mühlenbein bereits vor Jahren zu der Erkenntnis, dass der Einkommensvorteil von Akademikern gegenüber Beschäftigten ohne Hochschulabschluss zwischen 1991 und 2001 kontinuierlich abgenommen hat. Ein Studium lohnt der Studie zufolge – zumindest aus finanzieller Sicht – immer weniger. Ein Viertel aller Studierten verdiente in diesem Zeitraum nicht mehr als ein Angestellter mit Berufsausbildung.

Ein Großteil der Hochschulabsolventen kann sich heute als Berufseinsteiger nicht mehr an den Verdienstmöglichkeiten orientieren, die die eigenen Eltern nach einem Studium hatten, so eine Erkenntnis der Studie. Im Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zeigte sich, dass gerade bei jungen Akademikerinnen im Westen der Einkommensvorteil deutlich abgenommen hat; er ist bei Berufseinsteigerinnen innerhalb von zehn Jahren von 55 auf 50 Prozent gefallen. Und generell gebe es zwar noch immer das »Senioritätsprinzip«, dass im Alter besser verdient wird, aber auch dieser Automatismus scheint sich aufzuweichen.

Immer mehr hangeln sich von Job zu Job

Janine G. kennt diese Situationen, in denen man sich dann oft überlegt, ob man einen Job oder Auftrag überhaupt annimmt. »Oft lohnt der Aufwand finanziell kaum, meistens macht man es dann trotzdem, um Arbeit zu haben und Erfahrungen zu sammeln«. Allem Unmut zum Trotz kam eine kürzlich veröffentlichte Studie des Hochschulinformations-System (HIS) im Auftrag des Bundesbildungsministeriums aber zu der Erkenntnis, dass Hochschulabsolventen langfristig gesehen so gut wie nie arbeitslos sind und noch immer überdurchschnittlich viel verdienen. Uni- und Fachhochschul-Absolventen des Jahres 1997 wurden über Jahre hinweg befragt. Herausgekommen ist eine Langzeitstudie mit fast 5500 Befragten.

So verdienen Akademiker zumindest zehn Jahre nach dem Examen sehr gut, wenngleich sich Unterschiede in puncto Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern bemerkbar machen, die Lohnunterschiede enorm sind. Fachhochschul-Absolventen haben inklusive aller Zulagen im Schnitt ein Bruttoeinkommen von 60 000 Euro, Uni-Akademiker sogar von 64 000 Euro. Im Verhältnis zu anderen FHlern verdienen dort ausgebildete Architekten wiederum besonders schlecht, nämlich 30 bis 40 Prozent weniger. Ähnlich sieht es bei Pädagogen im Vergleich zu anderen Uni-Absolventen aus.

Janine G. ist kein Einzelfall. So wie sie sind heute zwar auch andere Akademiker in Relation zu anderen Vergleichsgruppen seltener arbeitslos, gleichwohl muss sich ein nicht geringer Anteil von Job zu Job hangeln. Zehn Jahre nach dem Examen haben dennoch 91 Prozent der FH- und 89 Prozent der Uni-Absolventen einen Job. Nur ein Prozent ist arbeitslos. Uni-Absolventen sind meist nur direkt nach dem Studium arbeitslos, wenn sich Studenten auf ein zweites Staatsexamen vorbereiten oder auf eine Doktorandenstelle warten.

Auch Janine G. war nach ihrem Studium arbeitslos, allerdings nur wenige Monate. Dann bekam sie erste Aufträge, alles wurde zum »Selbstläufer«, wie sie sagt. Das können nicht alle Absolventen von sich behaupten: Überdurchschnittlich häufig arbeitslos waren laut der HIS-Studie Pädagogen, Biologen und ehemalige Studenten »baubezogener Fachrichtungen« sowie der Agrar- und Ernährungswissenschaften an Unis und Fachhochschulen. Außerdem sind Absolventen von Magisterstudiengängen häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Janine G. hat sich nach dem Studium selbstständig gemacht. Direkt im Anschluss an das Studium macht das zwar nur ein geringer Teil der Hochschulabsolventen, etwa ein Fünftel plant jedoch eine Selbstständigkeit, schiebt diese aber zunächst auf. Der am häufigsten genannte Grund für die Aufnahme einer Selbstständigkeit ist die Chance, »eigenverantwortlich« arbeiten zu können. Ebenso sind die Selbstbestimmung der Arbeitsinhalte, die Möglichkeit, den Arbeitsort und die Arbeitszeit zu bestimmen, und Gedanken, sich etwas »Eigenes aufzubauen« und »Geld für sich zu verdienen«, häufig genannte Gründe. Eine schlechte Arbeitsmarktlage ist für die meisten Befragten kaum ein Argument pro Selbstständigkeit. Eine Ausnahme bilden dennoch Absolventen der Magisterstudiengänge, von denen mehr als ein Drittel diesen Grund nennt und exemplarisch für »aus der Not« erwachsende Selbstständigkeit steht.

Selbstständigkeit als Kompromiss

Für Janine G. war die Selbstständigkeit zumindest »ein Kompromiss«, wie sie sagt. Ihre Jobs stellen sie zwar »zufrieden«, dennoch sei die Arbeit auf dem freien Markt nervenaufreibend, und wenn es die Möglichkeit auf eine Festanstellung gebe, würde sie den Job auch annehmen – vorausgesetzt, er würde ihren Vorstellungen entsprechen. So sind auch der HIS-Studie zufolge Absolventinnen generell mit ihren Jobs zufrieden. Gleichwohl steigt der Druck auf dem Arbeitsmarkt auch für Hochqualifizierte. Wie der Industrie-Soziologe G. Günter Voß resümiert, haben sich die Anforderungen von fachlich eng spezialisierten Kompetenzen hin zu individuellen, hoch komplexen und entwicklungsoffenen wie vielfältig einsetzbaren Qualifikationspotenzialen im Laufe der Jahrzehnte verschoben. Davon profitieren zwar gerade die Bessergebildeten, gleichwohl nehmen viele Absolventen schlechte Bedingungen in Kauf, um anpassungs- und konkurrenzfähig zu sein.

* Name geändert

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